Jahrgang 
1865
Seite
108
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von dem Blutgeld verlangt, das es einzelnen Fürſten einbringen

mag. Hammerſchlag auf Hammerſchlag folge auf das Gewiſſen der Vertreter deutſcher Nation, bis ſie endlich wach gerüttelt werden ſie ſollen ſich wenigſtens nicht beklagen dürfen, daß man

ſie nicht geweckt hätte.

Hamilton dachte freilich an nichts leuchtete Portal betrat, an welchem ſehr einfach gekleideter Polizeidiener zur Wache, daß das heilige Spiel nicht etwa geſtört würde auf Poſten ſtanden. Der Portier wollte übrigens Schwierigkeiten machen, als er Hamiltons hellen Rock ſah er ſchien ihm für die Spielhölle nicht anſtändig genug gekleidet, aber neben ihm ſchritt eine bis auf den halben Buſen decoltirte Franzöſin frech vorüber, welcher der Lgkai eine tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung machte. Hamilton wußte indeſſen, welchen Zauber in einem ſolchen Falle ein Guldenſtück ausüben würde, und der augenblicklich zahm gewordene Portier ſchmunzelte auch ſo vergnügt darüber hinweg, daß ſeinem Eintritt nichts weiter im Wege ſtand.

Wenige Secunden ſpäter befand er ſich, baren Geiſt willig geleitet, im Leſecabinet, unmittelbar in den großen Spielſaal führte.

Dort ſaßen nur ihm vollkommen fremde Menſchen, ein lang⸗ beiniger Engländer, der gewiſſenhaft die Times durcharbeitete, ein kleiner beweglicher Franzoſe, der über dem Charivari ſchmunzelte, und ein Paar andere Badegäſte, die gleichgültig und aus Langeweile die verſchiedenen continentalen Zeitungen durchblätterten.

Er hielt ſich dort nicht auf und öffnete die Thür, die in den Spielſalon führte, aber anfangs nur halb, um erſt einen Ueberblick über die verſchiedenen Geſtalten zu gewinnen, und nicht früher geſehen zu werden, als er ſelber ſah. Aber es hätte dieſer Verſuht nicht einmal bedurft, denn die dort Befindlichen hatten nur Ohr für den monotonen Ruf des Croupiers, nur Auge für den grünen Tiſch und die darauf gentthten bunten Lappen. Wer kümmerte ſich von allen denen um den einzelnen Fremden, wenn er nicht ſelber als ſtark Spielender mit Glück oder Unglück blieb ſich gleich ihr Intereſſe für einen Augenblick in Anſpruch nahm.

Hamilton trat an die Spieler dicht heran,

derartiges, als er das hell er⸗ ein galonnirter Portier und ein

von dem jetzt dienſt⸗ aus dem eine Thür

um die einzelnen

Kus der.

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Geſichter derſelben muſtern zu können aber er fand kein bekanntes darunter. Es war ein buntes Gemiſch von leidenſchaftlich erregten, abſtoßenden Phyſiognomien, unter denen ſich nur hie und da die kalten ſpeculirenden Züge alter abgefeimter, und ruhig ihre Zeit abwartender Spieler auszeichneten. Auch vieleDamen ſtanden dicht von den Uebrigen gedrängt am Tiſch, wenn ſolche Frauenzimmer den Namen von Damen überhaupt verdienen. Eine von dieſen ſaß ſogar neben dem Croupier es war der Lockvogel der Geſellſchaft, ein junges, üppiges Weib, tief decoltirt, mit dunklen, vollen Locken und reichem Brillantſchmuck, andere drängten, jede Weiblichkeit bei Seite laſſend, zwiſchen die ihnen nur unwillig Raum gebenden Zuſchauer hinein, um ihr Geld in wilder Haſt auf eine Nummer zu ſchieben.

Hamiltons Blick ſtreifte gleichgültig darüber hin, und wie er ſich langſam ſelber um den Tiſch bewegte, entging kein irgendwo einge⸗ ſchobener Kopf ſeinem forſchenden Auge. Da hörte er auch in einem kleineren Nebenzimmer das Klimpern des Geldes und die monotonen Wortele jeu est fait denen lautloſe Stille folgte, und wollte eben auch jenes Gemach betreten, als er wie feſtgewurzelt auf der Schwelle blieb, denn dort ſtand Kornik bleich wohl jetzt von der Erregung des Spiels, und mit gierigem Blick an der abgezogenen Karte hängend aber unverkennbar derſelbe, mit dem er an jenem Tag gefahren. Er hatte es auch nicht einmal für nöthig gehalten, den verrätheriſchen Schnurrbart abzuraſiren, oder ſein Haar anders zu tragen, er mußte ſich heute Abend hier vollkommen ſicher fühlen. Nur die blaue Brille fehlte.

Im erſten Moment fürchtete Hamilton faſt ſich zu bewegen, daß nicht der Blick des Verbrechers ihn vor der Zeit traf. Aber es war das eine vollkommen nutzloſe Angſt, denn der Spieler hatte nur Augen für die vor ihm abgezogenen Karten weiter exiſtirte in dieſem Moment keine Welt für ihn. Vorſichtig zog ſich der Polizeiagent deshalb wieder zurück, bis er ſich im Nebenzimmer gedeckt wußte, ſchritt dann durch den Saal und auf den dort ſtationirten Polizeidiener zu.

(Fortſetzung folgt.)

Münchner Künſtlerwelt.

(Hierzu das Bild auf Seite 109.)

Die Münchner Künſtler feiern alljährlich ein Maifeſt, ab nicht am erſten des Monats, ſondern gewöhnlich im Juni, wann der Wald grün und die Luft milde geworden. Dann ziehen ſie hinaus nach den Höhen oberhalb der Iſar, oder die Eiſenbahn bringt ſie in das Mühlenthal der Würm, wohin die bairiſche Sage die Geburt Karls des Großen verſetzt, und dort wo der Blick ſich aufthut nach dem Starnberger See und nach den Alpen, hat auch unſer Zeichner die Fahne aufgepflanzt, die Bierfäſſer aufgeſchlagen, die Maitrank⸗ ſchenke aufgethan. Die Jugend ſchwingt ſich im munteren Tanz um eine alte Eiche, oder die Pärchen wandern unter den ſchattigen Buchen; ältere Freunde ſchauen dem luſtigen Treiben zu, oder ſetzen ſich zu geſelliger Unterhaltung an Tiſchen nieder.

Zwei ſolcher Tiſche läßt uns der Zeichner erblicken. An den einen hat in der Mitte des Bildes ſich Kaulbach behaglich hingelehnt; ſeine ganze Erſcheinung läßt den aufs Ideale gerichteten Künſtler erkennen; erzählte doch jüngſt auch Rietſchels Selbſtbiographie, wie er in aufblühender Jugend auf dem Dürerfeſte an Raphael gemahnt, nur daß wir uns dieſen letzteren doch nicht wie einen Liebhaber beißenden Tabaks, mit der Cigarre vorſtellen mögen, die bei Kaul⸗ bach unvermeidlich ſcheint. Seit er in der Hunnenſchlacht den gro⸗ ßen Geiſterkampf in der Weltgeſchichte uns vors Auge gerufen und im Reineke Fuchs der deutſchen Thierdichtung ſo ganz gerecht gewor⸗ den und den Thiergeſtalten den Ausdruck menſchlicher Charaktere geliehen, gehört er zu den Lieblingen der Nation; ſie nimmt es mit Freuden auf, wenn er in großen geſchichtsphiloſophiſchen Bildern die Culturentwicklung der Menſchheit, oder wenn er Goethes 3 Frauen⸗ geſtalten in ihrem individuellen Liebreiz ſchildert. Seine Zunge ſoll,

freilich ſo ſcharf ſein wie ſein Zeichenſtift, und wie Heine bringt er

gern einen ironiſchen Zug an; das mag ein Grund ſein, daß er mit Hutten ſagen muß: Viel Feind, viel Ehr! Ihm gegenüber, den Becher Maiwein in der Hand, ſitzt Philipp Foltz, ein Mann, der an jene lürger lich tüchtigen Geſtalten des Mittelalters und der Refor⸗ matiouszeit erinnert, die aus dem Handwerk in die Kunſt emporwuch⸗ ſen; er malt die deuiſchen Alpenbewohner in ihrer Kernhaftigkeit, verſteht es aber auch, die Denker und Dichter Athens um den Redner Perikles zu verſammeln; er ſpricht wie ein Profeſſor über die Ver⸗ bindung der Kunſt mit dem Handwerk und der Induſtrie, und hat in Liebig einen guten Zuhörer: den Gelehrten iſt leicht predigen. Liebi ig iſt eit phantaſievoller Naturforſcher, noch größer durch ſein Combi⸗ nationsgenie, als durch ſeine Scheide kunſt, hier aber ſitzt er doch wohl nur als ein Stellvertreter der vielen theil nehmenden Freunde, die ſich den Künſtlerfeſten anſchließen. Ernſt Förſter dagegen hinter Foltz ſchaut wie ein Mann darein, der hierher gehört. Er h hat ja in der Jugend unter der Leitung von Cornelius auch den Pinſel, und hat dann ein Menſchenalter lang die Feder für die Münchner Schule geführt; er hat die Künſtler weniger mit Ruthenſtreichen geſchulmei⸗ ſtert wie Pecht, dafür aber mit ſeinen Kritiken auch weniger Pech gehabt; ſein Haar iſt grau, ſein Herz iſt immergrün. Neureuther, der geniale Arabeskenzeichner, kann es nnh hier nicht laſſen, ſogleich

ein anmuthiges Pflanzenmotiv in ſeir Skizzenbuch einzutragen. Schraudolph, der neben ihm ſteht, ii nicht blos ein trefflicher Heiligenmaler, ſelbſt zu wohl genährt und kräftig, als daß ſeine Geſtalten mager und dürftig bleiben könnten; es wird nicht lange dauern und er wird auch zu jodeln anheben und der Kenabendeit in den heimiſchen Bergen gedenken. Bekanntlich hat er

den Dom zu Speier mit Freskobildern geſchmückt. Er iſt dafür