Jahrgang 
1865
Seite
340
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einen kalten, faſt geringſchätzigen Gegengruß, für die ehrerbietige der ſein Waidmeſſer gezogen hatte und ihm mit einer Unerſchrocken⸗

Meldung der oberſten Forſtbeamten nur ein kurzes Nicken, eine ent⸗ laſſende Handbewegung hatte. Was war dem Fürſten begegnet, daß er wider ſeine Gewohnheit ſo unmilder Weiſe unter die Seinen trat und jeden freundlichen Blick ſparte? Namentlich Herr Bartolomäus von Bruſchaver und die ihn umgebende Schar von Freunden, zu denen ſich auch Herr Thilo von Huxhol mit den von ihm herbeige⸗ holten Herren von Affenn und Rammin ſchon geſellt, ſchienen für den Herzog nicht vorhanden zu ſein, höchſtens daß dann und wann einmal ein finſtrer Seitenblick ihr Häuflein ſtreifte. Eine Anrede Seitens des Fürſten, der ſonſt ſo überaus leutſelig und geſprächig ſein konnte, erfuhr von ihnen niemand.

Allmählich leuchtete es auch den Unbefangenſten dieſer zum Theil doch nicht allzuhoch begabten Herren von der Landſchaft ein, daß dies Benehmen gegen ſie nicht Zufall ſei, und verwundert ſahen ſie ſich darob an, was dies zu bedeuten habe; den Schärferblickenden aber war es ſchon im erſten Augenblicke klar geweſen, daß hier eine abſicht⸗ liche Kränkung vorliege, und als Herr Thilo v. Huxhol ſeines edlen Schwagers Augen ſuchte, ſah er, wie dieſer die Zähne zuſammenbiß und, die Arme über die Bruſt gekreuzt, finſter vor ſich hin ſtarrte.

Glücklicher Weiſe dauerte die ſo entſtandene ſchwüle Stimmung nicht lange: denn kaum daß die Begleitung des Fürſten nothdürftig etwas von den dargebotenen, erwärmenden Getränken zu ſich genom⸗ men und etwas Speiſe beigeſteckt hatte, auch ſämmtliche Jäger in die Treiberlinie vertheilt waren, ſo gab auf einen Wink des unge⸗ duldigen Fürſten der erſte Wolfsjäger, Herr Hugh von Rango, hinter dem Jagen den Befehl, aus der zu dieſem Zweck herbeigefahrenen Karrenbüchſe den Schreckſchuß zu thun.

Im ſelbigen Augenblick nahm das Treiben mit einem allgemei⸗ nen, die ganze Treiberlinie durchlaufendenHorſa! Horſa! den Anfang, und vorwärts ſchritt jeder Treiber, den Spieß kampfbereit in der Fauſt, immer gerade aus, nur wenigen, den Lauf entſchieden behindernden Lokalitäten ausweichend und unmittelbar nachher wieder aufſchließend, damit die Linie nicht geſtört würde.

So ging es den ganzen Tag unermüdet vorwärts; nicht einmal zum Eſſen und Trinken wurde fernerhin angehalten. Alles geſchah im Gehen, keinen Augenblick gönnte man den aufgeſchreckten und geangſtigten Raubthieren Ruhe und Erholung. Dafür war das Reſultat aber auch ein glänzendes. Einige zwanzig Wölfe erlagen nach und nach ihren grimmigen und unermüdlichen Verfolgern; theils traf ſie der ſcharfe Bolzen aus der Armbruſt des Schützen, theils der Spieß in der ſtarken Fauſt des Treibers oder ein wohlgezielter Axt⸗ hieb, den ein Schrecker nach dem durchbrechenden Raubthier geführt. Nur ſelten lief ein alter, oft gehetzter Wolf durch die Lappen; die meiſten gingen in die Netze hinein; dann ſiel der oben ſchwebende Theil des Netzes auf ihn herunter, und beim Vorwärtsdringen ver⸗ wickelte er ſich immer mehr, ſo daß die Schrecker ihn mit eiſernen Zangen von zwei Seiten am Halſe packen und herausziehen oder gleich mit Keulen und Aexten todtſchlagen konnten. So verfiel einer nach dem andern ſeinem Schickſal.

Die Sonne war ſchon im Sinken, und man gedachte die Jagd abzublaſen, weil die geſpürten Wölfe faſt alle ſchon erlegt waren, als das letzte Treiben durch einen verhängnißvollen Zwiſchenfall noch ein ſchauerlich erhöhetes Intereſſe gewann. Ein beſonders großer und ſtarker Wolf, in dem die Treiber den wildeſten und gefürchtetſten Feind ihrer Herden erkennen wollten, war bisher allen Nachſtellun⸗ gen entgangen und ſchien verſchwunden, als er plötzlich, da die Treiber in ein faſt undurchdringliches Dickicht eintraten, die ſtellenweiſe Auf⸗ löſung des geſchloſſenen Treibens benutzend, aus einer Schlucht heranſtürzte und ausbrach. Noch gelang es einem der Treiber, der auf den allgemeinen Rufhu Wolf! hu Wolf rechtzeitig hinter einem Elſenbuſch hervorſprang, dem Unthier mit dem Spieß einen Stich in die Seite beizubringen; doch das ſchien ſeine Schnelligkeit und Wildheit nur noch zu befördern. In raſender Wuth, wenn auch ſtark ſchweißend, ſtürzte das Ungethüm vorwärts und graden Laufes auf die Stelle zu, wo Dietmar von Bruſchaver ſtand, der der blut⸗ dürſtigen Beſtie kaum anſichtig wurde, als er dieſelbe feſten Fußes erwartete und in richtiger Diſtanz ihr einen ſcharfen Bolzen entgegen⸗ ſandte. Der Wolf, ins linke Auge getroffen, ſtieß ein wildes Geheul aus und warf ſich, raſend vor Wuth und Schmerz, auf den Jüngling,

heit Stand hielt, die weit über ſeine Jahre ging.

Aber im nächſten Augenblick war er von den Krallen des Fein⸗ des erfaßt, überwältigt, niedergeriſſen, fühlte ſeine linke Schulter ver⸗ wundet und den heißen Athem aus dem Rachen des Unthiers über ſein Geſicht hinhauchen.

Dietmar verlor auch in dieſem entſetzlichen Augenblicke ſeine Beſinnung nicht; während er mit dem linken Arm ſich Hals und Geſicht zu ſchützen ſuchte, führte er mit der Rechten einen ſtarken Stoß nach dem grimmigen Feinde, und das gute Waidmeſſer fuhr demſelben hinter der linken Vorderſchuft dergeſtalt in den Rücken, daß das verwundete Raubthier ein erneuertes Schmerzgeheul nicht unter⸗ drücken konnte und mit verdoppelter Wuth ſein Opfer anfiel. Aber in dieſem Augenblicke beugt ſich über die in enger Verſchlingung ſich gräßlich windenden und übereinander wälzenden Kämpfer ein todt⸗ blaſſes Männerantlitz, und zwei ſtarke Fäuſte umſchloſſen mit der unwiderſtehlichen Kraft eines Schraubſtockes die Gurgel des Wolfes. Da ließ derſelbe von dem untenliegenden Jünglinge ab und riß ſich empor, zerrend, ſchnappend, knirſchend, halb erſticktes Geheul aus⸗ ſtoßend und mit den Krallen Schenkel und Bruſt des neuen gewal⸗ tigern Feindes ſtark zerkratzend.

Schützen und Treiber eilten herbei und wollten dem edlen Bruſchaver hilflich ſein; der aber rief ihnen mit harter Stimme zu, ſie ſollten zurücktreten und nach ſeinem Sohne ſehn; den Wolf wolle er allein wohl dämpfen! darüber ſtaunten die Umſtehenden und ſahen nun halb mit Grauen, halb mit Luſt dem entſetzlichen Kampfe zu. Der Wolf ſchien ſeine Verwundung vergeſſen zu haben, wenigſtens hemmte ſie ihn nicht merkbar im Widerſtreit, und mit ungeheurer Kraft rang er gegen ſeinen gewaltigen Feind an. Aber er war ihm nicht gewachſen. Erſt jetzt ſah man, welche Rieſenkraft Herr Barto⸗ lomäus zu entwickeln vermochte, welch furchtbaren Ausdruckes ſein mildernſtes Antlitz fähig war, welche Leidenſchaft in ihm unter dünner Decke ſchlummerte. Es ſchien, als entlade er den ganzen verhaltenen Grimm, den ganzen Schmerz ſeines ſchwer getäuſchten, tief verletzten Mannesherzens an dieſem wilden Feinde. Ein wahrhaft entſetzlicher Anblick war es, wie er das geifernde, ſchnappende, blutlechzende Un⸗ thier auf Armeslänge von ſich hielt und ihm mit einer Miene, die kaum weniger wild war, als die ſeinige, in die glühenden, blutunter⸗ laufenen Augen ſtierte; wie er daſſelbe dann, ohne loszulaſſen, auf den Wurzelſtock einer Sturmweide niederwarf, auf ihm kniete und mit gewaltigen Fußtritten ihm die Hinterläufte brach; wie er ihm mit entſetzlicher Kraft den Schädel wieder und wieder wohl zu zwanzig Malen auf den Grenzſtein ſtieß, daß Moos und Steinſplitter, aber auch Hautfetzen und blutige Knochenſtücke davonſpritzten, und wie er das entſtellte, verendete Ungethüm dann mit der ganzen letzten Kraft ſeiner Arme noch einmal erhob und einige Ellen weit von ſich in den Sumpf ſchleuderte, daß die Treiber entſetzt und ſchreiend aus⸗ einanderſtäubten!.

Unendlicher Beifallsjubel der herbeigeſtrömten Jagdgeſellſchaft feierte den wilden Kampf und ſeinen glücklichen Ausgang; man um⸗ gab Vater und Sohn mit lebhaften Glückwünſchen, ſchüttelte ihnen die Hände, pries ihre That und beeiferte ſich nach ihren Wunden zu ſehn, die Dank der ſtarken Jagdkleidung von Leder im ganzen nicht bedeutend waren.

Andere, namentlich die Herren von der Stadt und die Treiber aus der Umgegend waren beſchäftigt, den Cadaver des Wolfes einer genauen Beſichtigung zu unterwerfen; ſie unterſuchten das Gebiß deſſelben, um ſein Alter zu beſtimmen, ſchätzten den Werth des Bal⸗ ges ab, hoben ihn in die Höhe, um ſein Gewicht zu prüfen, und forſchten emſig nach, ob alte Narben von Schuß⸗, Hieb⸗ oder Stich⸗ wunden am Körper ſich zeigten. Nachdem alle Merkmale zuſammen⸗ gehalten und die Identität des todten Thieres mit jenem gefürchteten Viehdiebe feſtgeſtellt war, der ihnen ſchon ſo manchen ſchweren Scha⸗ den zugefügt und Gott ſei es geklagt des Schäfers Zarbow ſechsjährigem Knaben, der ihm eine Gans abjagen wollte, ein Paar tödtliche Wunden beigebracht hatte, daran er elend dahinſterben müſſen, da war die Freude erſt recht groß, und Stöße, Stiche und kräftige Schimpfreden Seitens der Jagdläufer bildeten die Leichenrede des todten Räubers.

(Fortſetzung folgt.)