Jahrgang 
1865
Seite
342
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Im Kdlerhorſt.

Nach jahrelanger Abweſenheit in der Stadt war ich wieder daheim, wohnte wieder unter dem traulichen Dache der beſcheidenen aber zierlichen väterlichen Wohnung in Untergiblen bei Elbigenalp im Lechthale!

Drinnen in der Stadt war meine kindliche Neugier anfänglich zwar durch vieles gereizt worden, meinem ſtrebſamen Geiſt bot das Inſtitut, das ich als Schülerin beſuchte, vieles Anregende und Be⸗ lehrende, allein die ſteifen Formen der Etikette legten ſich auch gleichzeitig wie Feſſeln um meine junge Seele, die unbeugſamen Regeln und Geſetze der gerühmten Anſtalt ſchnürten ſich mir ums Gemüth wie die eiſernen Reifen ums Herz des armen Heinrich im Märchen. Jeder Schritt des wilden Bergkindes ward dort abge⸗ meſſen, jeder Laut gewogen, vor dem ſtrengen Blick der Oberin erſtarb das luſtige Lied der heimatlichen Alm!

Jetzt war ich frei!

Alles grüßte ich jubelnd, die theuern Eltern und die liebe Schweſter, hier die alte Wanduhr mit dem unveränderlichen Ticktack, dort den wilden Bach, das Thal, den Wald und über ihm der Berge weiße Gipfel! Dort auf dem ſchmalen Pfade, der am jähen Abgrund hin ſich nach der grünen Alpenmatte mit den Sennereien zieht, war ich als wildes Mädchen mit bloßen Füßen oftmals über ſpitze Steine und ſcharfe Kieſel jubelnd im Uebermuth geſprungen. Weiter hinten im tiefen Grunde des Thales lugte der Gipfel der Saxengwandl an der Gretlesalp herüber, an die ſich eine unvergeßliche Erinnerung für mich knüpfte. Dort war es, daß ſie vor ſieben Jahren mich am Seil hinunterließen bis zur Mitte der Fluh. Dort hing ich an dem dünnen Faden, ein fünfzehnjähri⸗ ges Mädchen zwiſchen Tod und Leben, zitternd vor Furcht, allein ich mußte die Thränen niederkämpfen, mit welchen die Angſt den Blick zu dunkeln drohte. Ich mußte ja ſcharfe Umſchau halten, richtig mit dem Auge die Entfernung ſchätzen, um ſchwingend den Adlerhorſt zu erreichen, der unter der überhangenden Felswand in der Kluft verſteckt war. Es war nicht etwa jugendlicher Uebermuth, der mich zu dem tollen Wagſtück trieb; das bittre Muß war's, das mich zwang!

Ein Adlerpaar hatte ſich ſeit Jahresfriſt dort eingeniſtet. Zur eignen Sättigung und zur Aetzung des Jungen auf der Platte be⸗ raubte es die Herden und den Wildſtand ringsum und rief laute Klagen in der Nachbarſchaft hervor. Von meinem Vater forderte es die Pflicht, die Gegend von dem Raubgeſindel zu befreien und außerdem trieb ihn die eigene Leidenſchaft als Adlerjäger. Er hatte keine Ruhe noch Raſt, ſo lange er die königliche Beute in der Nähe wußte. Kein Burſche in der Gegend wollte ſich zu dem kecken Wage⸗ ſtück entſchließen, den jungen Adler auszunehmen, es blieb uns keine weitere Wahl ich mußte es thun!

Seit jener Zeit hatte man in der Nachbarſchaft keine Spur von Adlern wieder bemerkt, nur dieſen Sommer erhoben ſich Klagen über geraubte Lämmer und Zicklein; doch hatte noch niemand den Räuber auf der That ertappt. Mein Vater war am frühen Morgen mit ſeinem vertrauteſten Freund und GamskameradHannus Keiler zur Gretlesalp nach Gamſen aufgeſtiegen. Es dunkelte bereits, als er zurückkam.Anna, ſprach er zu mir,es horſten wieder Adler im alten Neſte an dem Saxengwandl, ſie haben ein Junges. Als ich mit Hannus an der Gretlesalp hinaufgeſtiegen und wir nach Gamſen Umſchau hielten, wir hatten Spuren eines ſtarken Rudels, da ſahn wir in der Ferne unſer Wild in toller Flucht und zugleich zog pfeilgeſchwind ein Adler mit einem Gamszicklein in den Fängen überm Abgrund hin, ein wahrer Rieſe ſeiner Art. Er flog dem Saxen⸗ gwandl zu.Der Satan, ſchrie Hannus,er hat uns die ganze Jagd verdorben, die Gamſen ſind geſcheucht;'s iſt jammerſchade um das nette Junge!Was gilt's, erwiederte ich,die Adler haben wieder den alten Horſt am Saxen eingerichtet; iſt's ſo, dann ſollen ſie's uns büßen, wir legen den Wilderern das Gewerbe. Ich mein' wir gehen gleich hinauf und ſchauen nach! Geſagt, gethan! Es war zwar noch ein gut Stück Weg bis zur Wand, allein die alte Adlerluſt machte uns flinke Beine. Wir langten am Gwandl an und klommen zur Seite bis zu dem Abhang hin, an dem ſich die

Lärchenwaldung hinſtreckt. Von dort aus kann man, wie Du weißt, grad auf die Platte hinüber ſehen. Richtig, dort lag das Zicklein und mit dem Fernrohr erſpähten wir einen jungen Adler auf den dürren Reiſern.- Vom Alten war keine Spur zu merken. Vielleicht hatte er unſer Kommen bereits entdeckt und war weggeflogen. Das Junge war noch ſchwach, der Hunger quälte es. Wir ſahen, wie es ſich mühte, mit dem Schnabel von dem Wildpret Stücke loszureißen. Es wollte ihm nicht gelingen und unbehilflich taumelt es wieder rückwärts an die kalte naſſe Felswand. In unſerem Eifer ſtiegen wir den Saxen vollends hinauf und legten uns droben in Verſteck. Wir meinten, der Alte ſolle ſich bald wieder ſehen laſſen und dann wollten wir ihm mit einer Kugel die Gams bezahlen. Eine Stunde verging, kein Adler ließ ſich blicken. Da kam uns mit der Zeit auch beſſrer Rath.Das Junge iſt noch zu klein, ſagt' ich zu Hannus,wenn wir den Alten ſchießen, muß es verkommen, da es jetzt noch eine Aetzung annimmt. Ich denke, wir laſſen es noch ein Paar Wochen wachſen, dann ſchießen wir den Alten und nehmen das Junge aus dem Horſte. So ſagte ich und wir zogen ab und machten unterweges Pläne, welchen Tag wir's etwa unternehmen und wer's wohl ſein würde, der ſich zum Horſt hinunter ließe!

Er ſchaute dabei mich halb bedenklich, halb ſchalkhaft forſchend an, als wollte er ſagen:Ja, vor ſieben Jahren ließen wir Dich hinab, damals warſt Du ein keckes Alpenkind, voll von verwegnem Muth, jetzt biſt Du ein Stadtjüngferchen geworden, haſt ſtatt des Bergſtocks den Zeichenſtift und den Pinſel geführt, mit dem Adler holen iſt's da nichts mehr!

Ich weiß nicht, was mich dazu trieb, war's ein wenig ge⸗ kränkter Ehrgeiz, war's die übermächtig erwachende alte Jugendluſt der Berge, genug ich bat:Väterchen, laß mich das Junge holen! was ich früher gethan, werde ich jetzt auch noch können; ich bin ja ſtärker jetzt als damals.Nun, wenn Dus thun willſt, er⸗ wiederte er,iſt mir's ſchon recht. Ich dachte nur, drinnen im Inſtitute in der Stadt hätteſt Du das Bergſteigen juſt verlernt und 's würde Dir jetzt nicht mehr ſauber dünken, mit dem Seil am Saxen⸗ gwandl runter zu fahren.

Wir ſetzten den 11. Juni als den Tag feſt, an dem es geſchehen ſollte. Alle, die ſich dabei betheiligen wollten, wurden eingeladen. Zwei Tage früher verſorgten wir den Vater mit Lebensmitteln auf einige Tage. Er ſtieg nach dem Adlerhorſte voraus, begleitet von einem jungen, aber ausgezeichneten Schützen, von ſeinem Bekannten Schiffers Hannus ſchlechthin genannt. Außer ihm gingen noch mit Keiler, des Vaters Buſenfreund und Goldner, der alte Forſt⸗ gehilfe. Die vier Jäger wollten in den Sennhütten zur Sax Nacht⸗ lager halten, dann vom frühſten Morgengrauen an ſich am Horſte auf die Lauer legen, um einem oder noch lieber alle beide alten Adler wegzuſchießen, ſo wie ſie ſich etwa ſehen ließen. Ich wünſchte ihnen im Herzen den glücklichſten Erfolg. Waren die alten Adler todt, ſo entging ich einem großen Theile der Gefahr, die mir bei meinem Unternehmen drohte; dann aber freute ich mich noch mehr auf die herrlichen Adlerfedern zum Schmuck auf meinen Strohhut, ſie zieren ja beſſer und fallen ſchöner als ſelbſt Straußenfedern.

Endlich brach der Morgen des 11. Juni an und ſchon in der Dämmerung ſtellten ſich die Männer und Burſche in unſerm Hauſe ein, die den Zug mitmachen wollten. Die Hauptperſon dabei war der alte Günther, der Oberſchützenmeiſter von Elbigenalp, ein braver, wackrer Herr. Ihn begleitete der Gemeindearzt Dr. Fulterer. Ferner fand ſich ein mein Vetter, der den SpitznamenHolz ſeiner Uner⸗ ſättlichkeit im Verbrauch des Brennholzes verdankte. Er war ein kräftiger und zuverläſſiger Menſch. Sogar von Stanzach her war ein Jugendfreund von mir hergekommen, Albert, den wir wegen ſeines ſtillen, gutmüthigen Weſens denſanften nannten. Er war eines Lehrers Sohn und ſelber Lehrer. Außerdem ſchloſſen ſich noch mehrere kräftige Burſchen aus der Nachbarſchaft dem Zuge an.

Mein Bruder Hannes trug das gewichtige Seil und ſpielte unterweges Märſche und luſtige Weiſen auf der Mundharmonika, ſeinem Lieblingsinſtrument. Albert trug das Bündel, welches meine Ausſtattung zur Seilfahrt enthielt; meines Bruders dicke Hoſen und