eine vollſtändige Uebereinſtimmung und Einigkeit herrſcht, und dies ſowohl, als auch ihre Art zu kämpfen, hat ſie zu einem von jeher gefürchteten Feinde gemacht. Die Lanze der Araucaner iſt zum Sprichworte geworden, und man hegt vor derſelben eine faſt aber⸗ gläubiſche Furcht, während auf der andern Seite, ſo treffliche Reiter auch die Chilenen ſind, ſie doch in dieſer Hinſicht von den Araucanern noch weit übertroffen werden.
Da alſo dieſe Indianer klug, tapfer, uund gleichzeitig Leute ſind, welche zu Zeiten verzweifelt wenig Scherz verſtehn, ſo war man ſtets von chileniſcher Seite aus darauf bedacht, ſie bei guter Laune zu er⸗ halten, und unter verſchiedenen Mitteln, welche man hierzu anwendete, befand ſich zu der Zeit, von welcher wir ſprechen, der oben erwähnte „Salzzoll“, welches Ding wir alſo nennen, da wir keinen andern Namen für daſſelbe wiſſen.
In der Wirklichkeit verhielt ſich die Sache alſo:
Die chileniſche Regierung ſagte zu den einflußreichſten Häupt⸗ lingen:„In Eurem Gebiete befinden ſich Salzlager. Wir wünſchen, ſo lange Frieden zwiſchen uns iſt, dieſelben benutzen zu können, und wollen Euch jährlich eine gewiſſe Summe für dieſe Erlaubniß aus⸗ zahlen.“
Wir wiſſen nicht, in welchem Theile von Araucanien ſich dieſe Salzlager befanden, und es iſt uns ebenſo unbekannt, ob die Chilenen dieſelben häufig ausbeuteten, zuverläſſig iſt aber, daß die araucaniſchen Häuptlinge ausnehmend friedliebend geſinnt wurden, da die Salz⸗ ausbeute und die„gewiſſe für dieſelbe entrichtete Summe“ Dinge waren, welche nur exiſtirten, ſo lange Frieden war.
Das iſt dasjenige, was wir Salzzoll genannt haben.
An jenem Morgen aber, an welchem Benito Laveaga zu ſeinem Oberſt berufen worden war, ſprach der letztere, nachdem er ihn im allgemeinen mit ſeiner Aufgabe bekannt gemacht hatte, etwa folgendes:
„Man hat mir die Wahl gelaſſen, welchen von meinen Offizieren ich zu jenen ſpitzbübiſchen Indianern ſenden wolle, und ich habe ab⸗ ſichtlich Sie gewählt.
„Die Regierung hat gegenwärtig mehr zu ſorgen und zu thun, als mit dieſen uncultivirten Subjecten Krieg zu führen, und man ſucht ſie deshalb zur Zeit bei guter Laune zu erhalten.
„Aber aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben, und ich hoffe, daß eine andere Zeit kommen wird, in welcher wir eine andere Sprache mit den Herren Araucanern ſprechen werden.
„Suchen Sie ſich daher ein wenig in ihrem Lande umzuſehen.
„Sie ſind ein muthiger junger Mann, Sie haben, wie ich höre, merkwürdiges Glück bei den Frauen und, wie man mir ſagt, vermögen Sie große Mengen geiſtiger Geträuke zu ſich zu nehmen, welches bei unſeren jungen Leuten nicht häufig der Fall iſt.“
Benito zog die Schulter und machte eine halb entſchuldigende, halb verneinende Miene, allein der Oberſt fuhr fort:
„So wenig ich dieſe beiden letzten Eigenſchaften eigentlich liebe, können ſie Ihnen im gegenwärtigen Falle doch von großem Nutzen ſein.
„Dieſe Wilden ſind ganz unmäßige Zecher. Sie halten Trink⸗ gelage, in welchen ſie Chicha, das heißt Apfelwein, und ein andres, auf höchſt ekelhafte Weiſe aus Mais bereitetes, gegohrenes Getränke in enormen Quantitäten zu ſich nehmen und dieſe Gelage dauern oft drei bis vier Tage, ja noch länger. Wenn Sie bei einer ſolchen Gelegenheit wacker aushalten, können Sie vielleicht von irgend einem Trunkenen merkwürdige Aufſchlüſſe erhalten.
„Dann haben dieſe Menſchen ſtets eine ganze Schar von Weibern. Ich halte es für nicht ſtatthaft, weiter auf dieſen Punkt einzugehen, zuverläſſig aber iſt Ihnen bekannt, daß die Zunge einer Frau, ſo viel Unheil ſie ſonſt wohl anſtiften mag, bisweilen dennoch außerordentlich nutzbringend verwendet werden kann.
„Es werden Sie ſechs Soldaten bis zur Grenze begleiten, die Häuptlinge aber, welche von Ihrer Ankunft bereits in Kenntniß ge⸗ ſetzt ſind, geſtatten Ihnen nur, in Begleitung eines einzigen Dieners das Land zu betreten. Auch wird man Sie nicht weit in daſſelbe eindringen laſſen, ſondern Sie ohnfern der Grenze beſchäftigen und aufhalten.
„Suchen Sie trotzdem weiter vorzugehen. Machen Sie ſich mit dem Terrain bekannt, durchforſchen Sie das Dickicht jener Wälder, die Hochebenen und die verborgenen Schluchten und Schlupfwinkel des Landes.
„Wir werden das alles ſpäter trefflich benutzen können.
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„Längere Zeit haben wir keinen Krieg mit jenen blut⸗ und beute⸗ durſtigen Schurken geführt, aber dennoch wiſſen wir nur zu gut, auf welche Weiſe ſie zu kämpfen pflegen. Der einrückende Feind ſieht längere Zeit durchaus nichts Verdächtiges, und wird faſt ſorglos. Endlich erblickt er einige weidende Pferde, dann erſcheinen ganze Herden derſelben, welche harmlos ihr Futter zu ſuchen ſcheinen, und näher und näher kommen. Plötzlich aber ſitzt auf jedem dieſer Thiere ein ſchwarz bemalter Teufel, der mit flatterndem Haar und mit wüthendem Geſchrei ſich auf ſeinen Gegner ſtürzt, und denſelben nur zu ſicher mit ſeiner verwünſchten Lanze durchbohrt, welche er im Graſe nachgeſchleift hat, während er ſelbſt an Gurt, Schweif und Mähne ſeines Pferdes ſich haltend, vorher unſichtbar war.
„Dieſe ſchändlichen Lanzen! Sie haben eine Länge von zwanzig Fuß, ſind aus leichtem Rohre gefertigt und haben ohnweit der Spitze kaum einige Linien Stärke. Aber der Araucaner fängt einen in die Luft geworfenen Apfel mit derſelben auf, und während er die Spitze vielleicht nur einen halben Zoll in die Frucht eindringen läßt, durch⸗ bohrt er ein andermal den ſtärkſten Mann mit derſelben Leichtigkeit und iſt im Stande, eine erbſengroße Stelle am Körper ſeines Feindes zu bezeichnen, welche er treffen will.
„Dabei iſt dieſe Lanze auf keinerlei Weiſe zu pariren. Der Araucaner verſetzt beim Angriffe den dünnen und ſchwankenden vorderen Theil derſelben in eine rotirende Bewegung, ſo daß man keine Spitze, ſondern eine ſich drehende Scheibe zu ſehen glaubt, aber er trifft ſeinen Gegner mit einer leichten, kaum ſichtbaren, ſchnellenden Bewegung ſeines Handgelenkes.
„Von welchem Vortheile wäre es, wenn Sie einem Scheingefechte dieſer Wilden beiwohnen könnten, oder wenn Sie Unterricht erhalten würden hinſichtlich der Führung jener furchtbaren Lanze.
„Welche Augen würden dieſe Heiden machen, wenn wir ſie plötz⸗ lich mit ihren eigenen Waffen bekämpfen würden!
„Aber gehn Sie jetzt mit Gott,“ ſchloß der Oberſt,„den Neben⸗ zweck Ihrer Sendung braucht niemand zu wiſſen, was aber Ihren Urlaub betrifft, ſo lautet derſelbe auf unbeſtimmte Zeit, und Sie mögen ausbleiben, ſo lange Sie es eben für zweckdienlich halten.“
Als Benito nach dieſem Geſpräche mit ſeinem Oberſten die Kaſerne erreicht hatte, war er bereits ſelbſt Oberſt eines Regiments Lanzenreiter, welche genau nach den Prinzipien organiſirt waren, die er den Araucanern abgelauſcht hatte. Die Wirklichkeit entzog ihn aber dieſen Träumen, indem er alle Hände voll zu thun hatte, um ſich für ſeine Abreiſe zu rüſten, die Leute auszuwählen, welche ihn begleiten ſollten, und zugleich einen zärtlichen Abſchiedsbeſuch abzu⸗ ſtatten bei der Sennorita Francisca Ramirez, einer jungen Dame, welcher er in der letzten Zeit mehr als gewöhnliche Aufmerkſamkeit zu widmen angefangen hatte. 8
Francisca beſtürmte ihn mit Fragen über das Ziel und den Zweck ſeiner Reiſe, aber er blieb feſt und verrieth ſein Geheimniß nicht, obgleich er merken ließ, daß er zu einer hochwichtigen Sendung be⸗ ſtimmt worden ſei.
„Bewahren Sie mir ein freundliches Andenken,“ ſagte er, als er endlich ging. Es kann ſein, daß ich ein halbes Jahr ausbleibe, und länger, aber das, was ich mitzubringen hoffe, ſetzt mich vielleicht auch in Ihren Augen in ein günſtiges Licht, und ich dürfte dann die lange Trennung von Ihnen ſelbſt als die Urſache meines Glückes betrachten.“
Die junge Sennorita entließ ihn halb zärtlich, halb ſchmollend, und bereits am andern Tage wußte halb Valparaiſo, daß der Lieute⸗ nant Benito Laveaga mit Aufträgen von der ungeheuerſten Wichtig⸗ keit außer Land geſchickt worden ſei, und während die älteren Leute die Köpfe ſchüttelten und die jüngeren gelinde Anwandlungen von Neid empfanden, erſchöpften ſich beide in Vermuthungen.
Man brachte Benitos Reiſe mit der demnächſt ſtattfindenden Präſidentenwahl in Verbindung, da man Unruhen bei derſelben befürchtete.
Man ließ ihn nach Peru reiſen, um eine Vereinigung beider Republiken anzubahnen, und andere ſprachen, in gleichem Sinne, von Buenos Ayres oder von Bolivien.
Einige endlich ſagten mit Stirnrunzeln, ſie wollten nicht hoffen, daß man den jungen Mann nach Spanien ſchicke, um das Vaterland wieder unter ſpaniſches Joch zu bringen. Aber der gegenwärtigen Regierung ſei alles zuzutrauen.
Das waren die Männer der ſtändigen Oppoſition, die Bai⸗


