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„habe, als ich vielleicht geſollt—
daß ich ſtandhaft blieb und meinem guten Engel mehr folgte als— jenem Teufel.“
Es wäre unmöglich, die Gefühle zu ſchildern, die James Burtons Seele bei dieſer einfachen und doch ſo ergreifenden Erzählung beſtürm⸗ ten; ſein Herz ſchlug ihm hörbar in der Bruſt, und faſt ſeiner ſelbſt unbewußt, ergriff er mit zitterndem Arm die Hand ſeiner Nachbarin, die ſie ihm willenlos überließ.
„Gott ſei Dank,“ flüſterte er endlich mit bewegter Stimme— „ſo brauche ich mir auch länger keine Vorwürfe zu machen, denn unſer Erſcheinen hier war ja dann nur zu Ihrem Heil.“
„Ihnen verdanke ich meine Rettung,“ ſagte da Jenny herzlich, und wie ſie ſich halb dabei zu ihm überbog, umfaßte er mit ſeinem Arm die bebende Geſtalt des Mädchens. Aber nicht einmal auf ihre Stirn wagte er einen Kuß zu drücken, aus Furcht ſie zu beleidigen, und ſich gewaltſam aufrichtend, rief er leidenſchaftlich bewegt aus:
„Dann iſt auch noch alles, alles gut. Trocknen Sie Ihre Thränen, mein liebes, liebes Fräulein— die Verſöhnung mit Ihren. Eltern übernehme ich— übernimmt mein Vater, Sie kehren zu ihnen zurück und die Erinnerung an das Vergangene ſoll eine fröhliche Zukunft Sie vergeſſen machen.
„Und auch Sie wollen nach England junge Fremde.
„Gewiß,“ rief Burton—„ſobald ich nur Nachricht von Hamilton habe. Aber noch heute ſchreibe ich nach Haus— wie heißen Ihre Eltern, mein beſtes Fräulein— was iſt Ihr Vater? Halten Sie dieſe Frage nicht für bloße Neugierde; es gibt keinen Menſchen auf der Welt, der jetzt ein innigeres Intereſſe an Ihnen nähme, als ich ſelber.“
„Mein Vater,“ ſagte Jenny leiſe,„iſt Geiſtlicher, der Reverend Benthouſe in Islington. Vielleicht iſt Ihnen der Name bekannt. Er hat viel geſchrieben.“
„Das nicht,“ ſagte James Burton erröthend,„denn ich muß leider zu meiner Schande bekennen, daß ich mich bis jetzt, und in jugendlichem Leichtſinn weniger mit einer religiöſen Lectüre befaßt aber erlauben Sie, daß ich mir den Namen notire und jetzt,“ ſagte er, als er ſein Taſchenbuch wieder einſteckte,„verlaſſe ich Sdie. Wir dürfen den müßigen Leuten hier im Hotel nichts zu reden geben— ſchon Ihrer ſelbſt wegen, aber Sie ſollen von nun an auch nicht mehr allein ſein. Ich werde augen⸗ blicklich ein Kammermädchen für Sie engagiren, die Ihnen zugleich Geſellſchaft leiſten kann. Junge Mädchen, der engliſchen Sprache mächtig, ſind gewiß genug in Frankfurt aufzutreiben, der Wirth kann mir da Veeufe lls Auskunft geben. Keine Widerrede, Miß,“ ſetzte er lächelnd hinzu, als ſie ſich— wie es ſchien, mit dem Plan nicht ganz einverſſan⸗ den zeigte„Sie ſtehen von nun an, bis ich Sie Ihren Eltern wieder zurückführen kann, unter meinem Schutz, und da müſſen Sie ſich ſchon eine kleine Tyrannei gefallen laſſen.“
„Aber wie kann ich Ihnen das, was Sie jetzt an mir thun, nur je im Leben wieder danken,“ ſagte das junge Mädchen gerührt— „womit habe ich das alles verdient?“
„Durch Ihr Unglück,“ erwiderte Burton herzlich, indem er ihre Hand an ſeine Lippen hob, und wenige Minuten ſpäter fand er ſich ſchon unten mit dem Wirth in eifrigem Geſpräch, um eine paſſende und anſtändige Perſon herbeizuſchaffen.
Das ging auch in der That weit raſcher, als er ſelber vermuthet hatte. Ganz unmittelbar in der Nähe des Hotels wohnte ein junges Mädchen, die ſchon einige Jahre in England zugebracht und— wenn ſie ſich auch nicht auf längere Zeit binden konnte, doch gern erbötig war, die Stelle einer Geſellſchafterin für kurze Zeit zu über⸗ nehmen. Mr. Burton führte ſie ſelber der jungen Dame zu, und Eliſa zeigte ſich als ein ſo liebenswürdiges, einfaches Weſen, daß ein Zurückweiſen derſelben zur Unmöglichkeit wurde.
zurück?“ frug raſch die
VIII. Hamiltons Rückkehr.
Den übrigen Theil des Tages verbrachte James Burton in einer unbeſchreiblichen Unruhe, denn immer und immer war es ihm,
gern noch einmal zu ihr
als wenn er bei ſeiner jungen Schutzbefohlenen nachfragen müſſe, ob ihr nichts fehle, ob ſie nicht noch irgend einen Wunſch habe, den er ihr befriedigen könne, und ordentlich mit Gewalt mußte er ſich davon zurückhalten, ſie nicht weiter zu beläſtigen.
Am allerliebſten hätte er auch in der Stadt eine Unmaſſe von Sachen für ſie eingekauft, um ſie zu zerſtreuen oder ihr eine Freude zu machen. Aber das ging doch unmöglich an, denn das hätte jeden⸗ falls ihr Zartgefähl verletzt— er durfte es nicht wagen. Eine ordentliche Beruhigung gewährte es ihm aber, zu wiſſen, daß das arme verlaſſene Weſen jetzt jemand habe, gegen den es ſich aus⸗ ſprechen konnte, und er begnügte ſich an dem Tage nur einfach damit, die Hälfte der Zeit vollkommen nutzloſe Fenſterpromenade zu machen, denn es ließ ſich dort niemand blicken, und die andere Hälfte unten im Haus und auf der Treppe auf und ab zu laufen, um wenigſtens ihre Thür anzuſehen.
Wenn er es ſich auch noch nicht geſtehen wollte, ſo war er doch bis über die Ohren in ſeine reizende Landsmännin verliebt.
Am nächſten Morgen war er allerdings zu früher Stunde wieder auf, aber erſt um zwölf Uhr wagte er es, ſich zu erkundigen, wie Miß Benthouſe geſchlafen hätte.
Sie empfing ihn mit einem freundlichen Lächeln, aber— ſie ſah nicht ſo wohl aus wie geſtern. Ihre Wangen waren bleicher, ihre Augen zeigten, wenn auch nur leicht, ſchattirte Ringe— ſie ſchien auch zerſtreut und unruhig und Burton, voller Zartgefühl, glaubte darin nur eine Andeutung zu finden, daß ſie allein zu ſein wünſche und empfahl ſich bald wieder. Vorher aber frug ſie ihn noch, ob er keine Nachricht von Mr. Hamilton erhalten habe, was er verneinen mußte.
Jetzt aber, mit der Furcht, daß ſie erkranken könne— und nach all den letzten furchtbaren Aufregungen ſchien das wahrlich kein Wunder wich er faſt gar nicht mehr von ihrer Schwelle, und der Portier ſelber, der eigentlich alles wiſſen ſoll, wußte nicht aus dem wunderlichen Fremden klug zu werden.
Dieſer ruhte auch nicht eher, bis er gegen Abend die neue Geſellſchafterin einmal auf dem Gange traf, um ſie nach dem Befinden der jungen Dame zu fragen.
„Sie ſcheint ungemein aufgeregt,“ lautete die Antwort der⸗ ſelben„ſie hat keinen Augenblick Ruhe, und wohl zehn Mal hat ſie geſucht mich fortzuſchicken, um allein zu ſein. Sie iſt jedenfalls recht leidend und ich werde eine unruhige Nacht mit ihr haben.“
„Mein liebes Fräulein,“ ſagte Burton, dadurch nur noch viel mehr beunruhigt„ich bitte Sie recht dringend, ſie nicht einen Augenblick außer Acht zu laſſen. Stoßen Sie ſich nicht an das geringe Salär, was Sie gefordert haben, es wird mir eine Freude ſein, Ihnen jede Mühe nach meinen Kräften zu vergüten.“
„Ich thue ja gern ſchon von ſelber, was in meinen Kräften ſteht,“ ſagte das junge Mädchen freundlich„die Dame wird gewiß mit mir zufrieden ſein. Verlaſſen Sie ſich auf mich— ich werde treulich über ſie wachen.“
So verging der Abend und nur noch einmal ſchickte Benthouſe zu Mr. Burton hinüber, Nachricht bekommen habe.
Miß um zu hören, ob er noch keine Er mußte es wieder verneinen und wäre geeilt, aber Eliſa ſagte ihm, daß ſich die junge Dame aufs Bett gelegt hätte, um beſſer ruhen zu können, und er durfte ſie da nicht ſtören. Es war zwölf Uhr geworden, und er wollte ſich eben zu Bett begeben, als es an ſeiner Thür pochte. Er öffnete raſch, denn er fürchtete eine Botſchaft, daß ſich Jennys Neantheitazuſtänd verſchlim⸗
mert hätte, aber es war nur der Diener des Tele egraphenamtes, der
ihm unter dem Namen, mit dem er ſich in das Fremdenbuch Kngeagen— eine Depeſche brachte. Sie mußte von Hamilton ſein. Er hatte ſich nicht geirrt. Sie enthielt die wenigen, aber freilich gewichtigen Worte, von Ems aus datirt: „Ich habe ihn— morgen früh komme ich— Hamilton.“ „Gott ſei Dank,“ rief Buton jubelnd aus,
„jetzt nehmen die Leiden d dieſes armen Mädchens bald ein Ende.“
(Fortſetzung folgt.)


