Jahrgang 
1865
Seite
106
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fel, mit dem Muſtern der Gaſthäuſer brauchte er deshalb keine Zeit zu verlieren und das Wichtigſte blieb, die Straßen zu unterſuchen, die von hier aus in die Berge und beſonders nach dem Rhein zu führten.

Das aber zeigte ſich bald als ein ſehr ſchwierig Stück Arbeit, denn es hielten ſich viele Fremde in Soden auf, und bei dem wun⸗ dervollen Wetter beſuchte ein großer Theil derſelben in früher Mor⸗ genſtunde die benachbarten Berge. Wer wollte da den Einzelnen controlliren, der ſich zwiſchen ihnen befunden hatte? Außerdem gab es eine Legion von Führern in dem Badeort, die ſich theilweis unter⸗ wegs, oder da und dort einquartirt befanden; es wäre rein unmög⸗ lich geweſen, ſie alle aufzuſuchen und einzeln auszufragen.

Hamilton ließ aber deshalb den Muth nicht ſinken. Uner⸗ müdlich ſtreifte er Straße auf, Straße ab und frug bald da, bald dort in den Häuſern. Nur in einem, in dem letzten Häuschen, das auf dem Weg nach Königſtein lag, hörte er, daß ein einzelner Herr dort ſehr früh vorbeigegangen ſei, ob er aber einen Schnurrbart ge⸗ habt oder eine blaue Brille und Gepäck getragen, wer ſollte das jetzt noch wiſſen? Ein Führer hatte ihn nicht begleitet.

Das war keine Spur und Hamilton wollte ſich ſchon kopf ſchüttelnd abwenden, um in Soden erſt etwas zu Mittag zu eſſen und dann ſeine Verſuche zu erneuern, als ein kleines Mädchen, das dabei geſtanden hatte, ſagte:

Ja, en Schnorres hat er ſchon gehat, un en unern Arm getrage.

Einen Schnorres? was iſt das? frug Hamilton.

Nu Hoor unner der Nas, ſagte die Frau.

Ja, un ganz ſchwarz war er ſagte die Kleine.

So, mein Kind, ſagte Hamilton, der ſie aufmerkſam betrach⸗ tete,alſo ein Täſchchen hat er unter dem Arm getragen? groß?

Na kleen vun Ledder en hibſch Täſchche.

Und der iſt dort hinaus zu gegangen?

Die Frau beſtätigte das eine Brille ſchien er aber nicht auf⸗ gehabt zu haben; das Kind wollte wenigſtens nichts derartiges be⸗ merkt haben und eine blaue Brille wäre ihm gewiß aufgefallen.

Das war allerdings eine Spur, wenn auch nur eine außer⸗ ordentlich ſchwache, Hamilton beſchloß aber doch, ihr zu folgen und ohne weiter einen Moment Zeit zu verlieren, drückte er dem Kinde ein Geldſtück in die Hand und eilte dann ſo raſch er konnte nach Soden wieder auf die Poſt, um dort Extrapoſt nach Königſtein zu nehmen. Nur ſo viel Zeit gönnte er ſich, um etwas zu eſſen und zu trinken, ſo lange die Pferde angeſpannt wurden dann ging es vorwärts, was die Thiere laufen konnten.

In Königſtein ſelber denn unterwegs, ſo oft er ſich auch nach dem Geſuchten erkundigte, erhielt er doch keine Auskunft war die Nachforſchung nicht ſo ſchwer. Es gab dort nur zwei halbwegs anſtändige Wirthshäuſer und in dem einen erfuhr er denn auch, daß ein einzelner Herr mit einem ſehr ſchwarzen Schnurrbart und etwas brauner Geſichtsfarbe da gefrühſtückt habe, dann aber weiter ge⸗ gangen ſei, ohne daß ſich natürlich irgend jemand um ihn beküm⸗ mert hätte. Eine lederne kleine Reiſetaſche mit Stahlbügel führte er bei ſich, eine Geldtaſche hatte er umhängen, und auch noch einen Riemen umgeſchnallt gehabt das wollte der Wirth deutlich geſehen haben weiter wußte er nichts.

In was für Geld hatte er ſeine Zeche bezahlt?

In Gulden und Kreuzern der Landesmünze.

Hamilton war nicht halb ſicher, daß er wirklich auf der Spur des Geſuchten ſei, aber was blieb ihm jetzt anderes übrig, als ihr, da er ſie einmal aufgenommen, auch weiter zu folgen, er würde ſich ſonſt immer wieder Vorwürfe gemacht haben, eine wahrſcheinliche Bahn aufgegeben zu haben, um dafür wild und verloren in der Welt herumzuſuchen.

Von hier aus ſchien der Flüchtling aber wirklich den Waldweg eingeſchlagen zu haben, denn auf keiner Straße war er mehr geſehen worden, auch konnte er ſich keinen Führer genommen haben, denn das hätte ſich jedenfalls ausgeſprochen. Wohin jetzt? Es war bald Abend, als Hamilton erſchöpft in das Gaſthaus zurückkehrte, wo er mit einer Flaſche Wein und der Eiſenbahnkarte vor ſich, ſeinen wei⸗ teren Schlachtplan überlegte. Er fühlte dabei recht gut, daß er von jetzt an auf gut Glück weiter ſuchen müſſe. Nur eine Andeutung ſeines zukünftigen Weges fand er in der Richtung, in welcher Königs⸗ ſtein von Soden lag direkt nach dem Lahnthal zu, und der be⸗

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ſchloß er auch jetzt zu folgen. Allerdings mochte ſich der Flüchtige rechts oder links abgewandt haben, um entweder Gießen oder den Rhein zu erreichen. Das letztere blieb aber immer das Wahrſchein⸗ lichſte.. Zu Fuß gedachte er aber nicht die Tour zu verfolgen, und er beſchloß deshalb, hier zu übernachten, und am nächſten Morgen mit einem Einſpänner, womöglich noch vor Tag, aufzubrechen. Dazu war es aber nöthig, noch heute Abend einen Wagen zu beſtellen. Ein Mann wurde ihm da bezeichnet, der einen Einſpänner zu ver⸗ miethen hätte. Zu dem ging er ungeſäumt und erkundigte ſich.

Ja, mein lieber Herr, ſagte dieſer achſelzuckend,wenn Sie ein Paar Stunden früher gekommen wären, ſo hätten Sie mit einem andern Herrn fahren können, der dieſelbe Tour macht. Der hat aber meinen einzigen Einſpänner mitgenommen. Das Pferd hätte Sie beide prächtig fortgebracht.

Ein einzelner Herr? frug Hamilton raſch,heute Mittag?

Jawohl etwa um elf Uhr.

Und wie ſah er aus?

Ja, lieber Gott, wie ſah er aus wie ein Berliner, mit einem ſchwarzen Schnurrbart und einer Reiſetaſche.

Und haben Sie nicht einen zweiſpännigen Wagen?

Thut mir leid die Pferde ſind jetzt alle draußen. Wenn Sie das aber dran wenden wollen, warum nehmen Sie nicht Poſt⸗ pferde?

Iſt denn eine Poſtſtation hier im Ort? Ich hatte keine Ahnung davon, denn ich bin im Gaſthaus vorgefahren.

J gewiß, und die müſſen Ihnen Pferde ſchaffen.

Hamilton hörte nichts weiter und ſaß kaum eine Viertelſtunde ſpäter wieder in ſeiner Extrapoſt. Jetzt zweifelte er auch keinen Augenblick mehr, daß er auf der richtigen Spur ſei und verſprach dem Poſtillon ein tüchtiges Trinkgeld, wenn er ordentlich zufahren würde.

Auf der nächſten Station fand er aber ſeine Nachtfahrt ſchon unterbrochen. Die Wege kreuzten ſich hier, und er durfte nicht weiter fahren, aus Furcht, die falſche Straße einzuſchlagen. Er

mußte dort übernachten, aber ſchon vor Tag war er wieder auf,

und wie er nun die Gewißheit erlangte, daß der Flüchtige die Straße nach Norden eingeſchlagen, folgte er derſelben mit Extrapoſt und verſprach dem Poſtillon ein fürſtliches Trinkgeld, wenn er den Geſuch⸗ ten einholte, ehe er die Eiſenbahn erreichte.

Das wäre freilich nicht möglich geweſen, wenn Kornik ſich ver⸗ folgt gewußt und dann keine Zeit verſäumt hätte. Er ſchien ſich aber vollkommen ſicher zu fühlen, denn als ſie nach Camburg kamen, hörten ſie, daß er dort geſchlafen hätte und ziemlich ſpät Morgens wieder aufgebrochen ſei.

Jetzt galt es, ihm den Vorſprung abzugewinnen und näher und näher rückten ſie auch hinan, bis ſie dicht vor Limburg einem rückreitenden Poſtillon begegneten, der ihnen ſagte, daß ſie die Extra⸗ poſt voraus vielleicht noch vor der Stadt einholen könnten, wenn ſie die Pferde nicht ſchonten.

Und wahrlich, ſie ſchonten die Pferde nicht, was ſie laufen konn⸗ ten, liefen ſie. Aber nach der Bahn zu führte der Weg ſteil thalab, der unglückſelige Wagen hatte keinen Hemmſchuh und mußte mit der Kette eingelegt werden; zu raſch durfte er da nicht fahren, wenn er nicht riskiren wollte ein Rad zu brechen. Als ſie endlich Limburg dicht vor ſich ſahen, war die verfolgte Extrapoſt nirgend zu erkennen, wohl aber pfiff gerade der von Gießen kommende Zug in den Bahn⸗ hof ein, und hielt dort gerade lang genug, daß ihn Hamilton, als er mit ſeinen ordentlich mit Schaum bedeckten Thieren heranraſſelte, konnte wieder davonkeuchen ſehn. Er war zu ſpät gekommen.

VI. Im Kurſaal.

Es war ein verzweifelter Moment, aber Hamilton nicht der Mann, ſich dadurch beirren zu laſſen. Daß Kornik dieſen Zug benutzt hatte, daran zweifelte er keinen Augenblick, ſowie er nur auf dem Bahnhof anfuhr und ihn nicht traf. Zum Ueberfluß fanden ſie aber auch noch die Extrapoſt, die ihn hierher gebracht, und der Po⸗ ſtillon derſelben beſtätigte, daß der Herr, den er gefahren, mit dem letzten Zugnach dem Rhein abgegangen ſei..

Es war 5 Uhr 55 der nächſte Zug ging 6 Uhr 30 alſo noch eine halbe Stunde Zeit. Hamilton fuhr mit ſeinem