Line Gewiſſensfrage.
(Hierzu das Bild auf Seite 141.)
Auf allem, was der Vergangenheit angehört, ruht ein eigen⸗ thümlicher Zauber. Wie die Zukunft, birgt auch ſie manch un⸗ gelöſtes Räthſel. Darum wandern wir gerne in alten Ruinen um⸗ her, welche unſere Phantaſie anregen und beſchäftigen; darum lau⸗ ſchen wir gerne den ſagenhaften Klängen, die aus altersgrauer Zeit zu uns herauftönen; darum verweilen wir mit Vorliebe in einem Gemache, auf dem die geheimnißvollen Schatten einer verſchwundenen Zeit lagern.
Durch die langen und hohen Corridore, in denen jeder Fußtritt lange nachhallt, gelangen wir an eine gediegene und feſt gearbeitete, eichene Thür. Langſam und würdig öffnet ſie ſich. Wir betreten den Raum, in den ſie uns führt, mit heiliger Scheu. Auf dieſem gebohnten Fußboden bewegten ſich einſt Menſchen, die ſchon längſt im Schoße der Erde ruhen an jenem Kamine ſaßen Deine Groß⸗ oder Urgroßeltern mit ihren Kindern und freuten ſich an des Holzes kniſternder und wärmender Flamme. Auf jenem altmodi⸗ ſchen Lehnſtuhle ſchaukelte eine Mutter ihr Kind, wachte, betete über ihm und zog es heran zur blühenden Jungfrau. Doch wie wunder⸗ bar! Mit einem Male tritt ein lebensvolles Bild vor Dein Auge. Iſt es Wahrheit, iſt es Phantaſie? Da ſitzt die hochbetagte Mutter in dem Lehnſtuhl, zu ihren Füßen ruht die Katze, auf der Fußbank liegt die häusliche Arbeit in einem Korbe. Ihr Antlitz iſt von Sor⸗ gen umwölkt und angſtvoll hält ſie die Hände der jugendlich ſchönen Tochter in den ihrigen— tief ſenkt ihr liebevoll forſchender Blick ſich in die Augen des Kindes, das ſie einſt unter ihrem Herzen ge⸗ tragen, das aber jetzt den Blick nicht erwiedern kann und ſich faſt ſcheu davon abwendet. Das Mahl, bei dem ſie geſeſſen, iſt unter⸗ brochen— vergeblich ſummt der Keſſel und entſendet ſeinen Dampf, der das Kochen des Waſſers verkündet. Auf dem ganzen Gemache ruht Frieden und Stille nur in den Herzen der beiden Bewohne⸗ rinnen wogt es unruhig auf und ab. Wie heißt die Frage, welche die alte Dame an ihre Tochter richtet? Was iſt zwiſchen die beiden ſtörend getreten? Warum kann das Mädchen den Blick der beſorgten Mutter nicht aushalten?
Laſſen wir die Fragen unbeantwortet ſtehen, wie ſie der leben⸗
zeugende Griffel des Künſtlers auf unſerm Bilde, das Dichtung und doch Wahrheit iſt, in uns hervorgerufen. Laſſen wir die Räthſel der Vergangenheit unangetaſtet und die Geheimniſſe des Herzens ungelöſt. Zu oft nur ſtört die Deutung den Genuß des Schauens und der gelüftete Schleier beut nichts Erquickliches dar. Die Mut⸗ terliebe war zu allen Zeiten eine alles überwindende Macht— ſie wird auch in jenen Tagen, in die uns die Kunſt verſetzt, das Herz des Kindes wiedererobert haben.
Der Mann, welcher uns mit genialer Hand hineingeführt in alte Zeiten, heißt Wilhelm Sohn. Im Jahre 1830 in Berlin geboren, kam er in ſeinem ſiebzehnten Lebensjahre nach Düſſeldorf, auf die dortige Akademie, wo er, unter Leitung ſeines Onkels und ſpäteren Schwiegervaters, des Prof. Carl Sohn, ſeine Studien be⸗ gann. Sein erſtes größeres Bild:„Chriſtus mit den Jün⸗ gern auf ſturmbewegtem Meexr“, in faſt lebensgroßen Figuren iſt eine der ſchönſten Zierden der ſtädtiſchen Gemäldegallerie von Düſſeldorf. Die evangeliſche Kirche zu Jauer in Schleſien iſt durch ein Altarbild ſeiner Hand:„Chriſtus am Oelberg“ geſchmückt, wie noch viele andere Kirchen unſeres Vaterlandes. Eines ſeiner ergreifendſten Werke ſahen wir in den Gemächern der Groß⸗ herzogin von Oldenburg; es ſtellt in ſinniger Weiſe einen Traum vom Chriſtuskinde dar. Doch auch andere Gegenſtände wählte er zu ſeinen Bildern. So iſt eine Genovefa in der Sammlung des verſtorbenen Commerzienraths Schnitzler zu Köln und ein Genre⸗ bild:„Verſchiedene Lebenswege“ im Beſitz des General⸗ lieutenants von Steinwehr in Königsberg. Außerdem iſt er als vorzüglicher Porträtmaler berühmt.
Wilhelm Sohn iſt ein Meiſter der Farbe; wie er aber auch dem Stifte Wärme und Geiſt einzuhauchen verſteht, das beweiſt die von ihm ſelbſt auf Holz gezeichnete Copie ſeines Oelgemäldes, das auf der Kunſtausſtellung von Köln, zu Anfang dieſes Jahres, gerechtes Auf⸗ ſehen erregte.
Laß Dein Auge lang auf dieſem Bilde ruhen— es wird Dich erquicken und Dir gar manche wunderbare Mähr aus alten Tagen heraufbeſchwören. Robert Koenig.
Licht und Schatten des engliſchen Lebens.
Von Iulius Rodenberg.
England hat gegenwärtig 20 Millionen Einwohner, d. h. doppelt ſo viel, als es vor fünfzig Jahren hatte. Auf die(engl.) Quadrat⸗ meile kommen daher im Durchſchnitt 373 Perſonen, ſo daß England, mit einziger Ausnahme von Belgien, das am dichteſten bevölkerte Land Europas iſt. Alle zwei Minuten erblicken drei Kinder in England das Licht der Welt, und in jeder Minute ſchließen ſich dort ein Paar Augen für immer. Obgleich die Curioſitäten des Cenſus ergeben, daß die Heirathen ſich dort über einen Zeitraum von 65 Jahren erſtrecken, indem z. B. im letzten Jahre zwei alte Herren und zwei alte Damen über 80, andrerſeits zehn Knaben von 16 und fünfunddreißig Mädchen von 15 Jahren in den Cheſtand traten: ſo würde doch immer, ſelbſt wenn alle heirathsfähigen Männer heirathen wollten, ein Reſt von ½ Million unverheiratheter Frauen bleiben, da auf 100 Männer 105 Frauen kommen. Während in Frankreich die Durchſchnittszahl der Kinder in jeder Familie 3 iſt, beträgt ſie in England 4; dies Verhältniß, verbunden mit den Ge⸗ ſundheitszuſtänden beider Länder, ergibt für Frankreich eine Be⸗ völkerung, welche ſich von Jahr zu Jahr faſt gleich bleibt, während ſie ſich in England faſt um 6% jährlich erhöht. Seit dem letzten Cenſus von 1851 hat ſich die Einwohnerzahl der engliſchen Graf⸗ ſchaft Lancaſhire um 400,000 vermehrt. Den größten Zuwachs unter den Städten hat Liverpool erfahren. Im Jahre 1700 hatte dieſe Stadt 5000 Einwohner, im Jahre 1851 etwas über 300,000 und heute zählt ſie mehr als 400,000. Eine von den Nachbar⸗ ſtädten Liverpools, Birkenhead, hatte im Jahre 1801 nicht mehr als
110 Einwohner, und gegenwärtig hat ſie 51,539 Einwohner, ſo daß die Vermehrung im Laufe von 60 Jahren die Höhe von 467% beträgt!
Aber dieſer ungeheure Zuwachs der Bevölkerung hat auch ſeine traurigen Schattenſeiten; dieſe großen Zahlen, welche Reichthum, Macht und Stärke bedeuten, haben auch ihre Gegenzahlen, welche Armuth, Elend und Verbrechen bezeichnen. Die Armen allein be⸗ liefen ſich im Jahre 1861 auf eine Geſammtzahl von 1,206,269 Perſonen und dieſe koſteten der Nation eine jährliche Unterſtützung von nahezu 45 Millionen Thaler. Aber dies war es nicht allein, was auf ſie verwendet werden mußte. Solch eine Armee von unbe⸗ ſchäftigten Leuten will auch in Ordnung gehalten ſein und das einzige Mittel, ſie in Ordnung zu halten, iſt die Polizei. Obgleich die Stärke derſelben ſich auf 21,000 Mann beläuft und dem Staate nicht weniger als 10 Millionen Thaler koſtet, ſo muß ſie doch jährlich noch vermehrt werden. Hierzu kommen die Richter und die Ge⸗ fängniſſe, die Unterſuchungen und Unterſuchungshaften mit einer weiteren Summe von 20 Millionen, oder alles zuſammen 30 Millio⸗ nen Thaler für den Verſuch, das Verbrechen zu unterdrücken und zu beſtrafen; ein Verſuch nebenbei, der noch nicht einmal ſehr erfolgreich iſt, und eine Strafe, welche faſt ſchwerer noch auf dem unſchuldigen Theil der Bevölkerung laſtet, als auf dem ſchuldigen. Denn wenn man zu der Armuth und den Armen von England das Verbrechen und die Verbrecher hinzurechnet, ſo koſtet denjenigen, welche arbeiten wollen und können, die Erhaltung derjenigen, welche entweder nicht
4
—
arbei
nen V wie krifte nicht Arm! mehr Kbbel letzte 280 an) Engl mal Min meer verle don Jah 19 hält liche davi


