Jahrgang 
1865
Seite
154
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V

licht, ſo ſchön, wie im Paradies, es geht durch alle Herzen die ſelige Gewißheit: Heut ſchleußt er wieder auf die Thür Zum ſchönen Paradeis, Der Cherub ſteht nicht mehr dafür, Gott ſei Lob, Ehr und Preis!

Das Bild wäre überaus anmuthig, auch wenn wir weiter nichts wüßten, als daß hier eine deutſche Familie ſich um den Chriſtbaum geſammelt hat. Aber wir merken bald, daß heute etwas Beſonderes unter dem Baume vorgeht und die bedeutſamen Geſichtszüge der Menſchen auf dem Bilde locken zu näherer Bekanntſchaft. Das Bild iſt Geſchichte und dieſe müſſen wir erzählen.

Friedrich Perthes, in den Befreiungskriegen unter den erſten Bekämpfern der Fremdherrſchaft, hatte als ein Vierundzwanzigjäh⸗ riger, nach harten, aber reich geſegneten Lehrjahren im Sommer 1796 mit friſchem Muth ſein Geſchäft als Buchhändler in Hamburg er⸗ richtet. Durch die hohe Auffaſſung ſeines Berufes als tels, geiſtiges Leben in Deutſchland zu wecken, verſtand er es vor⸗ trefflich, die geiſtig Lebendigen in ſeinen Buchladen zu locken, wo alle mal das Neueſte und Beſte vom Büchermarkt zur beſſeren Durchſicht bereit lag. Erſt wenige Wochen hatte er ſein Geſchäft eröffnet, es war im Juli 1796, da trat ein Mann zu ihm herein, ein Fünfziger, ſchlank und hoch, mit feiner Geſichtsbildung, leicht gebräunter Farbe, herrlichen blauen Augen, in Kleidung und Haltung vornehm, aber doch Vertrauen erweckend. Es war Friedrich Heinrich Jacobi, der Philoſoph, der ſonſt in ſeinem reichen, ſchönen Hauſe zu Pempelfort bei Düſſeldorf allen Dichtern und Denkern und gefühlvollen Seelen ein offenes Herz entgegengetragen, nun aber, durch den wüſten Krieg

verſcheucht, im Schloſſe zu Wandsbeck, nahe bei Hamburg, eine An⸗ ſiedlung gefunden hatte. Sobald Perthes den Mann erkannte, der vor ihm ſtand, dankte er ihm warm für die Förderung, die ihm Jacobis Schriften in ſeinem Ringen nach der Wahrheit gegeben; Jacobi fand großes Wohlgefallen an dem jungen, geiſtig ſtrebſamen Buchhändler und lud ihn in ſein Haus ein, in welchem Perthes bald als Haus⸗ freund ein⸗ und ausging. Durch Jacobi fand er denn auch eine offene Thür zum Hauſe desWandsbecker Boten, Matthias Clau⸗ dius, der von dem holſteinſchen Flecken aus durch ganz Deutſchland in ſchlichtem Ton wieder die faſt vergeſſene frohe Weihnachtsbotſchaft trug. Als Perthes am 27. November 1796 zum erſten Mal über die Schwelle des gaſtlichen Hauſes trat, kam ihm des Hauſes älteſte Tochter entgegen, Caroline Claudius, eine Jungfrau von zweiund⸗ zwanzig Jahren, ſchlank gewachſen, nicht blendend ſchön, aber von angenehmen, regelmäßig und edel gebildeten Zügen, mit lichtblauen Augen, aus denen eine wunderbare innere Welt blickte, rege Einbil⸗

dungskraft und tiefes Gefühl, Kraft und Ruhe, die unwiderſtehlich anzogen. Mit dem Leben draußen war ſie bis jetzt kaum in Berüh⸗ rung gekommen, aber an dem reichen Leben des väterlichen Hauſes hatte ſie vollen Antheil genommen, durch den Unterricht des Vaters ſich ſeltene Sprachkenntniſſe, ſogar im Lateiniſchen, erworben, mit ihrer ſchönen Stimme an den Familienconcerten mitgeholfen und im Briefwechſel mit der mütterlichen Freundin, der Fürſtin Gallitzin, ihr geiſtiges Leben gepflegt. Im Sommer vorher war die ihr im Alter zunächſt ſtehende jüngere Schweſter geſtorben: an dem Sterbe⸗ bette hatte ſich in ihr mit neuer Macht das Bedürfniß geregt, einen Halt zu haben, den auch der Tod nicht erſchüttern könnte. So er⸗ ſchien die Jungfrau dem jungen Mann, in ſchlichter, anmuthiger Geſtalt eine reiche Fülle höhern Lebens bergend, und er fühlte augen⸗ blicklich, daß er ihr herzlich gut ſei.

Bald kam Weihnacht. Am erſten Feiertage hatte Perthes den Nachmittag mit Jacobi bei Caroline Rudolphi, der bekannten Erzie⸗ herin, zugebracht und war von Jacobi eingeladen worden, Abends der Beſcherung in ſeinem Hauſe zu Wandsbeck mit der Familie Claudius beizuwohnen. Wie gern eilte er am Abend hinaus! getreten, ſah er ſich, ehe der Feſtſaal geöffnet ward, durch eine glück⸗ liche Fügung mit Caroline Claudius in einem Nebenzimmer allein. Kein Wort hatte er zu ſagen, aber ihm war ſo unausſprechlich ſtille und wohl in ſeinem Herzen, wie nie zuvor.Dich ſah ich und Freude floß von dem ſüßen Blick auf mich, Deiner Seite und jeder Athemzug für Dich, das war ſeine Stim⸗ mung. Der Feſtſaal ward geöffnet, der Weihnachtsbaum beleuchtete die Geſchenke, die umher lagen, und die freudeſtrahlenden Geſichter der Empfänger. Perthes verfolgte mit ſeinen Gedanken, mit ſeinen

Ins Haus ein⸗

die milde ganz war mein Herz an

eines Mit⸗.

Augen nur Caroline, ihre Freude war ſeine Freude. Die beſte Gabe gönnte er ihr und doch ſchien es ihm, als ob das Geſchenk der jüngern Schweſter ſchöner ſei als das ihrige. Aber hoch oben am Weihnachts⸗ baum hing ein Apfel, ſo ſchön, ſo kunſtreich vergoldet wie kein anderer, den holte er plötzlich mit halsbrechender Kunſt herab und dunkel erröthend gab er ihn zur nicht geringen Verwunderung der Geſellſchaft dem ahnenden Mädchen. Was ſollte der Apfel? War er der goldne Apfel der griechiſchen Sage, welcher der Schönſten gebührt? War er das Gegenſtück zu jenem wehbringenden Apfel, den einſt die Frau dem Manne geboten, eine Frucht vom Lebensbaum, den der Chriſtbaum verſinnbildlicht, in heiliger Liebe von dem Manne dem Weibe dargebracht? Der goldne Apfel ſagte daſſelbe, was ſonſt Blume, Zweig, Kranz, Band, Bild ausſpricht, das unſagbare Gefühl auf⸗ keimender Liebe, deren unergründbare Tiefe, deren ſchwellende Fülle ſich in kein Wort faſſen laſſen will. Wir ſehen Perthes auf dem Bilde halb ſtehend, halb ſchwebend, wie die jugendliche Liebe, und die ſeinem Leben das ruhige, feſte Glück der Häuslichkeit bieten ſoll, ſteht vor ihm mitten unter dem Weihnachtsbaum, klar und ſicher, das Antlitz dem Manne zugewendet, dem ſie einſt folgen ſoll, die Hand, wie zum Ab ſchied und Segen auf den lieblichen Kinderkopf des Schweſterchens, das ſie ſeither treu gepflegt hat. Und wie ſie ſich ſo gegenüberſtehen, wer möchte zweifeln, daß eine ſelige Ahnung durch ihre Seele hindurch zog? Und die mit dabei ſtehen, ahnen auch etwas, die Schweſter, die im Alter ihr nachfolgt, hebt bedeutſam vor den andern Mädchen den Finger auf, aber ſie braucht nicht neidiſch zu ſein, in der linken Hand hält ſie bereits ſelbſt den Kranz, als ein gutes Vorzeichen: es währt nicht lange, ſo naht auch ihr ein trefflicher Jüngling, Max Jacobi, und ſie ſchließen einen Bund, deſſen Segen in Kindern und Kindes⸗ kindern fortlebt. Zwiſchen Perthes und Caroline ſteht Friedrich Heinrich Jacobi, der Patron aller ſchönen Seelen und aller Bünd⸗ niſſe ſchöner Seelen, als wollt' er das Bündniß ſofort einſegnen. War er nach ſeinem Geſtändniß zeitlebensmit dem Kopf ein Heide, mit dem Herzen ein Chriſt, heut unter dem Chriſtbaum hat das chriſtliche Herz die volle Gewalt und gießt Segenswünſche über die beiden aus. Und hinter der Tochter ſteht das Elternpaar,wie's Kind zur Weihnachtsgabe freut ſich Claudius, den Blick aufwärts gerichtet, über die Freundlichkeit und Leutſeligkeit Gottes, landes; Frau Rebekka lehnt ſich an ihn in mehr dem beſondern Glück zugewendet, d Heils ihrem Hauſe widerfahren ſoll. Friedrich Leopold Stolberg, il einträchtiger Brüderlichkeit, ſtehenden Hauſe Perthes in gleicher Liebe zugethan, ſehen brüderlich verbunden, dem Schauſpiele zu, und von dem fröhlichſten Nachwuchs in der Fluth der Weihnachtsfreude ſchwimmender Kinder umgeben, ſitzt der Patriarch jenes ganzen Kreiſes Friedrich Gottlieb Klop⸗ ſtock, jetzr ein Greis von zweiundſiebzig Jahren, aber in friſcher Erinnerung die Zeit bewahrend, wo er, ſo alt wie Perthes, derkünf⸗ tigen Geliebten ſang:

ſeines Hei⸗

mütterlicher Ahnung,

as am Tage allgemeinen

Die Grafen Chriſtian und

or ganzes Leben hindurch Muſterbilder

dem Hauſe Claudius wie dem neu ent⸗

Freud' und Hoffnung, dem Schmerz unüberwindlich, dahin!

Von Weihnacht bis in den Frühling trug Perthes ſeine Liebe ſtill in ſich. Am 30. April wandte er ſich an Caroline. Sie war klar, aber ihr lieber Vater, ſonſt die Vernunft gern dem Worte Gottes gefangen gebend, fand diesmal das Wort:Du ſollſt Vater und Mut⸗ ter verlaſſen, grauſam. Als er endlich ſein Ja gab, konnte Caroline nichtsals die Augen zumachen und Gott um ſeinen Segen bitten. Am 15. Juli 1797 ward die Verlobung nach holſteiniſcher Sitte kirchlich gefeiert. Der Paſtor machte die Braut vorher darauf auf⸗ merkſam, daß ſie einmal verlobt nur durch das Conſiſtorium geſchie⸗ den werden könne.Ich bin, ſagte ſie,ſchon lange völlig feſt ge⸗ weſen und konnte ſchon lange weder von Ihnen noch von dem Con⸗ ſiſtorium geſchieden werden. Am 2. Auguſt war die Hochzeit. Das Formular, nach welchem ſie getraut werden ſollte, war weder kalt noch warm, weder alt noch neu, ein unſeliges Mittelding, wie Caro⸗ line ſagte.Das ſoll uns aber nicht ſchaden, lieber Perthes, fuhr ſie fort,wir wollen Gott nach alter Weiſe um ſeinen Segen bitten und er wird uns nach alter Weiſe ſegnen. Thue doch mit mir, Du lieber Perthes, und mache die Arme weit auf und halte mich feſt, bis Du mein Auge zudrückſt. Ich bin Dein mit Leib und Seele und vertraue Gott, daß ich mich wohl dabei befinden werde. Sie ha⸗ ben ſich einander feſtgehalten, wie verſchieden ſie anfangs durch ur⸗

Ach, wie ſchlägt mir mein Herz! wie zittern mir durch die Gebeine