„Vollkommen.“
„Gut— es ſoll Ihr Schade nicht ſein— der Portier unten braucht übrigens nichts davon zu wiſſen— und indeſſen ſchicken Sie mir einmal einen Kellner mit einer Flaſche Sherry und zwei Gläſern und einigen guten Cigarren auf Nr. 26.“
Mit den Worten ſtieg er ſelber wieder die Treppe hinauf, horchte einen Augenblick an Nr. 7, wo er zu ſeinem Erſtaunen Stimmen vernahm, und kehrte dann zu Mr. Burton zurück, der mit untergeſchlagenen Armen und, offenbar ſehr aufgeregt, in ſeinem Zimmer auf und ab ging.
„Unſere junge Dame da unten ſcheint Beſuch zu haben,“ ſagte er—„ich hörte wenigſtens eben Stimmen in ihrem Zimmer.“
„Bitte, ſetzen Sie ſich, Mr. Hamilton,“ bat ihn James Bur⸗ ton,„wir müſſen über dieſe Sache, die das höchſte Zartgefühl erfordert, erſt ins Klare kommen, nachher iſt alles andere, was wir zu thun haben, Kleinigkeit.“
„Sehr gut,“ ſagte Hamilton—„ah, da kommt auch ſchon der Wein. Bitte, ſetzen Sie nur dorthin. Mr. Burton, Sie müſſen mich eutſchuldigen, aber ich habe unterwegs ſolch nichtswürdiges Zeug von Cigarren bekommen, daß ich eine ordentliche Sehnſucht nach einem guten Blatt fühle— nehmen Sie nicht auch eine?— und ein Glas Wein thut mir ebenfalls Noth, denn ich habe die ganze Nacht keine drei Stunden geſchlafen und überhaupt eine ab⸗ V ſcheuliche Tour gehabt.“—
„Und wie erwiſchten Sie dieſen Kornik?“
„Das alles nachher— jetzt bitte, erzählen Sie mir einmal vor allen Dingen, welche wichtige Entdeckung Sie hier indeß gemacht haben,“ und mit den Worten ſetzte er ſich bequem in einem der Fauteuils zurecht, zündete ſeine Cigarre an und ſippte an ſeinem Weine.
Mr. Burton nahm ebenfalls eine Cigarre und es war faſt, als ob er nicht recht wiſſe, wie er eigentlich beginnen ſolle. Aber der Beamte mußte alles erfahren, er durfte ihm nichts verſchweigen, ſchon Jennys wegen, und nach einigem Zögern erzählte er jetzt dem Agenten die ganzen Umſtände ſeines Zuſammentreffens mit der jungen Dame und gerieth zuletzt dabei ſo in Feuer, daß er ſelbſt die kleinſten Umſtände mit einer Lebendigkeit und Wahrheit wiedergab, die er ſich ſelber gar nicht zugetraut hätte.
Hamilton unterbrach ihn mit keinem Wort. Nur den Namen von Jennys Vater ließ er ſich genau angeben und notirte ihn, und während James Burton weiter ſprach, nahm er Dinte und Feder, ſchrieb etwas in ſein Taſchenbuch und riß das Blatt dann heraus. Auf demſelbem ſtand nichts weiter als eine telegraphiſche Depeſche, die alſo lautete:
Burton und Burton, London. Exiſtirt in Islington Reverend Benthouſe— religiöſer Schriftſteller— iſt ihm kürzlich eine Tochter entführt— Antwort gleich. Hamilton.
Mr. Burton dann um Entſchuldigung bittend, daß er ihn einen Augenblick unterbreche, ſtand er auf und verließ das Zimmer. Am Treppengeländer rief er den Lohndiener an.
„Geben Sie dieſe Depeſche an den Portier zur augenblicklichen Beſorgung auf das Telegraphenamt. Hier iſt der Betrag dafür und das für den Boten. Nichts bemerkt bis jetzt?“
„Nicht das Geringſte.“
„Gut— Sie bleiben auf Ihrem Poſten.“
„Als er in das Zimmer zu Mr. Burton zurückgekommen war, nahm er ſeinen alten Platz wieder ein und ließ ſeinen Gefährten ruhig auserzählen, ohne ihn auch nur mit einem Wort darin zu ſtören. Erſt als er vollkommen geendet hatte und der junge Mann ihn mit ſichtlicher Erregung anſah, um ſein Urtheil über die Sache zu hören, ſagte er ruhig:.
„Und wiſſen Sie nun, my dear Sir, welches der geſcheuteſte Streich war, den Sie in der ganzen Zeit meiner Abweſenheit ge⸗ macht haben?“
„Nun?“ frug Burton geſpannt.
„Daß Sie der jungen Dame eine Geſellſchafterin gegeben haben.“
„Ich durfte ſie nicht ſo lange allein und obre weibliche Be⸗ gleitung laſſen,“ rief Burton raſch.
„Nein,“ ſagte Hamilton, und ein eigenes ſpöttiſches Lächeln zuckte um ſeine Lippen—„ſie wäre Ihnen ſonſt ſchon am erſten Tage durchgebrannt, gerade wie ihr Begleiter mir.“
„Mr. Hamilton—“
„Mr. Burton,“ ſagte Hamilton ernſt,„zürnen Sie mir nicht, wenn ich vom Leben andere Anſchauungen habe als Sie, und glauben Sie einem Manne, der in dieſem Fach mehr Erfahrungen geſammelt hat, als Sie vielleicht für möglich halten. Danken Sie aber auch Gott, daß ich gerade Ihnen jetzt zur Seite ſtehe, denn Sie wären ſonſt von einer erzkoketten und durchtriebenen Schwind⸗ lerin überliſtet worden und hätten nachher, außer dem Schaden, auch für den Spott nicht zu ſorgen gebraucht.“
„Mr. Hamilton,“ ſagte Burton gereizt,„Sie mißbrauchen Ihre Stellung gegen mich, wenn Sie unehrbietig von einer Dame ſprechen, die gegenwärtig unter meinem Schutze ſteht.“
„Mein lieber Mr. Burton,“ ſagte Hamilton vollkommen ruhig—„laſſen Sie uns vor allen Dingen die Sache kaltblütig beſprechen, denn die Polizei darf, wie Sie mir zugeſtehen werden, keine Gefühlspolitik treiben.“
„Die Polizei iſt gewohnt,“ ſagte Burton,„in jedem Menſchen einen Verbrecher zu ſuchen.“
„Bis er uns nicht wenigſtens das Gegentheil beweiſen kann,“ lächelte Hamilton—„aber jetzt laſſen Sie mich auch einmal reden, denn Sie werden mir zugeben, daß ich Ihrem Bericht ebenfalls mit der größten Aufmerkſamkeit gefolgt bin.“
„So reden Sie, aber hoffen Sie nicht—“
„Bitte, verſchwören Sie nichts, bis Sie mich nicht gehört haben.“ Und ohne ſeines Begleiters Unmuth auch nur im Ge⸗ ringſten zu beachten, erzählte er ihm jetzt ſeine Verfolgung des flüchtigen Verbrechers, ſein Auffinden deſſelben und deſſen Gefangen⸗ nahme. Er ſetzte hinzu, daß Kornik, nachdem man die bedeutende Summe von Banknoten und andere hinreichende Beweiſe für ſeine Schuld bei ihm gefunden, völlig gebrochen geweſen war und alles geſtanden hatte. Ebenſo ſagte er aus, daß er mit einer jungen Dame, Lucy Fallow, von London geflüchtet ſei, obgleich er von dem Raub des Brillantſchmucks nichts wiſſen wollte.“
„Und legen Sie den geringſten Werth auf das Zeugniß eines ſolchen Schurken?“ frug Burton heftig.
„Was die Ausſage über den Brillantſchmuck betrifft, nein,“ erwiderte ruhig der Polizeimann,„denn ich bin feſt davon überzeugt, daß er darum gewußt hat, und erwartete ſogar, denſelben bei ihm zu finden. Er fand ſich aber auch nicht einmal in der Reiſetaſche, die der Herr, wie ſich ſpäter auswies, beim Portier des Kurhauſes deponirt hatte. Die Dame hat ihn alſo noch jedenfalls in Beſitz.“
„Aber ich habe Ihnen ja ſchon dreimal geſagt, daß ich nicht allein ihren Koffer, ſondern auch den dieſes Kornik bis auf den Boden durchwühlt habe und nicht das geringſte Schmuckähnliche hat ſich gefunden, als eine Korallenſchnur mit einem kleinen Kreuz daran — ein Andenken ihrer verſtorbenen Mutter.“
Hamilton pfiff leiſe und ganz wie in Gedanken Zähne.
„Mein beſter Mr. Burton,“ ſagte er dann,„auf Ihr Durch⸗ ſuchen der Koffer, in Gegenwart jener Sirene, gebe ich auch keinen rothen Pfifferling— ich werde das Ding ſelber beſorgen.“
„Und ich erkläre Ihnen, Mr. Hamilton,“ ſagte Burton mit finſter zuſammengezogenen Brauen,„daß Sie das nicht thun werden. Sie haben Ihren Auftrag erfüllt; der Verbrecher iſt ge⸗ ſtändig in Ihren Händen und meine Gegenwart dabei nicht länger nöthig, ſo werde ich denn, noch heut Nachmittag, in Begleitung der jungen Dame, die Rückreiſe nach England antreten.“
„Mit der Vollmacht für ihre Verhaftung in der Taſche,“ lächelte Hamilton.
„Dieſe Vollmachten,“ rief Burton leidenſchaftlich, indem er die beiden Papiere aus der Taſche und in kleine Stücken riß, die er vor Hamilton niederwarf—„ſind auf eine Verprecherin aus⸗ geſtellt, nicht auf Miſſ Benthouſe. Da haben Sie die Fetzen und jetzt ſtehe ich frei und unabhängig hier und will ſehen, wer es wagen wird, die junge Dame zu beleidigen.“
Hamilton erwiderte kein Wort. Schweigend erhob er ſich, las die auf den Boden geworfenen Stücke auf, legte ſie in ein Packet zuſammen und ſteckte ſie in ſeine Taſche.
.„ Iſt das Ihr letztes Wort, Mr. Burton?“ ſagte er endlich, indem er vor dem jungen Manne ſtehen blieb—„wollen Sie ſich nicht erſt einmal die Sache eine Nacht ruhig überlegen? Bedenken Sie, in welche höchſt fatale Lage Sie nur Ihrem Vater gegenüber
durch die
kämen,— von Lady Clive und den engliſchen Gerichten gar nicht.
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