Jahrgang 
1865
Seite
324
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herrſchen; auch beſinnt ſich, wer mich kennt, wohl zweimal, ehe er mit mir anbindet. Wüßte ich doch nicht, was ſich Widriges zutragen ſollte! Wir werden ein Paar Rudel Wölfe zuſammentreiben und niederſchießen, ein fröhlich Jägermahl zuſammen einnehmen und dann wieder heimziehen, ein jeder ſeine Straße, die er gekommen. Will der Herzog ſich meiner erinnern, ſo werde ich ein Paar Worte mit ihm reden; wenn nicht, ſo bedarf ich ja, Gottlob, ſeiner nicht und bin heute Abend wieder fröhlich und heiter bei Dir. So! und nun räume ab, ſtelle einen Krug für Thilo warm und rufe mir den Langſchläfer, den Dietmar, daß ich ihn noch ſehe, bevor ich von dannen reite. Auch den Heino ſäh' ich gern, doch da muß ich wohl zu ihm ans Bettchen; der kleine Mann wird noch zu müde ſein für die frühe Stunde.

Frau Käthe nickte freundlich mit dem Kopfe und ſchickte ſich an, das Zimmer zu verlaſſen, als die Thür ungeſtüm aufgeriſſen wurde und ein ſchlanker Knabe, man mochte ihn wohl einen Jüngling nennen, ſo ſchlank und kräftig war er aufgeſchoſſen, ins Zimmer ſtürzte.Guten Morgen, liebſte Mutter, rief er mit heller, klarer Stimme,guten Morgen, lieber Vater! Iſt's wahr, daß Du den

Otter ha ja! da liegt er! Bei allen Heiligen, ein ſtattlicher Burſche. Wie ſchön kaſtanienbraun der Pelz iſt, und Bruſt und

Kehle weiß geſtichelt! Herrlich fürwahr; und gut getroffen haſt Du ihn; ich wollte ich wäre dabei geweſen, da Du ihm auf den Pelz gebrannt. Der beißt nun keinen Fiſchkopf mehr ab!

Es war ſchwer zu ſagen, wer von beiden Eltern den blühenden, herrlichen Knaben mit größerem Stolz betrachtete; die Mutter, der er nach Geſichtsbildung und Charakter außerordentlich glich, und die jede ſeiner Bewegungen mit den Augen faſt verſchlang oder der Vater, der mit ernſter Freude einen würdigen Stammhalter ſeines alten Geſchlechtes in ihm aufwachſen ſah, und mit innigem Wohl⸗ gefallen bemerkte, wie es den Knaben jetzt ſchon zu allen männlichen Verrichtungen und Beſchäftigungen zog. Sicher ruhten beider Augen mit warmer Liebe auf ihm, und als der Knabe ſein Bedauern aus⸗ ſprach, die kalte Jagd auf den Otter nicht mitgemacht zu haben, er⸗ wiederte der Vater halb ſcherzend, halb ernſthaft:Nun, Dietmar, wenn Du den Otter auch verſchlafen haſt, ſo ſoll Dir doch die Jagd⸗ freude nicht mangeln, und, wenn Du Luſt haſt, magſt Du Dich an die Wölfe halten. Ich reite um eine kleine Weile, wann Dein Oheim Thilo gekommen iſt, nach Greifenhagen hinüber in den Forſt, wo ein Treiben ſein wird, und dabei iſt ein guter Schütze, der ſeiner Armbruſt ſicher iſt, nimmer überflüſſig.

Dietmars Augen leuchteten.Iſt's Dein Ernſt; Vater, meinſt Du mich? Und darf ich mit? O ich bitte Dich ich machte gar zu gern einmal ein rechtes Treiben mit laß mich mit Dir reiten!

Nun ja, entgegnete Herr Bartelmes,ich habe nichts da⸗ wider, wenn anders Du Deine Armbruſt wohl im Stande und Dein Pferd rechtzeitig geſattelt haben wirſt.

O, daran ſoll's nicht fehlen! jubelte Dietmar, und ohne ein weiteres Hin⸗ und Herreden über die Sache abzuwarten, ſprang er auf, und ſeiner Mutter innig zunickend, ſchoß er zur Thür hinaus; die beiden Wolfshunde, die ihn fortwährend liebkoſend um⸗ ſchnobert und umſtrichen hatten, mit ihm zugleich.

Sinnend ſah ihm der Vater nach.Das gibt einmal einen rechten Mann, Käthchen, wenn er ſich nicht vor der Zeit in eigner Glut verzehrt, denn er iſt ein arger Feuerkopf! 3

Will's Gott, ſo wird er wie ſein Vater, erwiederte Frau Katharina zuverſichtlich; doch Herr Bartelmes ſchüttelte lächelnd den Kopf und entgegnete:Nein, nein, Käthchen, er iſt mehr ein Huxhol als ein Bruſchaver, und oft gleicht er Dir ſo ſehr, daß man Euch verwechſeln könnte, hinderte dies nicht die verſchiedene Tracht. Auch hat er ganz Deine feurige Sinnesart und Dein raſches Wort.

Mög's ihm nicht zu Unfrommen gedeihen, ſeufzte Frau Katharina tief auf.Daß ich's nur ſage, oft macht mir ſein leiden⸗ ſchaftlich Weſen rechte Sorge, und ſagſt Du gar, er hab's von mir, ſo erſchreckt mich die Verantwortlichkeit dafür bis ins Herz hinein.

Grillenfängerin, lächelte Herr Bartelmes und ergriff be⸗ ſänftigend ihre Hand,quäle Dich doch nicht um Dinge, die außer unſrer Macht liegen. Es muß doch jeder im Leben für ſein Weſen ſelber einſtehen, und niemand kann ihm helfen. Zudem ſteht ein feuriger Sinn der Jugend wohl an und verglühet unter den Sorgen

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des Lebens nur allzubald. wohl bahnen.

Habe wenigſtens ein wachſam Auge heute auf ihn, bat Frau Käthe, ſich die Augen trocknend,daß er ſich nicht zu tollkühn in Gefahr begibt. Die Jagdluſt faßt ihn immer gleich einem Taumel, und ſein brennender Ehrgeiz möcht's allen zuvorthun, ſo daß er aller Vorſicht vergißt. Verſprich mir's, daß Du nicht von ſeiner Seite gehen willſt.

Ich will's thun, Käthchen ſei unbeſorgt! entgegunete der Mann.Aber horch tönt das nicht wie Hufſchlag? Richtig, da kommt's ins Hofthor geſprengt; es iſt Dein Bruder. Sieh nur nach einem heißen Trankw; es iſt ein kalter Ritt, den er gemacht, und Dein Würzwein wird ihm gut thun.

Während Frau Katharina an den Herdeilte, trat Herr Bartolomäus an die Hallenthür, dem Ankömmling entgegen, der auch wenige Minuten ſpäter vor dem Herrenhauſe anhielt und vom Roſſe ſprang: ein junger, dunkelhaariger, kühnblickender Mann, in knappes Jagdgewand von ſtarkem, ausgenähtem Leder gekleidet, darüber ein Reitermantel von grauem, dickem Fries, hohe, ſchwere, geſpornte Stiefel an den Füßen. Sein Weſen war haſtig und erregt, wie er dem Schwager die Hand drückte und die ihm froh entgegeneilende Schweſter begrüßte man ſah's ihm an, es lag ihm etwas auf der Seele, das hervordrängte und ihm keine Ruhe ließ. Darum wehrte er auch haſtig ab, als Herr Bruſchaver das Roß in den Stall ziehen hieß und ihm ſelbſt einen ſchweren Eichenſeſſel mit Polſter hinſchob.Nein, nein! ſprach er dringend,kein Aufenthalt. Ich muß gleich weiter, um die trägen Oſten, Vater und Sohn, wie auch die Buch, die Pawelsz, die Affenn und Rammin, die gern daheim hocken, aufzujagen, daß ſie mit hinüber reiten nach Greifenhagen zum Treiben. Vorher nur ein ſchwer Wort an Euch noch; es iſt Zeit, daß Ihr's erfahrt! Man hat einen ſchuftigen Streich vor gegen uns, den müſſen wir pariren; Du magſt nun wiſſen, warum Dein Streit mit Jaſper von Appen⸗ borch um die Oderwieſen nicht vorwärts rückt, ja ſich vielmehr, trotz Deines klaren Rechts, zu Feindes Gunſten zu neigen ſcheint. Man hat Dich in Stettin und Wolgaſt, ich hab's von ſichrer Hand, gar tückiſch beleumundet, als ſeieſt Du im geheimen einer von den Glindeſchen und habeſt bei dem Verrath von Garz Deine Hände mit im Spiel gehabt; ja Du ſtündeſt, hat man zu verſtehen gegeben, noch jetzt mitſammt Deiner Sippe und Gefreundſchaft mit dem Märker in gutem Einverſtändniß, auch andere Städte noch bei bequemer Gelegenheit in deſſen Hände zu ſpielen. Darob ſeien ge⸗ heime Tractate, wie ſolches Dir und den Deinen zu lohnen, durch Unterhändler, ſo man hier habe aus und ein gehen ſehen, geteidingt.

Ich denke, Dietmar wird ſich ſeinen Weg

Nur Dein verſtellt ſchlichtes Weſen, das in Wahrheit eitel Schlau⸗

heit ſei, trage Schuld, daß man bisher ſo gar nicht Verdacht auf Dich geworfen, doch werde nunmehr unter ſcharfer Beobachtung Seitens treuer Anhänger des Herzogs ſolcher Verrath und tückiſche Abſicht in Bälde ganz klar werden und vor Jedermanns Augen offen

daliegen. Wie dünkt Euch ob dieſer Neuigkeit? Herr Thilo hatte mit haſtiger, doch halb unterdrückter Stimme

geſprochen, als ſorge er, es möge eines Lauſchers Ohr das Unerhörte auffangen; doch waren ſeine Worte noch laut genug geweſen, um dem ſcharfen Gehör des jungen Dietmar verſtändlich zu werden, der gleich nach ſeinem Ohm in die Halle getreten war, doch den Redenden aus Beſcheidenheit mit ſeiner Bewillkommung nicht hatte unterbrechen wollen. Jetzt hätte er's nicht einmal mehr vermocht, wie erſtarrt ſtand er da, unfähig Hand oder Fuß zu rühren, das Geſicht von Leichenbläſſe überzogen. Alle ſeine Sinne ſchliefen, bis auf Auge und Ohr, die hingen wie im Krampf an des Vaters Lippen, an der Mutter Antlitz, nur der eine Gedanke:was werden ſie ſagen? hatte augenblicklich in ſeiner Seele Platz. Und Frau Katharina wie erſchreckend glich ſie in dieſem Momente dem Sohne! Und bei beiden dieſelbe erſchütternde Wirkung: auch ihr Antlitz war bleich, wie die getünchte Kalkwand der Halle, auch ihr Auge brannte in zehrender Glut und ihre halbgeöffneten Lippen hauchten die ge⸗ waltigſte Erregung in leichten, kräuſelnden Wölkchen glühenden Athems in die kalte Morgenluft aus. Mit bebender, doch ſtarker Hand hatte ſie den Arm des unbeweglich daſitzenden Gatten erfaßt und, halb erſtickt von der Flut ihrer Empfindungen, ſtieß ſie kaum vernehmbar die Worte hervor:Hörſt Du das, Bartelmes? Ha,

mein Traum, mein Traum!

Der Hausherr antwortete nicht gleich. Ueber ſein edles, ſtilles

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