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das unmittelbar traurige Nachſpiel des glorreichen Sieges zuerſt vor die Augen. Mein Weg führte bei einer langen Wagenreihe vorüber, auf der Schwerverwundete, auf Stroh dahingeſtreckt, lagen. Die meiſten waren von den Unſrigen; blutig und mit zerſchoſſenen Glie⸗ dern, denen bereits auf dem Schlachtfeld der erſte, nothdürftige Verband angelegt war, harrten ſie in todtenähnlichem Schweigen der Aufnahme ins nahe Spital. Still duldend, meiſt mit geſchloſ⸗ ſenen Augen, lagen die unglücklichen Opfer des Kampfes da, nirgends eine laute Klage, nur in nächſter Nähe manchmal ein ſchweres Stöhnen, ein leiſes Schmerzgewimmer— ein jammervoller An⸗ blick! Einzelne leichtverwundete Preußen und Dänen, wie verſöhnt nach ausgetobter Leidenſchaft, ſtanden dabei, angeglotzt von gaffen⸗ den Männern, Weibern und Kindern des Dorfes. Drinnen aber hatte unter der geſchickten Leitung des vortrefflichen Kieler Esmarch das ſchauerliche Werk des Schneidens und Amputirens ſeinen An⸗ fang genommen.
Vorbei bei dieſem entſetzlichen Bilde! In der friedlich ſonnigen
Abendlandſchaft draußen athmet die beklemmte Bruſt wieder freier auf. Von allen Seiten heimkehrende Stürmer; glücklich verſchont von der Sichel des Todes, ſiegſtrahlend und fröhlich, das„faule Geſchäft“ glorreich beendigt zu haben, ſuchen ſie ihre einzelnen Quartiere auf. Ich ſchloß mich einem kleinen prächtigen Fünfunddrei⸗ ßiger an, mit bärtigem, in der Sonne tiefbraun rothem Geſicht, krum⸗ men Reiterbeinen, Musketenlauf und Mütze mit Sträußen von Schlüſ⸗ ſelblumen geziert, und ließ mir ſeine ſpeziellen Heldenthaten erzählen: „Wie ick oben ruf komme, ſchießt ſo'n infamigter Danske uf drei Schritt det Gewehr uf mir ab un denn ſchlägt er de Hände übern Kopp zuſam⸗ men und ſchreit: Par⸗ duhn! Ick ſage: wart, verfluchtjer Hund; ick wer ihm det Parduhnſchrein verdreiben und dadermit renn ick ihm mits Hau⸗ bajonnet durch un durch! Unſern Hauptmann ſetzt jrade eener de Flinte vor de Bruſt, da ſchlägt ihm mei Unneroffizier mit den Kolben zuſammen un ſo jeht's vorwärts, immer druff! Ja, mir Preißen! mir kommen überall rin, aber wenn wir in ſo'ne Schanze jeſteckt hätten da wäre keen Deibel nich rinjekommen!“ u. ſ. w. Aundre, mit denen ich weiter ziehe, plaudern und ſchwadroniren in ähnlicher Weiſe.— Aus aller Augen leuchtet der Sieg und ſtolzeſtes Selbſtgefühl und ich glaube feſt, hätte man unſre Bataillone an dieſem Tage in der Begeiſterung und Trunkenheit des Sieges ſich ſelbſt überlaſſen, ſie wären, Gott weiß wohin, gelaufen und hätten mit ſtürmender Hand Sonderburg und ganz Alſen genommen und den nirgend vor ihnen mehr Stand haltenden Dänen ins Meer gejagt!
Völlig abgeſpanut von den wechſelnden Erregungen des Tages und todtmüde erreichte ich meine gaſtliche Fähre. Dort traf und be⸗ grüßte ich den Fürſten von Hohenzollern, der meinen geſunkenen Kräften in höchſt erfreulicher Weiſe mit einer Flaſche feurigen Bordeaux zu Hilfe kam. Bald ſaß ich in Geſellſchaft eines einjährig freiwilligen jungen Arztes aus Berlin in einer Stube vor den gewohnten Deli⸗ beeſen ehrſamen Wirthin und ließ mir von ſeiner heutigen traurigen Thätigkeit in den Verbandplätzen erzählen. Die höchſte Achtung aber auch vor dieſen Männern und ihren Gehilfen, vor der ſegens⸗ reichen Wirſamkeit und trefflichen Organiſation der Johanniter dun Parmherzigen Brüder belder Confeſſionen! Mit hingebendſter Aufopferung, immer in der Feuerlinie, hatten ſie ihr ſchweres Amt geübt an Freund und Feind, die die Noth alle, weß Landes auch, zu gleich hilfloſen, hilfeflehenden Menſchen gemacht hatte.
Am andern Morgen brachen wir in aller Frühe auf, um, was
uns leider Tags vorher nicht möglich geweſen war, ſo bald als thun⸗ lich das geſtrige Schlachtfeld zu beſichtigen. Im Gravenſteiner Schloß wimmelte es buchſtäblich von gefangenen Dänen; beſonders vollgepfropft war die dortige Schloßkapelle, die mit ihrem zopfig vergoldeten Schnitzwerk und Chorſtühlen, den ſchweren, von der Decke herabhängenden bronzenen Armleuchtern ꝛc. einen höchſt maleriſchen Hintergrund abgab zu dem bunten, regen Genrebild davor. In knäulförmigen Gruppen ſtanden die fuchsbärtigen, wettergebräunten „tappern Landſoldaten“ oder lagen ermüdet, wohl auch leicht ver⸗ letzt, an den Wänden auf Stroh umher. Ich unterſchied zwei ſich typiſch wiederholende Phyſiognomien: die einen trugen den unver⸗ kennbaren Stempel ſtumpfſinniger Deprimirtheit oder Indolenz gegen ihre ganze Umgebung und nur ausnahmsweiſe bewahrten ein⸗ zelne unter ihnen noch eine Spur jenes oft berichteten Trotzes und Fanatismus der Inſeldänen, die andern und meiſten aber, wohl Jütländer und Schleswiger, ſahen zufrieden, ja vergnügt aus, daß ſie dem geſtrigen Blutbade, wie dem aufreibenden Dienſt der letzten Wochen glücklich entronnen. Ich unterhielt mich mit Einzelnen, die gebrochen deutſch redeten, und alle wußten nicht genug zu erzählen von den übermenſchlichen Strapazen, beſonders wie ſie faſt allnächt⸗ lich wenigſtens einmal allarmirt und in die Schanzen geführt wor⸗ den ſeien. Es waren martialiſche Geſtalten, meiſt ältere Männer, Reſerviſten, die zum Unterſchied von den dunkelgrau bemäntelten jüngern Jahrgängen, in lauge, hellblaue, hochkragige Mäntel, über⸗ haupt gut gekleidet waren. Faſt alle letztern waren verheirathet und hatten zahlreiche Familien da⸗ heim. Solche waren denn auch vorzugsweiſe gleich bei Beginn des Sturmes übergelaufen, da ihnen jedes tiefere Intereſſe an dem Zweck des Krieges fehlte. In einem Zim⸗ mer des obern Stockwer⸗ kes lagen etwa 25 bis 30 leicht Bleſſirte, wüſt und durchwacht, auf dem Stroh an der Erde um⸗ her. Nachdem ich mir von einem derſelben zum An⸗ denken die bekannte dicke Kommisfeldflaſche gegen Erlegung eines„Rix⸗ dalers“ erhandelt hatte, beeilten wir uns, in einem von zwei muntern, wohlgenährten Grau⸗ ſchimmeln gezogenen Gefährt, auf den Kampfplatz zu kommen. Das Wetter war bedeckt und trübe, einzelne Regentropfen fielen, kurz der Morgen war der Situation ſo angemeſſen als möglich. So kamen wir an dem Ort unſrer Beſtimmung an und wie ſah es dort aus! Das ganze weite Terrain vor, in und um den Parallelen her be⸗ ſäet mit weggeworfenen Armaturſtücken, Bajonnet⸗ und Säbel⸗ ſcheiden, Patrontaſchen, ausgeleerten Torniſtern von Seehundsfell, beim Beginn des Gefechts hinter ſich geworfenen Spielkar⸗ ten, tauſenden von halbverroſteten däniſchen Musketen u. ſ. w. Die Kinder Iſrael können nicht eifriger das vom Himmel ge⸗ fallene Manna aufgeleſen haben, als wir uns daran gaben, uns mit dieſen Dingen zu beladen. Nicht lange, und ich war ſo bepackt und belaſtet, daß ich erſchöpft inne hielt und weder vor noch rück⸗ wärts kounnte. Die ſofortige Unmöglichkeit einſehend, mich ſo den ganzen Tag über weiter zu ſchleppen und in der Hoffnung, noch genng derartige Beute anzutreffen, warf ich, kurz entſchloſſen, den ganzen Ballaſt wieder über Bord und begnügte mich mit einigen Kleinigkeiten, mit denen ich meine Taſche füllte, als Granatſplitter, däniſche Patronen, Kartätſchkugeln, einer däniſchen Patrontaſche 8 dgl. Bald verkündeten einzelne Blutlachen die Annäherung an den eigentlichen Ort des Kampfes. Von vorübergehenden Soldaten hörten wir, daß die preußiſchen Todten ſchon in der Nacht meiſt fort⸗ geſchafft ſeien, daß aber droben noch Dänenleichen genug umherlägen.
Und ſo war es auch. Abermals war ein Moment gekommen, den
ich nicht ohne innern Schauder erwartet hatte und gegen den ſich,
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dahſ moc ſie, blut Aug gell ſcho trach lebe in ſtun ſolch
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