Jahrgang 
1865
Seite
104
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durch; es mußte unter den Hieben geſpritzt haben, denn der übrige Körper, der Sand umher, und ſelbſt der Gefangenwärter, der die Hiebe ertheilt hatte, war mit Blut beſpritzt.

Der Gezüchtigte wurde losgeſchnallt. Er rührte ſich nicht.Steh auf! ſagte der Gefangenwärter, er blieb ohne Regung liegen. Ich beſorgte, er ſei ohnmächtig; aber der Gefangenwärter faßte ihn an den Kragen ſeiner Jacke und riß mit brutaler Rohheit ſeinen Kopf in die Höhe. Da fiel ein kurzer, ſcheuer Blick des Züchtlings in mein Auge, aber Blick und Kopf wandten ſich ſchnell ab. Der Züchtling ſtand auf. Es war ein großer, ſchlank und ſchön gebauter Menſch von etwa fünfundzwanzig Jahren, ſein Geſicht war todtenbleich, doch zeigte es keine Spur von Schmerzensausdruck; nur ſeine feine Oberlippe zitterte kaum wahrnehmbar, doch ſicher nicht vor Schmerz, nur vor Zorn.

Er wurde abgeführt. ab, als wolle er meinem Blick nicht begegnen. blicks, mehr noch der kurze ſcheue Blick von vorhin, erhöhte mein Intereſſe für ihn; ich fragte einen zurückbleibenden Gefangenwärter nach dem Namen des Züchtlings und hörte einen mir fremden polniſchen Namen. Seine Züge erweckten dunkle Erinnerungen in mir, doch konnte ich mich nicht beſinnen, ihn je geſehen zu haben. Ich fragte nach den Gründen ſeiner Verurtheilung und ſeiner heutigen Beſtrafung und hörte, daß er einen Einbruch mit Gewalt an Perſonen verübt, zu fünf Jahren Zuchthaus verurtheilt ſei und heute einen Aufſeher gemißhandelt habe, weshalb er mit fünfzehn Hieben beſtraft worden.

Ich konnte den Gedanken an den Geſtraften nicht los werden, ging daher zum Director des Zuchthauſes und erkundigte mich nach den nähern Um ſtänden des Züchtlings. Der Director beſtätigte, was der Aufſeher mir vor⸗ hin erzählt hatte, nur der Name war mir unrichtig genannt worden; denn er gehörte zu den ſchwer auszuſprechenden polniſchen Namen und war daher vorhin ſo verunſtaltet worden, daß er mir völlig fremd erſchien. Als ich ihn jetzt richtig nennen hörte, erſchrak ich. Der Züchtling war der Sohn eines früh verſtorbenen, von mir hochgeachteten Arztes. Jetzt wußte ich mir die dunklen Erinnerungen zu deuten, die ſeine Züge in mir geweckt hatten; er ſah ſeinem Vater ähnlich. Ich war oft in ſeinem elterlichen Hauſe geweſen, er hatte mich wiedererkannt, daher das Vermeiden meines Blickes. Und dieſer präch⸗ tige Knabe, den ich immer ſo lieb gehabt, dieſer Sohn eines Ehrenmannes und einer trefflichen Mutter war Dieb und Räuber geworden!

Ich erbat vom Director die Erlaubniß, den Sträfling unter vier Augen zu ſprechen. Er wurde mir vorgeführt. Als wir allein waren, ging ich auf ihn zu, reichte ihm die Hand und ſagte:Ich glaubte, lieber Wilhelm, es würde Ihnen wohlthun, von einem alten Bekannten zu hören, daß er herz⸗ lichen Antheil nimmt an Ihrem Geſchick.

Er blieb in der ſteifen, militäriſchen Stellung, welche in den Strafan ſtalten die Züchtlinge annehmen müſſen, ſobald ſie angeredet werden. Er ſah mir feſt ins Auge, aber es zuckte keine Miene an ihm; und doch glaubte ich's ihm anzuſehen, daß es in ihm kämpfte. Ich trat ihm näher, nahm ſeine Hand, ſah ihm liebreich ins Auge und ſprach:Ich hatte Sie als Knaben ſo lieb und Sie hatten mich auch lieb ich habe Sie heute noch lieb, wollen Sie nichts mehr von mir wiſſen? Da war er überwältigt, die Thränen ſtürzten ihm aus den Augen, er beugte ſich über meine Hand, weinte laut und ſchluchzte:Alſo hat mich doch noch ein Menſch lieb!

Sein Vater war ſchon in ſeinem vierzehnten Jahre, ſeine Mutter einige Jahre ſpäter geſtorben, ohne Vermögen zu hinterlaſſen; ein reicher Onkel nahm ſich ſeiner an und erhielt ihn auf der Schule und auf der Univerſität. Als er die letztere verlaſſen und ſein erſtes juriſtiſches Examen glücklich be⸗ ſtanden hatte, eilte er in das Haus einer Tante, der Wittwe eines kürzlich verſtorbenen, verarmten Kaufmanns; ihr, bei der er während der Schulzeit viel Liebe genoſſen, wollte er ſein Glückzuerſt mittheilen. Er fand ſie in einer troſtloſen Lage, denn eben ſollte ihr ganzes Mobiliar ihr abgepfändet werden für eine Schuld ihres ſeligen Mannes, für welche ſie gerichtlich Bürgſchaft ge⸗ leiſtet. Es gab nur Einen, der in dieſer Noth helfen konnte, wenn er wollte; das war der reiche Onkel, der bisher für den Neffen geſorgt hatte; freilich war dieſem bekannt, daß der Onkel nichts mehr von der Schweſter wiſſen wollte, ſeit ſie gegen ſeinen Willen den unbemittelten Kaufmann geheirathet. Der Neffe hoffte dennoch ihn zur Hilfe bewegen zu können, er beſtimmte den Executor, die Sachen noch nicht fortzuſchaffen, in Zeit von einer Stunde

Wie er bei mir vorbeikam, wandte er ſein Haupt Das Vermeiden meines An

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werde er die Schuldſumme(circa dreihundert Thaler) herbeiſchaffen. Er eilte zum Onkel. Als der hörte, wovon die Rede war, verbot er jedes Wort darüber. Der Neffe ließ nicht nach, er bat, wenn er das Geld nicht eben zur Hand habe, ihm eine Anweiſung zu geben. Da lächelte der Onkel, führte ihn an den Schreibtiſch, ſchloß denſelben auf, zeigte auf einen Beutel, der darin lag und ſprach:Da liegen dreihundert Thaler, die ich nicht brauche; aber ich werde ſie eher zum Fenſter hinauswerfen, bevor ich meiner Schweſter da⸗ mit helfe! Damit ſchloß er den Schreibtiſch wieder zu, zog den Schlüſſel ab und ſteckte ihn in die Taſche.

Sie retten ſie vom Verderben! rief der Neffe.Sie ſoll ver⸗ derben, warum hat ſie mir nicht gefolgt? ſprach der Onkel.

Nein, ſie ſoll nicht verderben! ſchrie Jener und faßte nach dem Schlüſſel in des Onkels Taſche. Dieſer wehrte ſich, aber der junge Mann trug ihn ins Nebenzimmer, warf ihn aufs Sopha, entwand ihm den Schlüſſel, eilte ins andere Zimmer, ſchloß die Thür hinter ſich ab, an welcher der Onkel vergeblich tobte und wollte den Schreibtiſch aufſchließen; in der Haſt jedoch verdrehte er das Schloß. Nach vielen vergeblichen Verſuchen, es zu öffnen, erbrach er die Klappe gewaltſam mit Hilfe einer eiſernen Kamin⸗ gabel, nahm den Beutel, während der Onkel unaufhörlich Gewalt ſchrie, aber nicht gehört wurde, da die Fenſter nach dem Garten hinausgingen und eilte mit dem Gelde zur Tante. Der ſagte er, er bringe es vom Onkel. Er bezahlte die Schuld und ging dann zurück, um den Gefangenen frei zu laſſen.

Dieſen inzwiſchen traf er nicht mehr; die Nachbarn hatten endlich den Lärm gehört und ihn befreit. Die Unterſuchung wurde gegen den Neffen eingeleitet. So wurde er, da er zugleich Gewalt gegen die Perſon gebraucht hatte, vom Schwurgerichtshofe als Räuber zu fünfjähriger Zuchthausſtrafe verurtheilt und nach dem Zuchthauſe zun abgeführt. Dort beſchäftigte man ihn mit Cigarrendrehen. Da er ſich während des ganzen Tages er war kurzſichtig nach des Aufſehers Anſicht zu ſehr über die Arbeit beugte, und dies trotz wiederholten Verbots von neuem geſchah, faßte der Aufſeher ihn bei der Naſe und riß ſo ſeinen Kopf in die Höhe; darüber in Wuth ver⸗ ſetzt, ſtieß der Sträfling die Hand des Aufſehers zurück. Dafür ward er zu fünfzehn Hieben verurtheilt.

So erzählte er mir. Ich kannte die Disciplin, die im Zuchthauſe herrſcht, aber ich wußte auch, daß ein Aufſeher ein ſtrafwürdiges Benehmen des Züchtlings nur zur Anzeige bringen, aber nicht Hand an denſelben legen darf, es ſei denn, daß eine offenbare Widerſetzlichkeit ſtattfände; daher zeigte ich den Fall dem Director an; der aber antwortete:Der Aufſeher ſagt, er habe den Sträfling nicht angerührt, ich muß dem Aufſeher mehr glauben, als dem Sträfling! Dennoch wurden die Mitgefangenen vernommen, aber ſie ver⸗ ſicherten, nichts geſehen zu haben ſo konnte ich nichts für den Armen thun, als daß ich den Director bat, er möge ihn in eine andere Abtheilung verſetzen, damit er unter einen andern Auffeher käme, und möge ihm eine ſeinen Fähig⸗ keiten entſprechende Arbeit geben. Er verſprach wohlwollend beides und ſagte unaufgefordert, er werde ein ſcharfes Auge auf jenen Aufſeher haben.

Ich hatte bemerkt, daß Wilhelm zitterte das war nicht Furcht, das war Fieber, ich ſagte ihm das, er wollt' es nicht zugeben es war ein Wundfieber, erzeugt durch die wundgehauenen Stellen. Ich machte den Anſtaltsarzt darauf aufmerkſam, der lächelte und ſagte:Wenn ich alle nach dem Lazareth ſchicken wollte, welche von Hieben das Wundfieber haben, dann würde es die ganze Zuchthaus⸗Bevölkerung darauf anlegen, wo möglich alle Wochen Prügel zu erhalten, blos damit ſie ins Lazareth kämen und nicht zu arbeiten brauchten.

Wer ſich für den Züchtling intereſſirt, für den ſtehe hier noch die Mit⸗ theilung, daß er nach einiger Zeit im Büreau des Directors als Schreiber verwandt wurde, daß ſein Onkel bald darauf ſtarb, ihn im Teſtamente ent⸗ erbte und ihm nur ein Legat von zweihundert Thalern ausſetzte, damit er, wie es darin hieß, nach Amerika auswandern könne und der Familie nicht hier zur Schande lebe. den Senht aaig ehdein er ſeine Strafzeit abgebüßt, Gebrauch von

n Legat zu dem angegebenen Zwecke, ging nach Amerika, benutzte die Ge⸗ dnrden ernre wen eenederehe esbein e Aufenthalte in der neuen Welt, ein. de f leüf, naeß ie jähriaem

ein geachteter Geſchäftsmann und ein glück⸗ licher Gatte und Vater. A. v. S

Briefe und Sendungen ſind zu richten an die Redaction desDaheim in Leipzig, Poſtſtr. Nr. 2.

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Unter Verantwortlichkeit von A. Klaſing in Bielefeld, herausgegeben von Dr. Robert Koenig in Leipzig

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