Jahrgang 
1865
Seite
230
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tuſchkas, die Väterchen des Vaterlandes, mit krampfhaften, unerfüllten Mitregierungsgelüſten, eine Species, welche allenthalben vorgefunden wird auf der Erde, wo es nur halbweg etwas gibt, was einer Regie⸗ rung ähnlich ſieht.

Während man ſich aber auf dieſe Weiſe in nutzloſen und unge⸗ gründeten Vermuthungen erſchöpfte, näherte ſich Benito mehr und mehr dem Ziel ſeiner Reiſe, und am Abende des achten Tages ſah er bereits in einiger Entfernung die rieſige Araucaria ihren halbkugel⸗ förmigen Gipfel zum Himmel erheben.

Das war die Grenze des araucaniſchen Gebiets, und ſo weit war er früher bereits einmal mit einer Abtheilung Soldaten gekommen, aber weiter weder er noch einer ſeiner Leute.

Er machte Halt, man lagerte ſich im Freien, ſpeiſte von den mitgebrachten Vorräthen, am andern Morgen aber erklärte Benito ſeinen Leuten, daß er ihrer Begleitung von nun an nicht mehr bedürfe, und daß ſie zurückkehren ſollten, während er mit ſeinem Diener ſich zur Küſte begeben würde, wo ein Schiff in Bereitſchaft läge, auf welchem er ſeine Reiſe weiter fortſetzen müſſe.

Obgleich nicht wenig erſtaunt, befolgten die Soldaten dennoch ſeinen Befehl, und jetzt erſt, nachdem er ſie aus dem Geſichte verloren hatte, eröffnete er Joſé, ſeinem Diener, das Ziel ihrer Reiſe, und gab demſelben verſchiedene Verhaltungsregeln, während beide ihre Pferde beſtiegen hatten und der verhängnißvollen Araucaria ſtets näher und näher kamen.

Eigenthümliche Gefühle begannen jetzt in dem jungen Mann aufzutauchen, nachdem die Grenze ſeines Vaterlandes hinter ihm lag und er den Schauplatz ſeiner Thätigkeit betreten hatte. Zwar hatte er bereits in den letzten Tagen ſeiner Reiſe nur wenige von Menſchen

bewohnte Gegenden getroffen, aber hier ſchien die Stille und Ein⸗ ſamkeit einen ganz anderen Charakter zu beſitzen, als dort. Lautlos ſchritten die Pferde über den weichen mooſigen Boden, keine Spur eines lebenden Weſens ließ ſich erblicken, und ſelbſt das Laub der Waldbäume wurde nicht durch den leiſeſten Lufthauch bewegt.

Aber nicht allein dieſe wunderbare, ja faſt heilige Stille war es, welche das Herz des jungen Mannes ſo eigenthümlich ergriff. Die ganze Waldlandſchaft, welche ihn jetzt umgab, wirkte mächtig auf ihn ein, denn niemals hatte er ſolche Waldespracht erblickt.

Die rieſige Araucaria, welche die Grenze bezeichnete, ſchien nur ein Vorläufer zu ſein ihrer Schweſtern, die jetzt die Pracht ihrer ſäulen⸗ artigen Stämme zur Schau trugen, welche, wie Erxcilla ſingt, glatt ſind wie der Maſt eines Schiffes, und unbiegſam gleich der Marmorſäule eines Tempels, während in ihrem Gipfel ihre Früchte, die Pinonen, reifen, die Brotfrucht der Araucaner.

Dann prangte dort die mächtige Rotheiche, el Roble in der Landesſprache, die nicht ſelten eine Höhe von achtzig Fuß erreicht, und neben ihr, ihre Zwillingsſchweſter, und ihr zum Verwechſeln ähnlich, ſtand die Rauli, gleich jener die ſtarken und knorrigen Aeſte weit von ſich ſtreckend.

Die Stämme dieſer Bäume waren mit einer unzähligen Menge von Schmarozerpflanzen und von Schlinggewächſen überzogen, die nicht ſelten in zierlichen Gewinden die Aeſte umſchlangen und an⸗ ſteigend bis zum Gipfel, von dort aus wieder zurückkehrten, um hier auf, an einem andern Baumrieſen abermals emporkletternd, daſſelbe Spiel zu wiederholen.

(Fortſetzung folgt.)

Das Café de la Régence in Varis.

Von A. Mosengel. (Hierzu das Bild auf Seite 229.)

Die Schachſpieler bilden eine ſtille Geſellſchaft, die ſich über die ganze Erde ausbreitet. Wie die Freimaurer ihre Logen, ſo haben dieſe in aller Herren Länder ihre Cirkel und Klubs zu regelmäßigen Verſammlungen. Da werden Statuten berathen und feſtgeſtellt, Rekruten geworben und geſchult, heiße Schlachten geliefert und koſt⸗ bare Preiſe vertheilt. Was die Denker aller Nationen auf dem Ge⸗ biete der 64 Felder gefunden, iſt ſorgfältig aufgezeichnet und bewahrt worden, ſo daß die Bände der Schachliteratur ſchon nach hunderten zählen. Spanien und Italien hatten ihre Glanzperioden; Frank⸗ reich, England und Deutſchland halten mit wechſelndem Erfolge die Fahne hoch, und Rußland ſtellt Autoritäten erſten Ranges. Aber nicht in Europa allein hat ſich das edle Spiel zu der Höhe einer Wiſſenſchaft erhoben; noch jetzt bewundern wir die feinen Combina⸗ tionen des Arabers Stamma, die uns(außer ſeinem eigenen Buche) der franzöſiſche Schachmeiſter Philidor in ſeinen Muſterpartien überliefert hat, und wenn wir die engliſchen Schachzeitungen durch⸗ blättern, ſo finden wir einen gewaltigen Kämpen aus dem fernen Aſien: den Indier Moheshunder. Die Siege des Amerikaners Paul Morphy haben die Runde durch alle Blätter gemacht, und erweckten Intereſſe ſelbſt bei ſolchen, die ſich vordem nie mit Schach beſchäftigten.

Dieſe Thatſachen finden ihre Erklärung in dem Weſen des Spieles, dem kein anderes an die Seite geſtellt werden kann. Das Schachſpiel weckt und bildet einige der ſchönſten Eigenſchaften des Menſchen. Klugheit, Kühnheit, Ausdauer, Selbſtbeherrſchung und Geiſtesgegenwart ſind in hohem Grade dazu erforderlich! Fehlt nur ein einziger dieſer Faktoren, ſo iſt die höchſte Stufe unerreichbar. Viel thut freilich auchSchule! So wird der talentvollſte Anfänger nach wenig Zügen aus dem Sattel gehoben, wenn er einen theoretiſch gebildeten Gegner vor ſich hat, dem die Spieleröffnungen geläufig ſind. Deshalb hat man von jeher einen großen Werth auf die von bedeutenden Schachſpielern hinterlaſſenen Aufzeichnungen gelegt, die nach und nach zu wohlgeordneten Angriffs⸗ und Vertheidigungs⸗ ſyſtemen geworden ſind.

Wer auf dieſen Feldern Lorbeeren erringen will, glaube doch ja nicht, daß es nur einSpiel iſt! Das Studium dieſes Spieles

kann bequem ein Menſchenleben ausfüllen, eben ſo gut wie das Studium irgend einer anderen Wiſſenſchaft; ſo übermächtig iſt das Material bereits geworden.

Während bei einigen Eröffnungen die Gelehrten ſchon nach den erſten Zügen uneins werden und zweifelnd fragen: was iſt jetzt der beſte Zug? führt bei anderen das Buch mit logiſchen und handgreiflichen Beweiſen his in die Mitte des Spiels. Da heißt es: wenn Weiß dieſen Zug thut, ſo hat Schwarz nur dieſen einzigen Gegenzug, dann folgt der beſte Zug für Weiß, und wieder iſt der folgende Zug von Schwarz eine gebieteriſche Nothwendigkeit, oder.... und nun folgen ſeitenlange Varianten, die alle mit der Niederlage von Schwarz endigen.

Das ſoll nun alles auswendig gelernt ſein, und gut behalten, damit jeder Zug des Gegners wie ein alter Bekannter begrüßt, und ſtillſchweigend mit dem richtigen Gegenzuge beantwortet werde! Mechaniſches Auswendiglernen hilft auch wieder nicht, denn ſonſt geſchieht es wohl, daß einem vom vielen Lernen der klare Sinn trüb und wirbelig wird, er meint noch immer richtig nach dem Buche zu ſpielen, und iſt unvermerkt in die ungünſtige Variante gerathen, die mit ſeiner Niederlage endigen muß; da läßt er ſich nun ſo ſchön und regelrechtmatt ſetzen, wie es eben nurnach dem Buch möglich iſt, und ſpielt eine Partie, die ſchon vor hundert Jahren als abſchreckendes Beiſpiel gedruckt wurde.

Wenn nun ſorgfältig das Beſte ausgewählt, und mit unſäg⸗ licher Mühe bei Tag und Nacht gelernt iſt, wenn es nun endlich ſitzt, und das Gedächtniß ſo vortrefflich einexercirt iſt, daß überall ſchlagfertig die richtige Antwort ertönt, man mag anklopfen wo man will, dann geht das Studium an! Dann ſoll ſelbſt gefunden, erfunden werden! Denn es iſt einleuchtend, daß mit der ganzen Bücherweisheit noch ſehr wenig gewonnen iſt: was gedruckt iſt, iſt Gemeingut, und der Gegner ſtudirt dieſelben Autoren. Wirkliche Erfolge können ſelbſt auf dieſer Grundlage nur mit eigenem Witz und überlegenen Verſtandeskräften errungen werden.

Zum Troſte für diejenigen, welche nicht in der Lage, oder nicht geſonnen ſind, ein ganzes Menſchenleben dabei zuzuſetzen, und doch gern Schachſpieler aber keine Schachſtümper ſein möchten, will

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