als der erſte Anſchein ergeben, ſei es nun, daß er ſich in der Eigen⸗ ſchaft eines entſprungenen Verbrechers aus denen beſſeren Ständen, oder als heimlicher Agent und Kundſchafter einer fremden Regierung dergeſtalt herumtreibe; welches alles hierher regiſtriret wird, um Einem verehrlichen Obergerichte etwaige Veranlaſſung zu weiteren Verfügungen und Maßnahmen nicht ermangeln zu laſſen.
Bevern, Oberamtsrichter.
Conclus. Acta nunmehr an das ꝛc. Obergericht zur höhern Entſcheidung einzuſenden. L., d. 8. Mai 1801. Das Oberamtsgericht. Bevern, Oberamtsrichter. Wildung, Aſſeſſor.
Ich habe den vorſtehenden Beſchluß zwar unterzeichnet, lege aber ausdrücklich Verwahrung ein gegen die in obiger Regiſtratur enthaltenen Verdächtigungen eines Menſchen, den ich für vollkommen unſchuldig halten muß. Nach meiner Anſicht wäre er wegen unbe⸗ fugten Eindringens in eine fremde Wohnung zur Nachtzeit höchſtens mit achttägiger Haft zu beſtrafen geweſen. Jetzt ſitzt er faſt ſchon 14 Tage gefangen. Eine Berichterſtattung ans Obergericht wird
fand ſich der eiſerne Ofen ganz auseinander genommen und die
Stelle, wo er von außen geheizt worden, durch Herausnahme von
Steinen zum Durchſchlüpfen eines Körpers hinreichend erweitert. Der Flüchtling muß von dort ſeinen Weg durch die Küche genommen haben, denn in dieſer ſind die einzigen unvergitterten Fenſter des Gebäudes, eins derſelben ward am Morgen geöffnet gefunden, und unterhalb deſſelben im Küchengarten zeigten ſich Fußſpuren eines Herabgeſprungenen eingedrückt. Bei weiterer Verfolgung der Spu⸗ ren fanden ſich an die Gartenmauer einige Holzſcheite von verſchie⸗ dener Länge gelehnt, anf deren obern Enden pelattgetretene Erde ſichtbar war. Neben den Scheiten an der Erde lag zuſammengerollt das hierbei angefügte geſchriebene Heft, welches dem Entflohenen ohne Zweifel beim Ueberklimmen der Mauer entfallen iſt. Von außen iſt dieſe Mauer zu hoch und zu glatt, als daß er ſich der ver⸗ lorenen Schrift hätte wieder bemächtigen können, auch wenn er ihren Verluſt ſofort bemerkt haben ſollte.
Die Gendarmerie iſt von dem Gefangenwärter ſogleich von dem Vorfalle benachrichtigt worden und ſpürt dem Entwichenen nach.
In Bezug auf das geſchriebene Heft ſagte der Gefangenwärter Folgendes aus:
Ich kann nicht leugnen, daß ich dem entflohenen Manne auf ſein inſtändiges Bitten Papier und Schreibzeug gegeben habe. Von
Anfang an hielt ich ihn nicht für einen gewöhnlichen Landſtreicher und er hatte in ſeinem Weſen etwas ſo Vornehmes, Freundliches und Trauriges, daß ich ihm gern einen Gefallen that, nur um ihn aufzuheitern. Anfangs bat er mich, ihm eine Violine zu ſchaffen,
dieſe unverdiente Haft nur verlängern. Wildung.
Entw. Berichts An Ein verehrliches ꝛc. Obergericht zu M. Nachdem es beliebt worden, den Aſſeſſor Wildung bei hieſigem
Oberamtsgerichte vor kurzem ſogleich mit einem voto decisivo an⸗ zuſtellen, ſo hat ſich bereits jetzo in Unterſuchungsſachen gegen den Zigeuner Tuvia Panti aus Ungarn wegen verſuchten Geigendieb⸗ ſtahls vermittelſt nächtlichen Einſteigens ein dissensus Votorum ergeben, weshalb das gehorſamſt unterzeichnete Oberamtsgericht un⸗ ermangelt, die betreffenden Acten hierneben zur weitern höhern Ent⸗ ſcheidung vorgeſchriebenermaßen pflichtſchuldigſt einzuſenden. L., d. 1 1. Mai 180 1. Das ꝛc. Oberamtsgericht. Bevern, Oberamtsrichter. Wildung, Aſſeſſor.
Geſchehen, L. im Oberamtsgefängniſſe, d. 10. Juni 1801. Der Gefangenwärter hatte dem Unterzeichneten gemeldet, der verhaftete Zigeuner Tuvia Panti ſei in vergangener Nacht ausge⸗ brochen und entwichen. Der Unterzeichnete eilte daher ſofort in das Gefängnißlocal. In der Zelle, welche der Entwichene inne gehabt,
Goethe und„die ſchöne
was ich nicht im Stande war, dann, ihm Pfeife und Rauchtabak zu geben, was die Hausordnuug unterſagte. Ihm auf ſein ferneres Bitten Schreibmaterialien zu geben, hielt ich nicht für Unrecht, da er nur für ſich, nicht aber Briefe nach außen ſchreiben wollte, und nur das letzte verboten iſt. Sollte ich gleichwohl damit inſtructions⸗ widrig gehandelt haben, was ich nicht glaube, ſo bitte ich um gnädige Nachſicht. Der Gefangene hat nie das Anſinnen an mich geſtellt, ihm einen Brief zu beſorgen, auch iſt er mit andern, als mit mir, nicht in Berührung gekommen. Das Geſchriebene ließ er nie herumliegen. Er wird es wohl bei ſich getragen haben. Abgefor⸗ dert hab' ich es ihm niemals.“ V. G. U. Schultze, Gefangenwärter. Act. ut supra. in fidem
Wildung, Aſſeſſor.
(Fortſetzung folgt.)
Seele“.
(Hierzu das Bild auf Seite 185.)
Goethe war im September 1768 von Leipzig nach ſeiner Vaterſtadt zurückgekehrt. Seinem innern Drange hatte er ſchranken⸗ los nachgegeben in einem Leben voll ſprühender Originalität. Und was war der Ertrag dieſes erſten Ausfluges aus dem Vaterhauſe, der doch ſeinem ſpäteren Daſein die feſten Grundlagen gewähren ſollte? Noch befähigte ihn nicht die auhaltende Gährung ſeines Innern zu einer klaren Antwort. Hypochondriſche Stimmungen, körperliche Leiden, vor allem eine langwierige Halskrankheit, fallen wie Mehlthau auf die Blüthen ſeiner Seele. Mit tauſend Maſten war der Jüngling ausgeſchifft; auf leckem Nachen rudert er müde heim, ein„Kränkling“. Verdruß über die geſcheiterten Hoffnungen, der ſich zu bitterm Unwillen über den doch heimlich tief geliebten Sohn zu ſteigern droht, lähmen die Freude des Vaters; um ſo herzlicher und inniger umfangen die weichen Herzen von Mutter und Schweſter den leidenden, bald langſam geneſenden Geliebten. Die zarte Pflege ſtimmt den ſtürmiſchen Geiſt milde und ruhig; die ſanften Saiten ſeiner tief empfindenden Seele fordern und er⸗ halten ihr Recht.
Den Freundinnen der Mutter tritt er nahe. Zu den intimſten gehörten„gebildete und herzliche Gottesverehrerinnen“, ſagt Goethe ſelbſt. Wie wunderbar! Dieſe„Frau Aja“, die wir nicht anders als in unverwüſtlicher Heiterkeit, naiver Friſche, phantaſiereicher Urſprünglichkeit, vor allem als lebeusluſtzjg zu denken gewohnt ſind, ſpäter in vertrautem Briefwechſel mit einer Herzogin Amalie, mit
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Lehrjahre einſchaltete.
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Bettina,— ſie in enger Freundſchaft mit Stillen im Lande. Ein Bündniß, das auf beide Theile das günſtigſte Licht wirft. Wir ahnen in der heitern Frau, von der der große Sohn„die Luſt zum Fabu⸗ liren“ geerbt haben will, den tiefen und ernſten Hintergrund, ein Allerheiligſtes des Gemüthes; wir ſchließen gewiß mit Recht auf urſprüngliche Friſche und Geſundheit in der Frömmigkeit der Freundinnen. Und ſchon dies geſtattet(neben mehrfachen anderen Anzeichen) einen leiſen Zweifel an Goethes eigner Meinung(welche in ſeinem ſpäteren Alter bei verblaßter Erinnerung ſtets herber von ihm betont wurde), daß nur Krankheitsſtimmungen die Quelle jener
religiöſen Wärme und Innigkeit geweſen ſeien.
Die erſte Stelle in dieſem Kreiſe nahm Fräulein K atharina von Klettenberg ein. Ziemlich genau und getreu kennen wir ihren Lebens⸗ und Entwickelungsgang aus den„Bekenntniſſen einer ſchönen Seele“, welche Goethe als ſechſtes Buch in Wilhelm Meiſters
Eine ſchöne Seele? Nicht ganz in dem Sinne, in welchem wir ein angebornes Naturell oder ein lediglich durch äußere wifliſſe Veibdedenies Temperament ſo nennen, das uns mit ſeiner wunderbar harmoniſchen Milde oft bei veibli Perſönlichkeiten wie Himmelsluft anweht it n lang andeh beſeligend durchweht. Hier ward die Harmonie erzeugt durch klares Wollen, durch ſchwere Seelenkämpfe, durch herbe Geſchicke, und in ihrer tiefſittlichen Kraft bewährt ſie ſich in des Lebens mamni 3 fachſten Wechſelfällen. 3
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