Der Mankelpavian(Cynocephalus Hamadryas).“)
Oſtafrikaniſche Skizze von Robert Kretſchmer.
Wenn man von Suez aus das rothe Meer hinunterſegelnd, auf einem kleinen Koralleneiland„Maſſaua“ anlandet, und von hier aus das gegenüberliegende afrikaniſche Feſtland betritt, ſo iſt der Eindruck der vorliegenden Natur kein erfreulicher, obwohl das Land durch ſeine Seltſamkeit ein ungewöhnliches Intereſſe in Anſpruch nimmt.
Eine unfruchtbare Steppe, die„Samhara“, dehnt ſich länderweit vor den Blicken aus, dünenartige Hügel, öde Sandflächen mit nie⸗ derem Geſträuch bewachſen, dazwiſchen Schorahbüſche, ſchirmförmige Akazien, die noch ſonderbareren Formen der Calotropis procera, einer Asclepia mit ſpannenlangen milchweißen Blättern, ſowie der Euphorbia abyssinica, einer cactusartigen Wolfsmilch, ſie alle geben Zeugniß von der Dürftigkeit des Bodens, wie von der Eigenthümlichkeit ſeiner Erzeugniſſe; man fühlt ſich durch die Fremdartigkeit mehrerer Pflanzen⸗ formen faſt in eine frühere Schöpfungsperiode verſetzt.
Mannigfaltiger, üppiger wird es mehrere Tagereiſen landein⸗ wärts; mächtige Gebirgszüge ſteigen plötzlich, gleichlaufend mit der Küſte, empor, thürmen ſich in grotesken Maſſen bis zu 9000 Fuß über dieſelbe, und bilden ein thälerreiches Alpenland, deſſen felſige Schroffheit durch eine tropiſche Vegetation ungeahnte Reize erhält. Dies ſind die Gebiete der Bogos, freier abyſſiniſcher Hirtenvölker, die ihre Wohnſitze in den Seribas von Menſa und Kehren haben und durch das Patriarchaliſche ihrer Sitten, ihrer Verfaſſung recht lebhaft die gleichen nomadiſirenden Verhältniſſe altbibliſcher Stämme, der von Abraham, Jacob und Eſau vergegenwärtigen.
Der Menſch iſt jedoch keineswegs der unbeſchränkte Herr jenes Landes, der Löwe, der Leopard, die Hyäne, Paviane und Meerkatzen, gelegentlich auch eine Elephantenherde, maßen ſich das gleiche Nieder⸗ laſſungsrecht an und machen dem harmloſen und ſchüchternen Bogos gar manchmal das Herz ſchwer. In einen ſolchen Gebirgswald mit ſeinem Leben und Weben möge nachfolgende Schilderung den Leſer führen. 8
Ein romantiſches Thal, an beiden Seiten durch ſchroffe Fels⸗ wände beengt, liegt vor den Blicken! Alte Sykomoren, deren weit⸗ greifende Aeſte ſchattengebend ſich ausbreiten, bilden eine mäßige, dunkle Baumgruppe, unter welcher ein kleines Bächlein, Af Lava, munter hindurchrieſelt, bald große Steinblöcke umſpielend, bald, wo dieſe ſich angehäuft, in kleinen Cascaden herabrauſchend. Weiterhin ſtehen Tamarinden mit braunen Schoten beladen, im Schmuck zier⸗ licher Belaubung, dazwiſchen Zizyphus mit dornenvollen Zweigen, Caſſien in gelben Hängeblüthen prangend, und oft von Schlingge⸗ wächſen dergeſtalt überzogen, daß ſie unter der Laſt der Schmarotzer abzuſterben beginnen.
Unter den Ranken iſt es beſonders der Cissus quadrangularis, welcher von Strauch zu Strauch ſich ſchwingend und maleriſche Ge⸗ hänge bildend, dem Waldcharakter ſowohl durch ſein üppiges Wuchern, wie durch die transparente Schönheit der großen, fleiſchigen Blätter zu beſonderer Zierde gereicht. Bis an des Bächleins Rand ſchlingt ſich dies pflanzliche Leben, taucht hier und da ſeine ſchwanken Zweige in die rieſelnde Welle, und umflicht theilweiſe die Ufer ſo dicht, daß nur mit Gewalt ein Pfad gebahnt werden kann.
Nur ein Plätzchen iſt frei von Pflanzenwuchs, da wo das Waſſer die Richtung verändert, und über zu Tage liegenden Fels eine kleine Stromſchnelle bildet. Durch die Gewalt zeitweiligen Anſchwellens iſt hier das Ufer abgeſpült und ſteigt terraſſenartig mehrere Fuß aufwärts.
Aus dem dunklen Himmelsblau ſendet die tropiſche Sonne
glühende Strahlen auf den blendenden Sand, auf die zerſtreuten Fels⸗ blöcke am Ufer, ſelbſt ſtark erwärmend in das Waſſer hinein.
Da kniſtert es ſeitwärts in den Zweigen, es bricht durch das Dickicht und ein Kopf wird ſichtbar, ſo eigenthümlich im Bau, daß der erſte Augenblick es unentſchieden läßt, ob man ihn einer menſchlichen Nace, ob der Thierwelt anreihen ſoll, und die Phantaſie unwillkürlich an die grotesken Vorſtellungen der Märchenwelt, an die grauen Wichtel⸗ männchen und Kobolde erinnert wird. Unter einer ſeltſam abge⸗ theilten grauen Perrücke lugt ein verſchmitztes, unendlich häßliches, blondes Antlitz hervor, deſſen vorgeſchobene untere Partien eine ge⸗ wiſſe Hundeähnlichkeit haben, ein Paar reſpectable Reißzähne würden
ſelbſt einem Hyänengebiß Ehre machen, unter den leicht beweglichen,
ſtets zuckenden Brauen aber blitzt ein kleines Augenpaar, ſchlau und boshaft, von beinahe menſchlichem Ausdruck. Und gerade das intelli⸗ gente Funkeln dieſes Sinneswerkzeugs, die Argliſt im Blick, das dumm⸗ dreiſte, neugierige Zwinkern iſt mehr als die bloße Häßlichkeit geeignet, den frappanten Kopf unheimlich erſcheinen zu laſſen, ihm den Stempel einer vollendeten Galgenphyſiognomie aufzudrücken.
3 Die Geſtalt kriecht auf den Händen aus den Sträuchen, ſpähend, lauſchend, ein langer grauer Haarmantel hüllt Schulter und Ober⸗ körper ein, verdächtig macht ſich auch ein buſchiger Schwanz bemerkbar, und einer der frechſten und ſtärkſten aller Paviane, ein Hamadryas ſteht vor uns, ein Prachtexemplar, gefürchtet ſelbſt von der eignen Bande. Vorſichtig unterſucht er, der Patriarch ſeines Stammes, die Gegend, erhebt ſchnüffelnd und witternd die Naſe, das Auge blinzelt in jeden Winkel, um ſich zu vergewiſſern, ob auch alles geheuer.
Es ſcheint ſo, denn das eigenthümliche Grunzen iſt wahrſchein⸗ lich ein Zeichen, und auf demſelben Wege, den er gekommen, läßt ſich nach einander ein ganzer Zug des gleichen Gelichters ſehen, die Männchen ſchützend zur Seite, die Weibchen mit den Jungen in der Mitte, wie eine vierhändige Zigeunerhorde, ſo kommen ſie von der Plünderung eines benachbarten Durrhafeldes, um hier am Waſſer ſich zu erfriſchen, ſich auszuruhen von den Strapazen angerichteter Verwüſtung.
Und auf dem kleinen Platze wird Halt gemacht, anfangs in tiefer Stille, man fühlt ſich nie zu ſicher, auch mag das Paviansgewiſſen klarer ſein als das der communen Vierfüßler.
Irgendwo habe ich einmal geleſen, daß man auch den Verbrecher, den Böſewicht, in ſeinen Vatergefühlen belauſcht, lieb gewinnen könne und hier in dichteſter Wildniß entwickelt ſich nun eine Scene, die, ob⸗ wohl einige Töne tiefer gegriffen, jenen Ausſpruch ſchlagend wahr macht: ein Familienglück von äußerſtem Intereſſe, freilich den un⸗ zähligen kleinen Störungen unterworfen, welche die electriſch ſchnelle Erregbarkeit leicht hervorruft, die alle Affen vor andern Thieren ſo ſehr kennzeichnet.
Der Patriarch, um Acht zu geben auf die Seinigen, wie auf etwaige Gefahren, hat vorſorglich auf einem Steine Platz genommen, in cyniſcher Natürlichkeit mancher altägyptiſchen Gottheit noch ähn⸗ licher als durch die Geſtalt, und der bequaſtete Schwanz hängt würde⸗ voll lothrecht herab. Neben ihm aber haben die übrigen Glieder der Bande, zu denen der Alte theils in doppelter Blutsverwandtſchaft, als Großvater und Vater zugleich ſteht, ſich's behaglich gemacht. Die große Mehrzahl eilt zum Waſſer, um zu trinken, die Weibchen haben ihre Jungen abgeworfen und die Kleinen ſpielen und kollern ſich im Sande und ſie ſind es, welche zuerſt überlaut werden; das ſorgliche
*) Der Herzog Ernſt von S.⸗Coburg⸗Gotha war ſo eben von dem Jagdzuge aus den Bogosländern nach Om Kullo, einem Step pendorfe ohn⸗ weit des rothen Meeres bei Maſſaua gelegen, zurückgekehrt, in geſchäftigem Wirrwarr bewegte ſich eine weiße und ſchwarze Dienerſchaft um den Strohpalaſt, welchen Ihre Hoheit die Frau Herzogin während der Abweſenheit des hohen Gemahls bewohnt hatte. Am nächſten Tage ſollte die Rückreiſe nach Europa
angetreten werden.
Beſchäftigt mit Ordnen von Mappen und Naturalien ſehe ich eine gebückte, aber rüſtige Männergeſtalt mit langem weißem Bart in buntgeblüm⸗ tem Kaftan und Turban gerade auf mich zuſchreiten. Unbekannt mit dem Arabiſchen, bin ich ſchon auf die unvermeidliche Zeichenſprache gefaßt, da redet mich der Alte in ſchönem Hochdeutſch an, und bittet um eine Audienz bei der Frau Herzogin.
Noch mehr bin ich überraſcht, als ich den Namen höre, einen Namen vom beſten Klang, den wiſſenſchaftlichen Kreiſen in ganz Europa wohlbekannt.
Es war der als Naturforſcher und fleißiger Sammler um die zoologiſchen Muſeen ſo verdiente Wilhelm Schimper, welcher ſeit 25 Jahren in Abyſſinien heimiſch, ſich Ihrer Hoheit als Landsmann vorſtellen wollte. Und ſchon auf der Schwelle des märchenhaften Landes ſtehend, gerathe ich durch dieſe ſeltene Bekanntſchaft in neue Aufregung. Ich zeige ihm meine Zeichnungen, die Aquarellen; die Erlebniſſe der vorhergehenden Tage, die Affenjagden, die landſchaftlichen Eindrücke geben unerſchöpflichen Stoff, und der geſprächige Mann kommt ebenfalls ins Feuer der Erzählung. Das Selbſterlebte und
eben Gehörte war für mich ſo intereſſant, daß ich es am nächſten Tage auf dem Dampfer Victoria zu einem Ganzen zuſammenſtellte.
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