Jahrgang 
1865
Seite
244
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Er kleidete ſich an, und da er zu Hauſe niemand traf, ging er auf die Straße, pfeifend, beide Hände in den Taſchen ſeiner Bein⸗ kleider bergend und ſeine Mütze aufs linke Ohr gedrückt. b

Wieder war, mit Ausnahme einiger Frauen, niemand auf der Straße zu ſehen, und das Dorf ſchien wie ausgeſtorben.

Entweder liegen die Burſche, die ich geſtern zechen ſah, noch alle auf der faulen Haut, oder ſie ſind nur hierher gerufen worden, um Parade zu machen, dachte Benito,es iſt mir aber gleichgültig! Den alten Häupkling habe ich geſtern hinlänglich angeſchwindelt, ganz unbedingt gibt er mir die Erlaubniß, das Land zu durchreiſen und dann werde ich das und andere Dinge erfahren.

Dann fiel ihm ein Theil deſſen bei, was er geſtern mit dem Häupt⸗ linge geſprochen hatte, und endlich ſo ziemlich alles. Er hatte ihm unter anderem geſagt, daß er ſich ein wenig in Araucanien umſehen wolle. Zwar war ihm jenes Antwort nicht vollkommen klar erinnerlich, doch glaubte er, daß er heute, wenn er ſeinen Wunſch wiederholen würde, ſicher keine abſchlägige Antwort bekäme. Der Häuptling war ein fideler Kerl! Dann erinnerte er ſich an die Schilderungen, welche er vom Stande der chileniſchen Armee und von andern Dingen gemacht hatte. Freilich hätte da manches unterbleiben können, aber er ſchlug es ſich aus dem Sinn, brach ſich einen kleinen Zweig von einem Strauche und ſchritt mit demſelben umherfuchtelnd wieder fürbaß.

Plötzlich hörte er, als er eben an einem kleinen und nicht mit Palliſaden umgebenen Hauſe vorüberging, eine rauhe, ſcheltende Stimme und dazwiſchen Weinen und Wehklagen, und kurz darauf kam ein indianiſches Mädchen ſchluchzend aus der Thüre, welche heftig hinter ihm zugeſchlagen wurde, und ſetzte ſich auf eine Bank vor dem Hauſe, indem ſie ihr Antlitz in beide Hände barg.

Jetzt ſehe ich doch wenigſtens etwas Lebendes in dem Neſte, dachte Benito, indem er auf das Mädchen zuging und vor ihr ſtehen blieb.

He, ſagte er, indem er ſie mit dem Zweige, welchen er in der Hand trug, berührte,was gibt's, warum weinſt Du? Gleichzeitig aber lächelte er über ſich ſelbſt.Sie verſteht Dich ja nicht, dachte er; zu ſeiner großen Verwunderung aber blickte das Mädchen jetzt zu ihm hinauf und ſagte in ziemlich gutem Spaniſch:

Ich weine, weil mich mein Vater geſchlagen hat.

Die Verwunderung Benitos ſteigerte ſich jetzt noch, als er ſich die Geſichtszüge der zu ihm Aufblickenden näher betrachtete. Trotz des unverkennbaren Typus ihrer Race waren ſie nichts weniger als unſchön, und eben das Fremdartige machte auf ihn einen gewiſſen wohlgefälligen Eindruck.

Warum hat Dich Dein Vater denn geſchlagen? ſagte er nun.

Weil er betrunken iſt, verſetzte ſie,er macht es immer ſo, wenn das der Fall iſt.

Da mußt Du heirathen, rief Benito übermüthig ſcherzend. Aber das Mädchen erwiderte ernſthaft:

Das bleibt ſich gleich, denn dann ſchlägt mich mein Mann.

Oh, ſagte Benito in einem Anfalle von Artigkeit und indem er die Kleine am Kinn faßte,wenn ich Dein Mann wäre, ich würde Dich gewiß nicht ſchlagen.

So kaufe mich!

Sie ſah ihn bei dieſen einfachen Worten ſo ernſthaft an, daß der junge Mann ſicher war, ſie ſcherze nicht.Kaufe mich!! Sie machten einen merkwürdigen Eindruck auf ihn, dieſe Worte. Aller⸗ dings war ihm bekannt, daß die Indianer ihre Weiber von deren Eltern oder nächſten Anverwandten kaufen, aber dieſer ſonderbare Gebrauch war ihm ſo unerwartet und raſch nahe getreten, daß er ihn faſt erſchreckte. Dann blickte er auf das Mädchen und es kam ihm vor, als ruhten ihre großen dunklen Augen mit einem flehenden, weh⸗ müthigen Ausdrucke auf ihm.

Que disparate!(welche Tollheit) ſagte er dann halblaut.

Aber der junge Mann ſtand, wie wir wiſſen, ſtets unter der Herrſchaft einer großen Doſis Leichtſinn, dann im gegenwärtigen Augenblicke noch unter dem Einfluſſe eigenthümlicher Gefühle, und endlich die großen, allerlei Dinge ſprechenden Augen! Obgleich es

ihm ſelbſt einigermaßen einfältig vorkam, ſagte er dennoch:

Was koſteſt Du denn beiläufig?

Frage meinen Vater, verſetzte ſie.

Es iſt ganz ſo wie bei uns, dachte Benito,ſprechen Sie mit meinem Vater!

Indeſſen folgte er jetzt dem Mädchen ins Haus und traf dort einen ziemlich bejahrten, finſter darein blickenden Mann, welchen er ſich erinnerte, geſtern unter den ſogenannten jungen Leuten geſehen zu haben, und der ihn jetzt mit einer faſt drohenden Miene muſterte.

Aber alle Falten ſeiner Stirne glätteten ſich ſogleich, nachdem ihm ſeine Tochter einige Worte in ihrer Sprache geſagt hatte, und das Geſchäft wurde jetzt mit einer ſo rapiden Schnelle in Angriff genommen, daß Benito weder Zeit zum Rücktritte, noch zum Ueber⸗ legen geboten wurde. Er kaufte Tupa, denn jetzt erfuhr er den Namen des Mädchens, um drei Brendas, welches dort im Lande die Phantaſie⸗ münze iſt, um welche man Frauen kauft und verkauft.

Eine Brenda beſteht aus einer gewiſſen Anzahl von Pferden, Rindern, Schafen und wohl auch andern Gegenſtänden, und da Benito nichts dergleichen mit ſich führte, ſo ſchloß er einen Scheinkauf mit Tupas Vater, indem er ihm für ſeine ſilbernen Sporen, welche ſchon ſeinem erſten Begleiter ſo wohl gefallen hatten, und für ſechs Gold⸗ unzen eine ziemliche Anzahl Pferde und Rinder abkaufte, welche er natürlich nicht zu Geſichte bekam, und aus welchen der alte Indianer

die bedungenen drei Brendas formte.

Ich habe Euch billig behandelt, ſagte dieſer,ſehr billig, und einem andern hätte ich für dieſes Geld nicht die Hälfte dieſes treff lichen und wohlgenährten Viehes gegeben, aber was wollte ich machen? Man handelt unter Verwandten nicht allzu genau!.

Dann erſchienen, herbeigerufen durch einen kleinen Jungen, der in einem Winkel der Hütte gekauert hatte, drei andere, Tupas Vater äußerſt ähnliche Perſönlichkeiten, ohne Zweifel um als Zeugen bei der feſtlichen Handlung zu figuriren, und nachdem der Koſtenpunkt beendigt war, erfuhr Benito noch drei weitere Bedingungen, gewiſſer⸗

maßen aufgeſtellt zu Schutz und Schirm der Fräulein Braut.

Benito war erſtlich verpflichtet, ſeine Erkaufte täglich mit einer gewiſſen Menge von Speiſen zu verſehen, ſo und ſo viel an Brot, Fett und Fleiſch, dann mußte er ihr die nöthigen Kleidungsſtücke kaufen, und endlich mußte er ſich anheiſchig machen, die Begräbniß⸗ koſten für dieſelbe zu zahlen, im Falle ſie nachweisbar in Folge eines von ihm erhaltenen Schlages ſterben würde.

Der junge Mann war höchlich über dieſen letzten Punkt erſtaunt, und erfuhr erſt ſpäter, daß derſelbe nicht ſelten Anlaß zu bedeutenden Streitigkeiten unter den Indianern gibt.

Nachdem er hierauf Tupas Vater noch einige Kleidungsſtücke derſelben(nach Artikel 2 des Ehevertrags) und ein Pferd abgekauft hatte, führte ihn der Alte auf die Straße, umarmte ihn daſelbſt auf eine feierliche Weiſe und entließ ihn dann mit vielen und äußerſt höflichen Verbeugungen.

Beuito ſchlug jetzt mechaniſch und gefolgt von Tupa, welche ihr Pferd führte und ihr Bündel in der Hand trug, den Weg zum Hauſe des Häuptlings ein, der ihn aufgenommen hatte, und es kam ihm vor, als beginne neben dem phyſiſchen Katzenjammer auch noch ein

bedeutender moraliſcher im Anzuge zu ſein.

Er tröſtete ſich indeſſen, ſo gut es anging.

Es ſcheint ein gutes Ding zu ſein, dieſe Tupa, ſagte er zu ſich,und es iſt gewiſſermaßen eine edle Handlung, die ich begangen habe, indem ich ſie aus der Gewalt des groben Alten befreit habe.

Eine Stunde ſpäter befand ſich Benito auf dem Wege nach Chile, von wo er gekommen war, und das zwar auf denſelben reizenden Waldpfaden, welche er geſtern durchritten, und auf gleiche Weiſe be⸗ gleitet von ſeinem Diener und den beiden Araucanern, die ihn em⸗

pfangen hatten.

Die einzige Veränderung war, daß Tupa, mit demüthiger Miene auf ihrem Pferde ſitzend, den vier Männern folgte. (Fortſetzung folgt.)