Nicht durch plötzliche Umkehr, ſondern ſtufenweiſe hatte ſich in ihr dieſe ſchöne Frömmigkeit entwickelt. Während eines mehrmonat⸗ lichen Krankenlagers in ihrem neunten Jahre regte ſich zuerſt das Bedürfniß nach geiſtiger Nahrung. Die fromme Mutter ſuchte daſſelbe durch Erzählungen aus der Bibel zu befriedigen, die Tante durch Feenmärchen, der Vater durch Naturkunde. Sie genas und blühte auf: aber die Bibel blieb ihre Begleiterin und in den Romanen, die ſie las, erfreute es ſie lebhaft, wenn„der chriſtliche deutſche Herkules“ ſich zu jeder heroiſchen That durch ein langes Gebet ſtärkte. Zur Jungfrau gereift, geräth ſie in den Strudel bewegten geſelligen Lebens; zwar unberührt, doch ungefördert und zerſtreut verbringt ſie darin vier leere Jahre. Der Verkehr mit einem jungen Hausfreunde, Narciß, nährt und erregt ihren lebhaften Geiſt, der für alles Schöne und Edle empfänglich iſt. Ein eigenthümlicher Vorfall läßt dieſe Verbindung zu einem glücklichen Brautſtande reifen. Doch gleichzeitig reift auch der Verkehr mit dem unſicht⸗ baren himmliſchen Freunde. Nach und nach treibt es ſie hier zu Klarheit und Entſchiedenheit; in einem langen Kampfe, in welchem ſie ſich dafür entſcheidet, die leeren weltlichen Zerſtreuungen auf⸗ zugeben, kräftigt ſich mit der charactervollen Selbſtändigkeit ihr reli⸗ giöſer Ernſt. Den Bräntigam entfremdet dieſer Sieg des Höheren; ſie gibt ihn auf. Ausgezeichnete Männer, dies Mädchen bewun⸗ dernd, das„Gott mehr ſchätzte als ihren Bräutigam“, bewarben ſich vergebens um ihre Hand. Da beginnt die glücklichſte Zeit ihres Lebens. In blühender Geſundheit, ſtark durch innere, ſchwer er⸗ rungene Freiheit, voll inniger Gemüthsruhe, durch die Fürſorge eines edeln Oheims auch äußerlich unabhängig, nährt ſie Geiſt und Seele durch Schönes und Heiliges.
Schweres Leid prüft bald, ob der Glaube in ihr lebenskräftige Wahrheit oder Phantaſie ſei. Auf langem Krankenlager, dann als Pflegerin am Sterbebette der Mutter und des Vaters beſteht ſie dieſe Prüfung:„Er war mir nahe, ich war vor Ihm“ heißt es in den Bekenntniſſen. Eine edle Freundſchaft mit dem bedeutenden Staatsmanne Friedrich Karl von Moſer(jenem Philo der Bekennt⸗ niſſe) bringt ſie auch zur Erkenntniß der Sünde: ſie fühlt die Anlage in ſich,„ein Ungeheuer“ zu werden ohne die Leitung einer unſicht⸗ baren Hand: zum Kreuze Chriſti ſchwingt ſie ſich auf— da erſt ward ihr Glaube tief und ſtark.
Nun iſt alles in ihr licht und klar und feſt. Keine Manier der Frömmigkeit, weder des damals ſchon entarteten Pietismus noch der ſtärker ſie anziehenden Brüdergemeinde, trübt den lautern Strom ihrer Seele. Keine Furcht vor der Hölle treibt ſie zu Gott; kein äußerliches Gebot ſteht dem widerwilligen Triebe gegenüber. Sie kennt nicht den Druck ſtarken aber unklaren Pflichtgefühls, das ſo oft edle Seelen niederbeugt. In unbeſchreiblicher Geduld trägt ſie ihre körperlichen Leiden; Gemüthsruhe und Heiterkeit verlaſſen ſie niemals. Sie fühlt ſich unendlich frei; ihr tiefſtes beſtes Selbſt iſt zur ſchönſten Blüthe entfaltet. Von ſonniger Höhe ſchaut ſie in das Gewirre des Daſeins herab und ſieht leicht, wie die verſchlungenen Fäden ſich löſen laſſen. Darum iſt ſie ihren Freundinnen uner⸗ ſetzlich als treffende Rathgeberin, vor allem dem Goetheſchen Hauſe.
Dieſe lichte Schönheit der Seele und reiche Harmonie des Geiſtes hat auf den jungen Dichter Jahre hindurch eine mächtige Anziehungskraft geübt, wie er in Dichtung und Wahrheit(beſonders im achten und im fünfzehnten Buche) unumwunden darlegt, trotzdem Fräulein von Klettenberg faſt zehn Jahre älter war als ſeine Mutter.
Zuerſt freilich erſcheint dieſer Einfluß weniger ſtark. Noch ringt ſein gährender, ſchwankender Geiſt, der die Ziele des Strebens ſucht, mit der ſtillen Macht der Harmonie. Sie ſagt es ihm offen, ſeine Unruhe komme daher, daß er noch keinen verſöhnten Gott habe. Sein Glaube, mit Gott ſehr gut zu ſtehen, wird doch etwas wankend, ſo ſehr er ſich gegen andere Eingeſtändniſſe ſträubt. Den forſchen⸗ den Geiſt in ihm regt ihre lebhafte Theilnahme an der Magie und
Alchymie an; beide vertiefen ſich in dieſes Suchen nach den Grund⸗
ſtoffen„der jungfräulichen Erde“. Auch nach ſeinem Fortgange wechſelt er Briefe mit der Freundin, berichtet, daß er fleißig zum heiligen Abendmahle gehe; er hält ſich anfangs zu den frommen Leuten. Seine Empfänglichkeit für Jung⸗Stillings Weſen und Denken hat er ohne Zweifel jenen ernſteren Eindrücken zu danken.
Tiefer wirkt ſie auf ihn ein, da er geiſtig unendlich bereichert und gehoben, ſeeliſch gewaltig erſchüttert von Straßburg, dann von Wetzlar ins Elternhaus zurückgekehrt iſt. Das war ja ſein blüthen⸗
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reicher Dichterfrühling— als„Götz“ entſtand und„Werther“ unter tauſend Geneſungsſchmerzen geboren wurde, da er die volle Ueber- zeugung gewaltiger Schöpferkraft gewann, da er mit Rieſenſchritten den deutſchen Parnaß hinaufeilte und die Augen der Beſten ſeiner Nation auf ſich lenkte, da Lavater ihm zuerſt näher tritt und ihn gleich mächtig anzieht, da ſelbſt Baſedows Ideen bei ihm Eingang finden. Weit entfernt, daß dieſe Zeit der Excentricitäten und des erſten Ruhmes ihn der Freundin entfremdet hätte, zieht es ihn viel⸗ mehr immer wieder zu ihr hin,„deren Gegenwart ſeine ſtürmiſchen, nach allen Seiten hinſtrebenden Neigungen und Leidenſchaften wenig⸗ ſtens für einen Augenblick beſchwichtigte“ und welche ihm, nach ſeiner Schweſter, am nächſten ſtand. Ein wunderbarer Contraſt! Hier der ſchöne, kräftige Jüngling mit glühenden Augen, ſtrotzend von Lebens⸗ und Geiſteskraft, kaum zurückgekehrt von Scenen ſprühendſter Genialität— ihm gegenüber im Seſſel am Fenſter eine ältliche Dame, deren Leiden ſtetig zunimmt, zart, von mittlerer Statur, in einfachem Gewande, das dem der Herrnhuterinnen ähnlich ſieht,— auf ihrem Antlitze eine ſtille, freundliche Heiterkeit, die mit dem irdiſchen Daſein leicht abſchließt und ſich wunderbar ſteigert, je tiefer ſie ihre Lebensſonne ſinken ſieht! Da ſitzt der Dichter, und liest ihr Miſſionsberichte vor und nimmt ſich halb ſcherzend der Heiden an, die man ihrem Naturzuſtande entreißen will. Oder er zeichnet etwas hin, um ihr leichter die geſehenen Gegenden, die ſchönen Ufer des Rheines, zu beſchreiben. Der Strahl der Abendſonne fällt dann wohl verklärend auf das ſchöne Antlitz der faſt Verklärten; ein tiefes Ahnen weltüberwindenden Glaubens in all ſeiner chriſtlichen Schöne ergreift die feinfühlende Seele des Dichters: er verſucht das Bild der Freundin flüchtig zu fixiren ſammt dem behaglichen und feinen Schmuck des Zimmers und ſendet es einer anderen aus⸗ wärtigen Freundin mit jenen drei köſtlichen Strophen, deren erſte lautet:
Sieh in dieſem Zauberſpiegel
Einen Traum, wie lieb und gut
Unter ihres Gottes Flügel
Unſre Freundin leidend ruht.
Ein Bild— in der That verlockend und anregend für den Griffel eines feinfühlenden Künſtlers!
Dieſe Einwirkung der frommen Freundin muß zu einer Zeit culminirt haben— das verräth Goethes Darſtellung im fünfzehnten Buche ganz deutlich. Der genaue Zeitpunkt läßt ſich indeß ſchwer finden. Genug, des Dichters Neigung zur Brüdergemeine hatte ſtets zugenommen. Das Werdende, aus unſcheinbaren Anfängen mächtig Wachſende dieſer Gemeinſchaft, welche an die erſten Jugend⸗ Zeiten des Chriſtenthums anzuknüpfen ſchien,— die Vereinigung der bürgerlichen und kirchlichen Verfaſſung mit ihrer merkwürdigen Löſung aller natürlichen Gegenſätze zwiſchen Oberhaupt und Ge⸗ meinde,— ohne Zweifel auch die ungezwungene Verborgenheit und Stille, leiſe anſtreifend an jene vielfachen geheimen Verbindungen, mit venen man der verbildeten kranken Geſellſchaft aufzuhelfen ſtrebte: alles dies übte einen magiſchen Reiz auf den Dichter aus, der nach allem Bedeutenden die Fühlfäden ſeiner großen Seele be⸗ gierig ausſtreckte. Und als er mit dem Legationsrath Moritz eine Synode zu Marienborn(in der nahen Wetterau) beſuchte, hatten, wie er ſelbſt ſagt, dieſe trefflichen Männer ſeine ganze Verehrung gewonnen,„und es wäre nur auf ſie angekommen, mich zu dem Ihrigen zu machen“— ja freilich, wenn es überhaupt die Art der Brüder geweſen wäre, Proſelyten zu preſſen! Doch bald erkältet es ihn, daß, ganz gegen ſeine bisherige Erfahrung, ſeinem verlangenden Herzen nicht ſofort offne Arme ſich entgegenbreiten.
Goethe in der Brüdergemeine! Ein ſchöner und ehrender Irr⸗ thum, deſſen ganzen Umfang der Dichterfürſt ſelbſt ſpäter nicht einſah. Zwar ſagt er richtig, daß die diametral entgegengeſetzte Anſicht von Sünde und Gnade hier eine Schranke aufrichtete weniger, daß die Entfremdung daher rührte, weil er das Bekenntniß „mit allzugroßem Ernſt, mit leidenſchaftlicher Liebe zu ergreifen“ geſucht hatte. Die Leidenſchaftlichkeit können wir zugeben— ob auch den großen Ernſt? Mehr noch als jene religiöſe Grundan⸗ ſchauung hätte ihn ſeine Neigung, die menſchlichen Individualitäten gelten zu laſſen und nur zu verſtehen, hätte das vielſeitige Ringen und Streben ſeines großen Geiſtes, hätte der mächtige Drang den zwingenden Regeln und Schranken zum Trotze, ſeine tiefſte Eigen⸗ thümlichkeit in ihrer hohen, ächt menſchlichen Univerſalität zur per⸗
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