dieſe, oft hundert Fuß tiefen und breiten, ſtets mit Geröll bedeckten Schluchten nennt.
Endlich glaubte Benito die Höhe erreicht zu haben, aber er fand bald, daß hier, wenngleich in kleinerem Maßſtabe, doch ähnlich wie bei der hohen Cordillera ſelbſt, auch das Küſtengebirge terraſſenartig an⸗ ſteigt, und erſt nachdem er mehrere Stunden längs ähnlicher Abgründe wie vorhin an jenem erſten Waſſerriſſe vorüber geritten war, befand er ſich wirklich auf der Höhe des Gebirges.
„Hier iſt der Weg,“ ſagte ſein Führer, indem er auf den Boden zeigte,„und dort die Cordillera. Lebt wohl, Sennor, und glückliche Reiſe.“
Er wendete mit dieſen Worten ſein Pferd und ſprengte im Galopp thaleinwärts auf einem Pfade, auf welchem ein europäiſcher Reiter abgeſtiegen ſein würde und ſein Pferd ſorgſam am Zügel geführt hätte.
Benito machte währenddeß die Bemerkung, daß die Cordillera allerdings klar und deutlich vor ihm lag, und trotzdem daß zwi⸗ ſchen ihm und ihr ſich dreißig oder vierzig, Quien sabe, Stunden befanden, zeichneten ſich dennoch ihre zackigen ſchnee⸗ und eisbedeckten Gipfel ſcharf ab am dunkelblauen, prachtvollen Himmel, funkelnd und die Strahlen der Sonne blitzend zurückwerfend.
Hinſichtlich des Weges fand er zwar, daß keine ſo große Deut⸗ lichkeit herrſchte, doch waren hier und da in dem aus verwitterten Geſtein beſtehenden Boden ſchwache Andeutungen von Hufſpuren zu finden, und da er keine andere Wahl hatte, ſo folgte er dieſen, dahinſprengend im raſchen Galopp.
Ein Pferd der dortigen Gegend legt fünfundzwanzig Stunden, wohl auch dreißig und ſelbſt mehr in einem Tage zurück, muß aber freilich dann mehrere Tage raſten, aber man hatte ihm das indianiſche Dorf Chiachia als eine etwa fünfzehn Stunden von der Cordillera gelegene Station bezeichnet, wo er raſten und friſche Pferde haben könne. Vorwärts alſo!
Er hatte in der That auch friſchen Muth, ſein Pferd war tüchtig, in der Taſche hatte er noch Gold, freilich nicht überflüſſig, aber doch, wie er hoffte, ſo viel, um von jenem Dorfe aus ſich die Hilfsmittel zur weiteren Reiſe verſchaffen zu können, und war er einmal in Potoſi, ſo würde der Geſchäftsfreund des Sennor Palacias, an den er ein Empfehlungsſchreiben bei ſich trug, für das erſte ſchon weiter ſorgen.
Daß er ſich jetzt in der eigentlichen Wüſte befand, unterlag keinem Zweifel. Dunkelgefärbte oder ſchwarze, ſcharfkantige Felſen bildeten ſeine ganze Umgebung, verworrene, ſonderbar geſtaltete Gruppen bildend und bisweilen ſelbſt auf längere Zeit alle Ausſicht verſperrend, doch zeigten ihm die Huftritte von Pferden und Maul⸗ thieren ſtets noch getreulich den Weg, ja es kam ihm bisweilen vor, als mehrten ſich dieſelben; was ihn aber jetzt gründlich zu beläſtigen be⸗ gann, war die furchtbare Hitze, welche ſich von Minute zu Minute zu mehren ſchien.
Als er am Morgen die Höhe erreicht hatte, war es kühl, ja faſt kalt. Jetzt ſchien der Boden zu glühen, die zahlreichen ſchwarzen Felſen ſtrömten Wärme aus gleich eben ſo viel geheizten Oefen, und die ſenkrecht herabfallenden Strahlen der Sonne ſchienen aus flüſſigem Feuer zu beſtehen.
Da es keinen Schatten gibt, wo die Sonne im Zenith ſteht, oder doch wenigſtens faſt im Zenith, ſo ritt Benito auf eine kleine Anhöhe zu, in der Hoffnung, dort vielleicht einigen Luftzug zu finden, und hielt, als er oben angekommen war, unwillkürlich ſtill, den eigenthüm⸗ lichen Anblick zu betrachten, der ſich ihm darbot.
Vor ihm lag eine weite, endlos ſcheinende Fläche, nur begrenzt vom Horizonte und überſäet mit tauſend und aber tauſend Felsblöcken, die in ſeiner nächſten Nähe ſchroff und ſtarr aus dem dunklen Boden
ihren Urſprung verdanken, ſondern nichts weiter ſind, a riſſe, welche durch von Zeit zu Zeit von der Cordillera ſtürzende ungeheure Waſſermaſſen gebildet worden ſind. Es würde zu weit führen, hier die Art und Weiſe anzuführen, wie ſolches durch mehrfache Wahrnehmungen an Ort und Stelle ermittelt wurde, leicht aber ließen periodiſchen Waſſerſtrömungen erklären.
die Ausbrüche jener Kette von Vulkanen, noch häufiger als jetzt, und eben
ls mächtige Waſſer⸗
Zuverläſſig waren in jener Periode welche die hohe Cordillera bilden, ſo gewiß noch ſtärker, noch großartiger. Be⸗
denkt man aber die Summe der elektriſchen Erſcheinungen, welche ſtets ähn⸗ Regen, welche
liche Ausbrüche noch heute begleiten, die wolkenbruchartigen herabſtürzen und die Maſſen von Schnee und Gletſchereis, welche gleichzeitig geſchmolzen zu Thale gehen, ſo ergibt ſich einfach der Urſprung jener gewal⸗ tigen Waſſermengen, welche noch heutzutage durch ähnliche, wenngleich freilich beſcheidenere Erſcheinungen vertreten ſind.
ſich jene, offenbar vorhiſtoriſchen,
ragten, in einiger Entfernung aber zu erzittern ſchienen, und noch weiter ab wogten, ſich hoben und ſenkten, gleich den Wellen eines empörten Meeres.
Benito wußte freilich, daß die Hitze dieſe ſcheinbare Bewegung hervorbrachte, hatte er die Erſcheinung gleich noch nicht in ſolch großem Maßſtabe geſehen, aber er begab ſich von ſeinem erhöhten Stand— punkte wieder hinab zwiſchen die Felſen, denn die Atmoſphäre ſchien ihm dort oben noch glühender, noch erſtickender als unten.
Als er dann weiter ritt, fiel ihm ein, was ihm der würdige Aufſeher von der Wüſte erzählt hatte, und er dachte, daß der Teufel ſich in der That keinen für ſeine Perſönlichkeit paſſenderen Aufenthalt hätte wählen können, um ſeine Weihnachtsferien zuzubringen, als eben dieſe Wüſte von Atacama.
Kaum aber lächelte er über dieſen Gedanken, ſondern verfolgte ſeinen Weg ſo raſch es eben anging und ſorgfältig nach den Huf⸗ ſpuren forſchend, welche ſeine einzigen Führer waren.
Jetzt begann der Boden ſtellenweiſe größere oder kleinere Riſſe und Spalten zu zeigen, über welche er ſetzen mußte, und welche ohne Zweifel durch Erderſchütterungen erzeugt waren, endlich aber fühlte er, daß ſein Pferd zu ermatten begann, und daß die Hitze, welche keineswegs nachlaſſen zu wollen ſchien, obgleich Mittag ſchon einige Stunden vorüber, auch ihn ſchwer niederdrückte.
die Ohren und drängte faſt gewaltſam nach einer Seite des Felſen⸗ chaos hin. Er ließ das Thier gewähren und nach wenig Minuten ward ihm klar, was daſſelbe früher als er ſelbſt geſpürt hatte.
Vor ihm in einer Schlucht rieſelte durch Felſen und Gerölle ein kleiner Bach, wohl zu Zeiten anſchwellend zum Fluſſe, jetzt aber immer noch in reichlicher Fülle die köſtlichſte Labe bietend.
Im nächſten Augenblicke war er unten, ſprang aus dem Sattel und beugte ſich nieder, um ſchöpfend mit der hohlen Hand zu trinken, ſich zu erfriſchen.
Aber er ſchleuderte das Waſſer von ſich, nachdem die erſten Tropfen ſeine Lippen berührt hatten. Es hatte einen häßlichen me⸗ talliſchen Geſchmack, und war ſo ſtark mit Kupfer verſetzt, daß, wie er jetzt wohl ſah, ſelbſt ſeine Farbe grünlich war.
Das Pferd machte nicht einmal einen Verſuch, zu trinken, ſondern blickte traurig und mit hängenden Ohren nach den kleinen hüpfenden Wellen.
Der Inſtinct hatte dem Thiere eher wie dem Menſchen die Quelle gezeigt und belehrte es jetzt, ebenſo früher, von deren giftigen Eigenſchaften.
Benito beſchloß indeſſen zu raſten, und nachdem er aus ſeiner Flaſche getrunken hatte, flößte er auch ſeinem Pferde von dem mit Branntwein verſetzten Waſſer ein, welches dieſes begierig einſog, und nachdem es einige Hände voll Gerſte erhalten hatte, wieder neu auf⸗ zuleben ſchien.
Nach einer nicht allzulangen Raſt ſetzte Benito ſeine Reiſe fort, und der Weg, ſtets angedeutet durch die Hufſpuren, führte jetzt durch Felſenmaſſen, welche bedeutend höher waren als die bisherigen, ſo daß die Ausſicht faſt gänzlich verſperrt war.
Plötzlich aber öffnete ſich das Felſenchaos, der junge Mann ſtieß einen Freudenſchrei aus.
Vor ihm, in einer Entfernung von kaum zwei Stunden, lag die Cordillera. Palacios hatte ihn alſo nicht getäuſcht, und er konnte heute noch das Ziel ſeiner Reiſe ohne Mühe erreichen, obgleich er ſeiner Rechnung nach kaum erſt 15 Leguas, etwa zweiundzwanzig Wegſtunden, zurückgelegt hatte.
Bald aber ſtiegen Bedenken in ihm auf.
Wo war Chiachia, das indianiſche Dorf, welches noch fünfzehn Stunden von der Cordillera entfernt liegen ſollte? Verfehlt konnte er es unmöglich haben, und dann war es auch nicht möglich, daß er eine ſolche Strecke zurückgelegt haben ſollte in verhältnißmäßig ſo kurzer Zeit.
Er ließ indeſſen ſein Pferd wacker ausgreifen, und ſah jetzt freilich bald, daß er ſich getäuſcht und daß er einen nicht ſehr hohen Gebirgszug vor ſich hatte, der, wie er richtig ſchloß, quer durch die Wüſte verlief. Er beſchloß, da der Tag immer noch einige Stuude dauern mußte, den Verſuch zu machen, heute noch über das Gebirge zu kommen, und fand, daß dies ſogar mit weniger Schwierigkeiten verknüpft zu ſein ſchien, als es anfänglich den Anſchein hatte.
(Schluß folgt.)
Er ließ ſein Pferd langſamer gehn und jetzt ſpitzte dies plötzlich
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