durft' er nicht hören.“ Ich wußt es nicht.„Studiren!“ ſagten die Lehrer der Schule, und ich blickte zu Boden und ſchüttelte den Kopf. „Ein Künſtler!“ ſagten die Muſiker alle, und der alte Vater ſchüttelte den Kopf.„Wohlan, mein Sohn,“ ſagte der Vater,„ſo werde ein Kaufmann in meinem Hauſe; Dein wird doch alles, wenn wir ge⸗ ſtorben.“ Da ward ich Kaufmann und trug von neuem, im Innern grollend', unerträglichen Zwang. Hätte mich nicht getröſtet meine Freundin, die Geige, hätten mich nicht gehalten Vater und Mutter, wie ein Vogel wäre ich davon geflohn.
Ein Jahrlang ertrug ich's, da ſtarb der Vater und weinend bracht' ich ihn in die Gruft. Und zu der alten weinenden Mutter kamſt Du, Lodoiska! Weißt Du den Tag? Da der braune Jüngling Dir entgegentrat und Dir entgegen die Bruſt ihm bebte! Braun wareſt Du auch, ſchwarz Dein Haar, ſchwarz Deine Augen, roth Deine Wangen. Und neuer Zauber kam über mich zu dem alten Zauber. Kennſt Du die Worte noch:
Wie die Flamme glüht ſie,
Wenn der Abend graut,
Wie die Roſe blüht ſie,
Wenn der Morgen thaut,
Wie ein Sternpaar blickt ſie,
Das im Dunkel blinkt,
Wie die Well' erquickt ſie,
Die der Durſtge trinkt. Kennſt Du ſie noch? und alle die Reime? und alle die Lieder? Wo ſind ſie nun? Wild war meine Liebe, wild und ſcheu, wie die Thiere des Waldes, der mich geboren. Haſt Du auf Dich die Lieder ge— deutet? Haſt Du gefühlt, was die Saiten der Geige von verzehren⸗ dem Sehnen, von raſenden Gluten, von wonniger Luſt Dir entgegen⸗ tönten, wenn ich oft in der Dämmrung vor Dir und der Mutter meine ganze Seele in die Geige ergoß? Du floheſt mich, wie die Taube den Nahenden, Du wicheſt vor mir, wie die Sonne vor der Nacht. Meine Lippen mußt ich vor Dir verſchließen, meine Augen mußt' ich ſenken vor Dir. Ein Blondbart war es, ein weißes Ge⸗ ſicht, das zwiſchen uns beide ſcheidend getreten. War's nicht ſo, Lodoiska? Ich weiß es nicht. Aber ich fühlte, wie Du es fühlteſt, daß der braune Sinde nicht zu Euch gehörte. Ich ſah's, ich erkannt' es in den traurigen Tagen, da die freundliche Mutter im Sarge lag. O die finſtern Stunden voll Todtenklage, voll verſchmäheter Liebe, voll eifernder Wuth! Und wie ward das Haus mir zum öden Ge— fängniß, da nun nach den Todten auch Du hinausgingſt! Noch ein⸗ mal, Lodoiska, ſahen wir uns, als wir vor die Gerichte waren ge— rufen, dort anzuhören den letzten Willen der gütigen Todten. Ich ſollte erben das Haus und die Handlung und alle den Reichthum, viel Hunderttauſend, ſeit Jahren gehäuft, und Du ſollteſt erben, wenn ich nicht erbte, wie wenn ich ohn' Erben ſchied aus der Welt. Ich hörte das leſen, und ſah nur Dich, und auch keinen Blick wollteſt Du mir ſchenken.
Als ich im Hauſe wieder allein war, in dem alten Gefängniß, wo ich ſo lange mich wund gerieben an tauſend Feſſeln, und in tauſend Feſſeln noch immer mich fühlte, und begraben waren die freundlichen Alten, und verſchmäht meine Liebe von Dir, Lodoiska, und ringsum⸗Fremde, die es alle fühlten, wie ich es fühlte, daß ich zu ihnen nicht gehörte, da erfaßte mich Ingrimm und ſchwindelndes Sehnen, hinaus zu flüchten in die alte Freiheit, hinein zu ſchaun in die alten Wunder der Wälder, der Nächte des weiten Himmels. Mir zu Haupte brauſte das Blut der Sinde. Am Abend war's, es nachtete ſchon, da zum erſten Mal geſchah mir— wie war es? Noch hatt' ich ge⸗ ſtanden in meinem Gemach, Lichter umher und üppiger Hausrath,— und plötzlich ſchritt ich, meilenweit von der Stadt, unterm Arme die Geige, mir zu Häupten die Sterne, und ich war, ich wußt' es, auf dem Wege zu den Unſern, den braunen Männern des Sindevolks.
Ja, wieder zu ihnen bin ich gegangen durch viele Mühſal, Gefahr und Noth. Zwar Geldes genug führt' ich im Beutel, Gold und Silber, um mich zu friſten, doch entartet war ich der alten Freiheit, draußen zu hauſen im Wald, auf der Heide, und kämpfen mußt ich, es aus⸗ zuhalten. Ich habe gekämpft, und ich hielt es aus. Meine feinen Kleider ändert' ich langſam, ähnlicher immer den braunen Sinde. Meine Geige trug ich in dichtem Sacke von Wachsleinwand durch Nebel und Regen. So wandert ich weiter viel Wochen lang, durch Wald und Heide, die Straßen meidend. Allmälig ſanken die alten Bande, allmälig ward ich zum freien Mann.
In Thränen jauchzt' ich, als ich in Ungarn von den braunen Brüdern die erſten fand. Wandernde Muſiker waren die Männer. Im herbſtlichen Walde lagerten ſie, am Mittag raſtend. Meine Geige zog ich hervor und ſchweigend trat ich in ihre Mitte und ließ die Töne aus den Saiten quellen mit Klängen und Gängen wie nie zuvor. Alle Wunder des Waldes, alle Zauber der Nächte, alle Liebesſchmerzen um Dich, Lodoiska, rangen und ſchwangen ſich hin⸗ aus in den Tönen, und es ſtarrten die Männer mich ſtaunend an. Als ich geendet, ſprangen ſie auf und ſprachen zu mir in der alten Sprache, aber was ſie ſagten, verſtand ich nicht mehr. Ein weniges Deutſch wußte einer von ihnen, und als er gewahrte, daß ich es verſtand, ſagte er, wie alle mein Spiel bewundert, und fragte, von wannen und wer ich ſei. Und ich ſprach:„Ein Sinde bin ich ge⸗ boren, von unſerem Stamme als Kind entführt. Lange hab' ich ge⸗ wohnt bei den weißen Geſichtern und will nun wieder zu meinem Stamm, wo ſie Tuvia Panti als Knaben kannten bei der Maha⸗ madri im grünen Wald.“— Da trat mir ein anderer unter die Augen, und nahm meine Hand und ſchüttelte ſie, und redete viel in der Sindeſprache; und als mir der erſte ſein Wort verdolmetſcht, da war es ein Mann von meinem Stamme, der die Mahamadri in ihrer Hütte und Tuvia Panti als Knaben gekannt.
Bei den Männern blieb ich und geigte mit ihnen die wilden Tänze von Dorf zu Dorf; ich lernte wieder die Sindeſprache, und kam gen Winter zu unſerem Stamm. Und gleich wie ein Fürſt ward ich empfangen, wie ein Wiedergefundener ward ich geherzt. An ſie alle vertheilt' ich mein Gold und Silber, und ſie halfen mir eine Hütte bauen bei ihren Hütten im Eichenwald. Nun bin ich wieder ein freier Sinde, ein wilder Zigeuner mit Seel und Leib. Mit dem braunen Volke im Walde leb' ich und geh' und komme, wie mir's gefällt. Mit den braunen Geſellen durchzieh' ich die Lande und ſpielte die Geige bei ihrer Muſik. Und find' ich der Leute, wer's immer ſei, die Tuvias Bogen zu ſchätzen wiſſen, da müſſen die andern Geſellen ſchweigen, und ich ſchüttle das Haupt und nehme die Geige, laſſe die Töne ſüß und zart, laſſe die Töne wild und gewaltig quellen und ſchwellen, bis mich's entrückt, mir die Sinne ſchwinden, und herunter vom Himmel, herauf aus der Erde ſteigen die hohen Wun⸗ dergeſtalten, in Töne gekleidet, zu Klängen geworden, jauchzen und weinen, lachen und klagen, höhnen und locken, eine Zauberwelt! Und wenn ich ende, athmen erſchüttert und ſtaunend die Hörer, die Wunder ahnend, in die ich geſchaut. Aber mehr noch lernt' ich aus freier Luſt, um ganz zu gleichen den braunen Brüdern,— nicht Hochgelehrtes, nicht feine Künſte, nein, zarte Lodoiska, Keſſelflicken und ſchnitzen in Holz, und was ich brauche, mir ſelber bereiten, und wenn es ſein muß, auf freier Heide den Regen, den Sturm, Schloßen und Froſt lächelnd ertragen. Wer unter Euch, ſage, wer kann das?
Hochmüthig blickt Ihr und mit Verachtung auf die braunen Zigeuner. Was hab' ich geſehn? Für den Angeklagten, deſſen Weib eelrankt war, nahm Schuld und Gefängniß ein anderer auf ſich. Fünf Monden ſchleppte, tränkt' und verſorgte in fremdem Lande zu dem eignen Säugling den verwaiſeten Jüngling ein ſchwaches Weib. Wer weiß von Undank der braunen Leute, der ihnen jemals hat wohlgethan? Ob etliche ſtehlen, lügen und trügen,
Ihr weißen Geſichter, ſeid Ihr ſo rein? Des Zauberns hat man uns wohl geziehen, auch kennen wir Kräfte, die Ihr nicht kennt, und unſere Weiber weiſſagen wohl, und kein Betrug iſt's, ich weiß es von ihnen. Denn wenn ſie die Blicke ſinnend verſenken in die offene Fläche der fremden Hand, da wogt' in den Linien wunderſam, und wie Geiſter in ihnen ſchaun ſie des Menſchen künftige Looſe und ſprechen ſie aus, wie die Zunge will. Was aber ſollten wir weiter zaubern? die wir offenen Auges in die Zauberwunder ſchauen der Nacht, der geheimnißvollen, des Sternenhimmels, der Wolkenge⸗
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ſtalten, des wilden Waldes, der Thier' und der Vögel, des freſſenden 5
Feuers, der wallenden Flut?
Acht Jahr und neune, wieder ein Freier, wohnt' ich im Walde. zog ich umher. Da führte uns hierher ein böſer Wind. Gefangen ward ich, der nichts begangen. Aber noch heute, wenn wieder die Nacht kommt, meine alte Vertraute, flieg ich davon, und draußen werd' ich, ein freier Mann, für Dich, Lodoiska, es alles erzählen.
(Fortſetzung folgt.) 1


