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erſte Theilung Polens 1772, durch die das polniſche Königreich von 13000 auf 10000 Quadratmeilen reducirt wurde. Dieſer erſte Schritt zu dem großen an Polen begangenen Volksmord ging von Rußland und Preußen aus. Maria Thereſias Gewiſſen zeugte laut dagegen.„In dieſer Sache,“ klagte ſie,„wo nit allein das offenbare Recht himmelſchreient wider uns, ſondern auch alle Billigkeit und die geſunde Vernunft wider uns iſt, mueß bekhenen, daß zeitlebens nit ſo geängſtigt mich befunden und mich ſehen zu laſſen ſchäme.“ Sie gab nach, weil es ſo viele„gelehrte Männer“ rathen, aber „man ſiehet,“ ſagte ſie,„daß ich nicht mehr en vigueur bin.“ Sie ahnte das aus dieſer böſen Saat aufkeimende Unglück. Die Sache ſtand ſo, daß ſie entweder Betheiligung an dem Raube oder Krieg erwählen mußte. Doch nicht dies entſchied, ſondern die Vorſpie⸗ gelung, die Polen kämen unter ſchismatiſche und ketzeriſche Regierun⸗ gen, es ſei ihre Pflicht, zuzugreifen, um wenigſtens in einem Theile Polens die römiſch⸗katholiſche Religion zu ſchützen. So ſagten die „gelehrten Männer“, d. h. die Pfaffen— unwürdige Geiſtliche, die im Dienſte der Politik das Gewiſſen verwirrten— und die arme Maria Thereſia folgte.
Als ſie 61, Friedrich der Große 66 Jahre alt war, brach der Streit um die bayeriſche Erbfolge(1777) aus. Damals betete die Kaiſerin manche Stunde in der Kirche auf den Knieen, um den drohenden Krieg abzuwenden und ihr Abſcheu vor dem früher erleb⸗ ten Jammer bewog ſie zu jenem bekannten raſchen Friedensſchluſſe.
Sie ſah um ſich her das beinahe erloſchene Kaiſerhaus wieder aufgerichtet. Sie lebte noch immer in liebevollen Erinnerungen an den Gemahl ihrer Jugend. Von Zeit zu Zeit wurde ſie in ſein Grabgewölbe hinabgelaſſen, indem ſie dort beten wollte. Sie war im Alter ſehr ſchwerfälligen Körpers; einmal riß der Strick, an dem man ſie aus der Krypte wieder heraufzog. Sie rief:„er will mich behalten, ich komme bald.“ Friedrich II. alterte einſam, mit der Menſchheit, die er als eine„mechante Race“ verachtete, zerfallen; er gab in ſeinem Teſtamente ſeinen Leib den Elementen, ſeinen Geiſt der Natur zurück und ſtarb ohne Hoffnung. Maria Thereſia, von einer blühenden Familie umgeben, friedlich geſtimmt gegen alle Men⸗ ſchen, bereitete ſich als Chriſtin auf ihr Ende. Auf dem Sterbebette verſah ſie noch Regierungsgeſchäfte. Sie ließ Kaunitz und den Ma⸗ gyaren für ihre großen Dienſte danken. An Joſeph richtete ſie zum
Abſchied eine herzergreifende Mahnung, dem Glauben und der
Kirche der Väter treu zu bleiben. Nach Empfang der h. Sacramente wollte ſie mit Bewußtſein von hinnen ſcheiden. Sie verabredete mit dem Leibarzte ein Zeichen, er ſollte ſagen:„befehlen Sie Limonade?“ wenn er merke, daß es zum Ende gehe. So entſchlummerte ſie am 29. November 1780, vor dem Anbruch einer verhängnißvollen Zeit. Oeſtreich zwar war mächtiger als zuvor, aber Deutſchland ſchwächer als je und Europa ſtand am Vorabend der großen Um⸗ wälzung.
V.
Die Völkerſchaften Oeſtreichs hatten ein Bewußtſein der Ein⸗ heit gewonnen, das ihnen früher fremd war. Die Heereskraft war erhöht durch die Militärcolonien und die Conſcription; Maria The⸗ reſia hatte den Namen mater castrorum, den einſt die Kaiſerin Fauſtina trug, verdient. Oeſtreich hat in der nächſtfolgenden Gene⸗ ration den ſechsmaligen Kriegsſturm Napoleons überſtanden, dieſes Oeſtreich iſt Maria Thereſias Werk. Mit wunderbarer Ausdauer hat es ſeinen Beſtand und ſeinen alten Charakter bewahrt, ſelbſt in den Stürmen von 1848 und 1859. Noch dauert in ihm, wenn auch verkümmert, das alte römiſche Reich deutſcher Nation fort, eine ihrem Weſen nach kriegeriſche, zum Deſpotismus neigende, dem Papſtthum vor allem befreundete Macht. Was immer wieder Hoff⸗ nung für Oeſtreich weckt, iſt das wunderbare Präſtigium des kaiſer⸗ lichen Namens, der martialiſche Geiſt der Armee, die Unerſchöpflich⸗ keit der Hülfsquellen des Hinterlandes, die Naivetät und Lebens⸗ friſche der Völker und die hohe Empfänglichkeit der Jugend. Was Beſorgniß erregt, iſt der im Hintergrunde noch lauernde alte, finſtre, volksfeindliche Geiſt, iſt die ererbte ſchwere Schuld des in Religions⸗ verfolgungen vergoſſenen Bluts, die durch erzwungene Zugeſtändniſſe nicht getilgt wird, endlich jener Verfall des Glaubens und der Sit⸗ ten, der einen der beſten Katholiken unſerer Zeit zu der Aeußerung veranlaßte: in Berlin ſei noch mehr wahres Chriſtenthum als in Wien. Jedermann weiß, daß die Gefahren des um ſich greifenden
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Unglaubens in katholiſchen Ländern noch größer ſind als in prote⸗ ſtantiſchen.
Deutſchland war, als Maria Thereſia dahinging, ſchwächer als je. Es fiel in Trümmer, das alte Reich, und ſeit Friedrich der Große ſeine Annexionspolitik mit Erfolg begann, hatte der deutſche Adler, wirklich zwei Köpfe und dieſe waren feindlich gegen einander gewendet. Die Reformation mit den aus ihr entſpringenden Käm⸗ pfen hatte den Rieſenleib des Reichs geſpalten, der dreißigjährige Krieg den Spalt tiefer geriſſen, im ſiebenjährigen Kriege brachen die Theile völlig aus einander, der religiöſe Gegenſatz war nun auch zum politiſchen Gegenſatz geworden und dieſer wurde durch den her⸗ einſpielenden Confeſſionshaß verbittert. Napoleon hatte nichts mehr zu thun, als die ſchon vollzogene Auflöſung zu beſiegeln, und die todte, nur als weſenloſer Schein noch beſtehende Einheit einzuſargen.
Indeſſen der Zerfall, das Erzeugniß einer tauſendjährigen Ge⸗ ſchichte, war da auch ohne Friedrich den Großen, und bei dem Altern des Reichs ward das Aufkommen Preußens— ein Schutz für die zerſplitterten Volksſtämme, ein Hort proteſtantiſcher Bildung und Entwicklung— als ein Glück für Germanien empfunden, und in der allgemeinen Ohnmacht und Verſchlechterung jener Zeiten freuten ſich auch Gegner Friedrichs, einen ſolchen Helden und Geſetzgeber auf deutſchem Boden zu ſehen. Unter dem Firniß franzöſiſcher Bildung hatte der alte Fritz doch noch immer ein deutſches Herz.
Die Ereigniſſe vor hundert Jahren ſind ein Spiegel für die Gegenwart. Die Spaltung beſteht noch fort. Wien und Berlin liegen weiter aus einander als Petersburg und Newyork. Zwar ein nationaler Gegenſatz exiſtirt nicht, es iſt Ein Volk; aber Wahn, Verkennung, Mißtrauen exiſtirt, der alte Fluch Deutſchlands, über den die Römer ſich freuten, eine politiſche Spaltung, die nur zu⸗ gleich mit dem Riß in der Kirche geheilt werden kann. Doch iſt bei dem allen ein Bewußtſein der Einheit und ein Verlangen nach ihrer Verwirklichung im deutſchen Volke erwacht, das man zu Friedrichs Zeit nicht kannte.
Zwar die Einheit unter einem Haupte iſt unmöglich, ſo lange die beiden Rieſen, Oeſtreich und Preußen, daſtehen, und die Verſuche, eine Centralgewalt mit Belaſſung einzelner Souveränetäten zu ſchaffen, mit anderen Worten, einen viereckigen Kreis herzuſtellen, mußten zugleich der Logik widerſprechen und der Uneinigkeit Vor⸗ ſchub leiſten. Nur eines bleibt übrig zu erſtreben und zu hoffen: Einheit der Geſinnung. Sind die Schweizer Cantone unabhängig, in Confeſſion und Sprache verſchieden und doch einig durch große Erinnerungen, durch gemeinſame Intereſſen, einig in der Liebe zur Freiheit und zum Vaterlande, warum ſollten die deutſchen Fürſten, die edelſten Glieder des Reichskörpers, warum ſollten die deutſchen Stämme nicht einig ſein können? Wer immer Mißtrauen ausſäet gegen die Fürſten, Haß zwiſchen die Confeſſionen, Abneigung und Verachtung zwiſchen Oeſtreich und Preußen, Süd⸗ und Norddeutſch⸗ land, iſt mitſchuldig, wenn Deutſchland, von übermächtigen Nach⸗ barn bedroht, endlich dem Schickſal Polens erliegen ſollte.
Maria Thereſia ſchied am Vorabend der Revolution. Ihr den Völkern wohlthätiges Walten, ihre Stellung als Mutter ihres Hau⸗ ſes und ihres Landes, ihr glücklicher Familienkreis, in welchen bald darauf das Unglück hereintrat, erinnert an jene fröhliche Verſamm⸗ lung in Bechtlarn(nach dem Nibelungenliede) vor dem Einzug ins Hunnenland und den Schreckniſſen, welche dort der Helden warteten. Oeſtreich war noch nicht reif zur Revolution und Maria Thereſia hat die kommende Gefahr mit aufgehalten; aber Frankreich war reif und das Haus der Tantaliden, das Bourbonengeſchlecht, war reif zum Gericht.
Maria Thereſia wußte nicht, was ſie that, als ſie die Verbin⸗ dung mit dem Hauſe Bourbon ſchloß, und ihre in jene Familie ver⸗ heiratheten Kinder in die verhängnißvolle Zukunft jenes Geſchlechts verflocht. Doch nicht bloß dieſe, alle ihre Söhne und Töchter muß— ten die Schwere der Zeiten erfahren.
Joſeph II., nicht glücklich in ſeinem Hauſe, der geliebten Gattin früh beraubt, dann kinderlos, ſah ſeine edelſten Entwürfe ſcheitern, mußte ſeine übereilten Reformen widerrufen und ſtarb vor der Zeit an gebrochenem Herzen. Sein Bruder Leopold folgte ihm ſchon nach 2 Jahren im Tode. Die Kinder, welche nach Modena, Parma und Toscana gekommen waren, mußten alle fliehen vor dem aus Weſten einbrechenden Unwetter der Revolution. Aber was iſt mit dem Loos der Marie Antonie zu vergleichen, die, gefangen, den Gemahl zum


