Jahrgang 
1865
Seite
136
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Windſtoß meinen Hut mir zu ent⸗ führen drohte, wagte ich nicht den Arm zum Feſthalten emporzu⸗ heben, aus Furcht, ich möchte das Gleichgewicht verlieren. Eine leiſe Beugung des Kopfes nach der Richtung des Windes war das Einzige, was ich zur Rettung meines Hutes glaubte riskiren zu dürfen. Endlich war auch dieſe letzte Probe für den Schwindel über⸗ ſtanden. Wir befanden uns am Fuße des Felſens, welcher den Höhepunkt des Uebergangs bezeichnet und von dem aus man ohne beſondere Mühe über den viele Stunden langen Schneegletſcher nach dem Riffelhaus hinab gelangen kann. Als wir bald darauf auf

tänzern vergleichbar. Als eein

dem Gipfel des Felſens in ſtolzem Siegesbewußtſein das wohlver⸗ diente Frühſtück uns herrlich ſchmecken ließen, konnte ich im Schnee deutlich den Weg der letzten Stunden verfolgen. Ich wiederholte unſeren Gang in Gedanken, und jetzt erſt, als ich mich in voller Sicherheit befand, überfiel mich ein Grauſen bei dem Anblick der überſtandenen Gefahren. Ich mußte mir geſtehen, daß ich die Partie bei vorheriger Kenntniß der Schwierigkeiten nicht gewagt haben würde, und dankte meinem Gott, der mir Muskeln und Ner⸗ ven vor unzeitiger Ermattung bewahrt hatte.

W e.

Am FJamilientiſche.

Zur Geſchichte des Hauſes Berlichingen.

Das Wappen der Grafen und Freiherrn von Berlichingen zeigt in einem ſchwarzen Schilde ein fünffach geſpeichertes Rad. Den Schild bedeckt die Grafenkrone mit einem Helme, auf welchem ein rechts ſehender weißer Wolf ein weißes Lamm zwiſchen den Zähnen haltend ſitzt. Dieſer Wolf hat eine geſchichtliche Bedeutung. Als nämlich einſt Götz von Ber⸗ lichingen mit dem von ihm gefangenen Grafen Waldeck auf ſeine väterliche Burg Jaxthauſen zog, wurde er an der Spitze eines Waldes eine Schafherde ge⸗ wahr, in die eben fünf reißende Wölfe einfielen und erwürgten, was ſie konnten. Götz ſah darin eine Anſpielung auf ſein Kleinod und rief ihnen zu: Glück auf, tapfere Geſellen, wackere Streitgenoſſen; Glück zu, euch und uns überall! Hiſtoriſch ſicher iſt Hans von Berlichingen, kurzweg der Frech⸗ hans genannt, welcher um die Mitte des 12. Jahrhunderts lebte, der erſte mit dem jetzigen Stammnamen und als Beſitzer des am Weſtende des Dorfes Berlichingen gelegenen, nun größtentheils verödeten Bergſchloſſes gleichen Namens, ehedem auch Berchlingen und Berlingen genannt. Der Burg Berlichingen geſchieht Erwähnung ſchon zu Anfang des 10. Jahrhunderts, während Jaxthauſen urkundlich zuerſt in einem der Familie verliehenen Privilegium von 1176 vorkommt. In der Gegenwart beſteht von dem ehe⸗ mals ſehr anſehnlichen Schloſſe in Franken nur noch ein Thurm und ein zweiter zur Hälfte. Erſterer dient als Pächterwohnung. Unter den Mit⸗ gliedern dieſes Geſchlechts iſt Götz von Berlichingen mit der eiſernen Hand der gefeiertſte. Nebſt Ulrich von Hutten und Franz von Sickingen, welche gleichzeitig mit ihm lebten und wirkten, war er der tapferſten einer unter den Rittern des ſcheidenden Mittelalters. Götzens eiſerne Hand gelangte nach ſeinem Tode in den Beſitz der freiherrlichen Familie von Hornſtein, und erſt in neuerer Zeit gelang es der Sorgfalt und Verwendung der Freifrau von Berlichingen, einer gebornen Gräfin von Haddik, dieſelbe wieder in die Familie zu bringen. Nachdem ſie gedachtem Freiherrn vergeblich eine nam⸗ hafte Summe dafür geboten, bewirthete dieſer ſie eines Tages bei einem Gaſtmahle, nach deſſen Beendigung er der edlen Freifrau eine ſorgfältig ver⸗ deckte Schüſſel vorſetzen ließ, welche Götzens Hand als Geſchenk für ſie enthielt.

Im Februar 1852 machte zu Stuttgart eine kühne Wette viel von ſich reden. Freiherr von Berlichingen, damals Lieutenant im 4. Reiterregiment, ein verwegener und gewandter Reiter, wettete 200 Gulden, daß er gleichzeitig mit einem Bahnzuge nach dem drei Stunden entfernten Ludwigsburg weg⸗ reiten und gleichzeitig mit demſelben eintreffen wolle. Mit dem Zuge, der

dem Ludwigsburger Bahnhof, als der Zug eintraf. ward mit einigen Waffenbrüdern verjubelt.

Der Ertrag der Wette Hans Weininger. Die Stadtgärtnerei zu Paris.

Um die öffentlichen Anlagen der Stadt Paris mit Gewächſen zu ſchmücken, iſt eine beſondere Stadtgärtnerei nahe bei la Muette im Gehölz von Bou⸗ logne gegründet worden. Hier werden die Tauſende von Pflanzen erzogen, die vorzüglich im Sommer das Auge der Luſtwandelnden ergötzen ſollen; hier verwahrt man die zarten Sachen während des Winters und vermehrt andere durch Ableger, Steckreiſer u. ſ. w. Jene Stadtgärtnerei umfaßt einen Bodenraum von 4400 Meter, einſchließlich der Beamtenwohnungen. Es befinden ſich daſelbſt 24 Treibhäuſer zu verſchiedenen Zwecken und 3000 Miſtbeetfenſter, zuſammen eine Glasfläche von 10,000 Meter(1 Quad⸗ ratmeter= 9 Fuß). Ein ſehr großes Warmhaus enthält mehr als 2000 Palmen und andere große Dekorationspflanzen, ein anderes ſchützt 200 Ka⸗ mellien⸗Bäume von 6 bis 18 Fuß Höhe, deren viele noch dadurch an Intereſſe gewinnen, daß ſie ehedem auf Veranlaſſung der Kaiſerin Joſephine in Malmaiſon gezogen wurden. Unter dieſen Bäumen ſind einzelne, welche jährlich 4 bis 5000 Blumen liefern.

In einem gemäßigten Hauſe gedeihen 2500 anderweitige ſtarke Schau⸗ pflanzen, ein Kalthaus beherbergt in zahlloſen Exemplaren über 300 Spiel⸗ arten Kamellien in Töpfen, verſchiedene Arten von Eukalypten, neuholländiſche

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Akazien; ein anderes Haus enthält über 2500 Stück Feigen von 100 verſchie⸗ denen Arten. Ein Pavillon dient zur Aufſtellung von mehr als 1000 großen Araliaceen in 60 Arten, ein anderer enthält 2500 Hibiscus rosa sinensis, 3500 Musa, 1200 Begonien, 6000 Aroideen und zahlloſe Pelargonien, Dracaeuen, Farne, Cinneracien, chineſiſche Primel u. ſ. w. Das Vermehrungshaus hat 200 Meter Bodenfläche und iſt in 5 Beete eingetheilt, welche durch Heiß⸗ waſſerleitungen erwärmt werden. Seine Fenſter ſind nach neueſter Bauart ganz flach gelegt. Die 700 Glasglocken, welche es enthält, können 50,000 Stecklinge aufnehmen, und eine ſolche großartige Vermehrung kann jährlich 15 bis 20 Mal wiederholt werden. Aus dem Vermehrungshauſe kommen die jungen Stecklingspflanzen in ein mäßiger warmes Haus, um ſie für den Aufenthalt im Freien oder für andere Häuſer abzuhärten. In dieſem Hauſe pflegt man auch die neu ankommenden Pflanzenarten, welche vermehrt werden ſollen. Gewöhnlich enthält es überhaupt 8 bis 10,000 Stück..

Für die Ueberwinterung der Knollen iſt ein Keller von 1500 Meter Bodenfläche vorhanden; in ihm ſind allein 200,000 Canna⸗Knollen aufbe⸗ wahrt. Für ſolche Gewächſe, die man in Käſten durchwintert(ungefähr 350,000 Stück), ſind 3000 Fenſter vorhanden.

Die im Freien befindlichen Beete werden durch Hecken aus Thuja gegen Wind und Sonnenhitze geſchützt. Das ganze Etabliſſement ſteht unter der Leitung eines Obergärtners und des Adminiſtrators der Promenaden und Pflanzungen der Stadt Paris.

Die Nahrung unſrer einheimiſchen Eulen.

Ehedem galten bekanntlich die Eulen insgeſammt für ſchädliche Raub⸗ vögel und die Jäger hatten gegen Schießgelder die Schnäbel oder Fänge derſelben abzuliefern. Neuerdings hat man ihnen wieder(mit Ausnahme des Uhu) begeiſtert das Wokt gexedet und ihre allgemeine Schonung bean⸗ tragt. Dr. Altum in Münſter hat ſich nun der mühſamen Arbeit unterzogen und die Gewölle derjenigen Eulen⸗Arten genau unterſucht, die in ſeiner Umgebung vorhanden ſind. Er fand in 706 Stück Gewöllen der Schleiereule (Strix flammea) Ueberreſte von 16 Fledermäuſen, 240 Mäuſen, 693 Wühl⸗ mäuſen, 1580 Spitzmäuſen, 1 Maulwurf und 22 kleineren Vögeln. In 210 Gewöllen des Waldkauz(Strix aluco) waren erkennbar die Ueberreſte von 1 Hermelin, 48 Mäuſen, 296 Wühlmäuſen, 1 Eichhorn, 33 Spitzmäuſen, 18 Maulwürfen, 18 kleineren Vögeln, 48 großen Käfern und zahlloſen Maikäfern. Manche Gewölle beſtanden geradezu nur aus Malkäferreſten. Die Nahrung beider Enlen ergibt alſo nach Gleichungen folgende Zahlen:

d Schleiereule. Waldkauz. Fledermäuſe 16 Mäuſe 3 4 Spitzmäuſe 15 1 Maulwürfe 1 168 Kleine Vögel 1 3 Käfer ſehr viele.

Es fängt alſo die Schleiereule keine Käfer, äußerſt ſelten einen Maul⸗ wurf, in größter Menge Spitzmäuſe, während der Waldkauz ſehr viele Käfer, viele Maulwürfe zund wenig Spitzmäuſe frißt. Die Schleiereule verzehrt weniger Mäuſe und Wühlmäuſe, ebenſo weniger kleinere Vögel als der letztere. Der Forſcher kommt hieraus zu dem Schluſſe, daß der Schleiereule deßhalb nicht gerade das Wort um Schonung und Schutz zu ſehr zu reden ſei und daß man den ökonomiſchen Werth des Waldkauz entſchieden höher anſchlagen müſſe als jenen der Schleiereule.

Von der großen Ohreule(Strix otus) hatte der Beobachter nur 25 Gewölle zur Unterſuchung erhalten können und von dem Sperlingskauz (Strix noctua) nur 10. Die erſtern enthielten Spuren von 41 Mäuſen und 2 kleinen Vögeln, die letzteren von 16 Mäuſen, 1 Spitzmaus und 11 größeren Käfern. Obſchon aus dieſem geringen Material noch kein ſicherer Schluß zu ſiehen iſt, ſo erſcheinen beide letztgenannten Eulen doch ſchon als nützliche Thiere. Hermann Wagner.

Briefe und Sendungen ſind zu richten an die Redaction desDaheim in Leipzig, Poſtſtr. Nr. 2

Unter Verantwortlichkeit von A. Klaſing in Zielefeld, herausgegeben von Dr. Robert Koenig in Leipzig

Verlag der Daheim-Expedition von Velhagen& Klaſing in Bielefeld und Berlin. Druck von Fiſcher

& Wittig in Leipzig.