Jahrgang 
1865
Seite
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das nahende Feſt zu leben. Und wenn dann die Nacht gegen 4 Uhr Nachmittags hereinbricht und zehntauſend flammende Lichter des Winters Düſterkeit verſcheuchen, da werden die kaufmänniſchen Straßen zu Vergnügungspromenaden, in denen die Menge im Glanze des Gaslichtes und unter fröhlichen Reden auf und ab wogt.

Ein anderes, unverkennbares Zeichen des nahenden Weihnachts⸗ feſtes iſt der Aufbruch der Schulen und Penſionate. Was für lange Reihen von Omnibuſſen winden ſich von den Eiſenbahnhöfen durch die Straßen, D lauter hoffnungsvolle Jugend

und blickſt Du hinein von zwölf bis ſechszehn Jahren, jauchzend vor Freude, weilt in ihnen. Und dann der Schwarm von Kutſchen,

Droſchken und Hanſoms, bevölkert mit zierlichen Jungfräulein, Wangen und Augen glühen, obgleich ſie ſehr ernſt ausſehen wollen, und die es nicht erwarten können, in das langentbehrte Elternhaus zu kommen.

Auch an beſondern muſikaliſchen Herolden des Weihnachtsfeſtes fehlt es nicht. Es find fral lich keine ſehr harmoniſchen Töne, mit welchen dieWaits(Stadtmuſikanten) drei Wochen lang vor Feſt allnächtlich die zahlloſen Straßen, welche um die St. Paulskirche herum liegen, erfüllen; aber es klingt doch ganz luſtig in der ſtillen, ſcharfkalten Nacht durch die menſchenleeren Straßen.

Endlich bricht der Tag der Geburt unſeres Heilandes heran. London iſt ungewöhnlich ſtill an demſelben, ſo lange der Morgen dämmert, ſtiller ſogar als an Sonntagen; Läden, die am Sonntag Morgen offen ſtehen, bleiben feſt verſchloſſen allerhand Fuhrwerke,

deren

dem

die den ganzen Sonntag in Bewegung ſind, ruhen heute aus. Die Sonne ſteigt höher; die Wetterfahnen der Kirchthürme erglänzen in hrte Lichte; nun beginnt auch der Verkehr auf den Straßen. Aber

r iſt nicht von der gewöhnlichen Art weder Handlungscommis noch Beamte ſind zu treffen; nur allerhand Geſtalten beider Geſchlechter, meiſt mit Reiſetaſchen oder Hutſchachteln, die der Eiſenbahn zueilen, um den Tag bei Freunden und Verwandten zu verleben. Und nun fangen die Glocken an zu läuten, hald nah, bald fern: es iſt als ob heilige Freudenklänge die Luft erfüllen Du fühlſt, es iſt Weihnachten.

Die Straßen werden belebt von Kirchgängern. Tritt mit ihnen

ein in das Gotteshaus! Es ſieht heute ganz beſonders einladend aus feſtl ich geſchmückt empfängt es ſeine Gäſte. Die alten Schnitzereien aus Eichenholz, die alten, gewichtigen Bänke und Ki irch

ſitze ſind blank polirt das ganze Innere aber iſt mit Stechpalme, Miſtel und Lorbeer und mit allem Grünen und Schönen geſchmückt, was um dieſe Zeit nur Geld oder auch die Liebe herbeiſchaffen können. So ſieht es wenigſtone in den alten und neuen Tempeln der biſchöf⸗ lichen Kirche aus; die Diſſenters, ſoweit ſie überhaupt Weihnachten feiern, lieben folchen Schmuck nicht.

Der Gottesdienſt iſt vorüber in wachſender Zahl durch die Straßen. Die Geſel lſchaft d mni buſſe ſieht friſch und fröhlich aus die Väter in beſter Laune, die Mütter vielbeſchäftigt; denn niemals gibt es weniger als vier Kinder bei jedem Ehepaar, die in Ordnung gehalten werden müſſen. Der Bus(Abkürzung von Omnibus) hält; ein Mädchen mit Apfelſinen iſt an der Thüre.Kauf uns eine Apfelſine, Daddy(oder Pa!) und der großmüthige Paterfamilias kauft gleich ihren ganzen Vor⸗ rath es war freilich nur ein Dutzend, das ſie noch übrig be halten hatte. Auch die Cabs ſind in einem ſiehſt Du einen Herrn, eine Dame mit ſechs jugendlichen Sprößlingen welch' eine unbarmherzige Laſt für das arme Thier! in dem Hanſom, der folgt, ſitzt dagegen nur ein eleganter Stutzer, in einerfly zwei Damen mit ungeheuerlichen Crinolinen, wie man ſie nur in England ſieht. Daneben Fußgänger auf den Trottoirs, die zumChristmas- dinner eilen.

Allmälig aber werden die Straßen ſtiller dieſe Stille ſie iſt ganz beredt für mich. Einwohnern Londons geben ſich mindeſtens

DaurnilRfſ und Liü Pübden

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und ſtiller. Ich liebe Von den drei Millionen

drittehalb Millionen der

häuslichen Feſtfreude hin; ſelbſt der Aermſte genießt heute mit den Seinigen ein beſſeres Mahl. Hunderttauſende von Familien ſind

um den ächzenden Tiſch oder den heiteren Kamin verſammelt, alter Zeiten gedenkend, alte Familiengeſchichten erzählend und aufs neue die Bande der Verwandtſchaft ſchürzend, die nur der Tod trennen kann. Es ſcheint als habe ſich das Wort der himmliſchen Heerſcharen bereits verwirklicht:Friede auf Erden und den Men⸗ ſchen ein Wohlgefallen! Und doch iſt dem nicht ſo! Ach!

wie viele gibt es in dem großen, reichen London, die unge⸗

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achtet aller Bemühungen der officiellen und privaten Wohlthätigkeit kein Weihnachtsmahl haben, die hungrig durch die öden, einſamen Straßen wandern, oft der Verzweiflung ganz nahe 4 So gleitet die Zeit von 4 bis 7 Uhr deßmitiags langſam danach fängt es an, micder etwas lauter zu werden. öffnen die Branntweinpaläſte(gin-palaces), gleich dem Tode, ihre Pforten unparteiiſch weit für alle Klaſſen. Wenn man Smollet glauben will, war an den Londonern Trinkhäuſern ſeiner Zeit folgender Anſchlag zu leſen:Betrunken für 1 d( Peuny) Toll und voll für 2 d. Reines Stroh für nichts. Die Gaſt⸗ wirthe unſerer civiliſirten Zeit ſind höflicher und eleganter in ihren Einladungen, eben darum wohl um ſo gefährl icher. Ein glänz ender Gaskandelaber erleuchtet den innern Raum,die Gläſer funkeln auf dem Schenktiſche, und der Becher tödtlicher Bezauberung iſt glänzend polirt; aber wie es den vertrauenden Gäſten ergeht, mag viel lleicht morgen früh auf dem Manſion-Houſe Court(Polizeigericht) zu erfahren ſein. Mit zun Räder erneuern ihr betäubend

dahin Nun

Dunkelheit nimmt auch der Straßenverkehr es Geräuſch; um Omnibus⸗

ehmender

zu die

ſitze wird faſt gekämpft; 8 Cabs werden Prämien geſetzt! Wirf

einen Blick auf die Omnibuspaſſagiere! Die Kinder ſchnarchend der wimmernd die Manahe vom Bier erhitzt, zum Theil einge⸗

ſchlafen noch andere mit rothen Augen und glühenden Wangen.

Und die Frauen in wie mancher regt ſich wohl die ſtille Frage:

ein fröhliches Weihnachten? das iſt die Kehrſeite irdiſcher Freude! Auch in England iſt die Zahl derer, die wahre Weihnachtsfreude kennen, nur klein; doch gibt es

iſt das Luſt welche

irdiſcher

immerhin tauſende, die mit Weisheit und Mäßigung das langer⸗ ſehnte, herzlichbewillkommte Feſt genießen, die über der Erde und

ihrer Luſt nicht den Himmel und das Himmelsgeſchenk der Weihnacht: vergeſſen, die darum auch durch die häuslichen, harmloſen Vergnügun⸗ gen nicht ermüdet werden und an ſie zurück denken können ohne Reue.

Und das iſt alles? wird der freundliche deutſche Leſer jeger Was thun denn die Engländer am zweiten Weihnachtsfeier⸗ tage? Dir, einen ſolchen Tag gibt es eigentlich gar nich bei unſern überſeeiſchen Vettern. Der Tag nach Weihnachten heißt: Boxing Day, wenigſtens im Munde des Volkes, wenn auch nicht auf den Seiten des Kalenders. Du brauchſt übrigens nicht zu heftig zu erſchrecken, liebe Leſerin mit Boxen hat der Tag nichts zu thun; auchOhrfeigen geben bedeutet hierboxing nicht, wie Du es vielleicht in Deinem Wörterbuche findeſt. Ueberhaupt dürfte es Dir ſchwer fallen, des Wortes Verſtändniß durch Deinen treuen, ſtummen Dollmetſcher ausſindig zu machen. Ich will Dir deshalb zu Hilfe kommen. bedeutet nämlich auch, wie Du weißt, eine Schachtel oder eine Büchſe zum Geldaufbewahren; es bedeutet aber auch, in der Zuſammenſtellung mit Christmas, ein Weihnachtsgeſchenk. Mit ſolchboxes, die ſich maſſenweiſe an jedem Hauſe einfinden und die ärke des Thürklopfers auf die Probe ſtellen, werden die Londoner am Tage nach Weihnachten vom Morgen bis zum Abend heimgeſucht. Zuerſt während die Familie beim Frühſtücke ſitzt, mel⸗ den ſich die obenerwähntenWaits, die ihre Karte hineinſenden und für ihre nächtliche Ruheſtörung ein Trinkgeld begehren. Es wird ihnen zu Theil, wäre es auch nur aus Dank dafür, daß fortan die Nächte wenigſtens frei ſind von der Muſikplage, die das arme London bei Tage unerbittlich und fortwährend heimſucht. Nach ihnen kom⸗ men mit ihrenboxes der Kehricht⸗ und Aſchenkärrner, dann der N welcher die Straßen bewäſſert; darauf wünſcht der Laufjunge

8 Gewürzkrämersgeboxt(boxed) zu werden, wogegen auch, in dem freundlichen Weihnachtsſinne des Wortes, der F leiſcherjunge nichts einzuwenden hat; der Briefträger erwartet einenBox als etwas Selbſtverſtändliches, auch der Bäckerjunge iſt für eine Kleinig⸗ keit ſehr dankbar. Und ſo geht den ganzen Tag herum, Jahr aus Jahr ein, ungeachtet alles Aergers und alles Pr oteſtirens, den es alljährlich hervorruft.

Das iſt der zweite Weihnachtstag in London, an dem die Stadt wieder ganz ernſt wird, ihr alltägliches Treiben neu beginnt, mit friſcher Kraft, wieein durch Wein erfriſchter Rieſe, und ausſieht, als könnte es niemals wieder lachen und fröhlich ſein. Aber übers Jahr kommt der luſtigeFather Christmas doch wieder.

Ja, denke

Box

dasboxing