Jahrgang 
1865
Seite
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verordnet? Sie erlauben? Mit derſelben unverſchämt ironiſchen Miene legte er das Recept wieder hin und ſagte;charmant, wollen wünſchen, daß es beſte Wirkung thut. Der Herr Kollega wollen auf Schweiß wirken, rechnen, ſcheint's, auf eine ſtarke Natur, iſt dem Herrn Kollega vielleicht in ſeiner jungen Praxis noch nicht vorgekommen, daß bei Fieber zu ſtark ſchweißtreibende Mittel abſolut tödtlich wir⸗ ken können? Die Mutter des Doktors war vor Zeiten Kammer⸗ frau an einem Hof geweſen, ſein Vater Leibchirurgus daſelbſt, wes⸗ halb ſich der Doktor beharrlich einbildete, feine Hofſitten zu haben.

Bitte Ihnen, Herr Doktor, bat die Wirthin, in tödtlicher Verlegenheit hin- und herlaufend,es war nur ganz zufällig, der Herr Doktor Rau haben.... Innerlich kochend vor Aerger, zer⸗ riß Georg ſeine Verordnung und warf der Wirthin ein Halbgulden⸗ ſtück für die Zeche hin,ich bin weit entfernt, ältern Rechten entge genzutreten, ſagte er, ſich mühſam bezwingend,guten Tag.

Thut mir leid, Herr Kollega, ſagte der dicke Doktor, der vor der Thüre ſtand, mit der kühlen Ruhe des Weiſen, die einen Erzürn⸗ ten geradezu wüthend machen kann,bedaure, daß ich Sie nicht ein⸗ laden kann, mit mir zurückzufahren, aber mein Freund, der Arzt des ſpaniſchen Geſandten, hat mich gebeten, mich der Frau Gräfin Ro⸗ vera vorzuſtellen, die in dieſen Tagen wahrſcheinlich ihre neue Villa bezogen hat. Ich wollte nur zuvor meine Pferde hier füttern, wo ich leider den Herrn Kollega geſtört habe.

Ganz und gar nicht, brachte endlich Georg hervor ohne vor Aerger zu erſticken und machte ſich mit einer ſtummen Verbeugung Platz zur Thüre hinaus und die Treppe hinunter, wo er noch glaubte, die Mägde und den Bedienten des Doktors hinter ſich kichern zu hören; hinaus zum Dorf, wo er zufällig auf die rechte Straße kam, ihm wäre in dieſem Augenblick gleich geweſen, wenn er in den großen Steinbruch auf der andern Seite des Dorfs hinunter gerannt wäre.

Die Gedanken voll tiefer Herzeusbitterkeit, mit denen er heim⸗ wärts ſchritt, raſch und eilig um von dem verhaßten Doktor nicht eingeholt zu werden, ließen ſich ſchwer in Worte faſſen. Sein Aerger über den Freund, der ihm den fatalen Rath gegeben, über ſich ſelbſt, der ihn befolgt, über den Dicken, über die Wirthin, erweiterte ſich zum Aerger über die Menſchheit im Allgemeinen und über die ganze Miſerabilität ihrer Verhältniſſe. Selbſt der Gedanke an Marie verſtärkte nur ſeinen Haß über die Erbärmlichkeit, in der auch dies liebe Kind zu Grunde gehen müſſe.Kannſt Recht gehabt haben mit Deiner Ahnung, murmelte er vor ſich hin; wer weiß, ob ich nicht in Bälde der ganzen elenden Geſchichte ein Ende mache, mein eigner, beſtkurirter Patient!

Naſches Pferdegetrappel trieb ihn inſtinktmäßig, ſchnell zur Seite zu ſpringen im Augenblick, wo er die ſchönſte Gelegenheit gehabt hätte, ſich überreiten zu laſſen und ſo vielleicht mit Einemmale der ganzen Miſerabilität los zu werden.

Eine junge Dame auf einem prachtvollen ſchwarzen Roß ſprengte vorüber; lang herab floß das dunkle Reitkleid, mit ſchwarzem Sanumt ausgeſchlagen, auf dem ſchwarzen Hütchen wehte eine hochrothe Feder, im Fluge glaubte er ein wunderſchönes junges Geſicht, von ſchwarzen Locken umwallt, zu erkennen, aber ſie war vorüber wie ein Traum, ein wunderbarer, feenhafter Traum.

Ein minder traumartig ausſehender Reitknecht folgte im flinken Ritt der Fee, die ihn weit hinter ſich ließ. Aus dem leichten Wagen mit weißen Roſſen beſpannt, der nachfuhr, beugte ſich ängſtlich eine verſchleierte Dame, und eine Dienerin vom Rückſitz ſtieß in fremder Sprache einen Schreckeusruf aus.

Wie ein Traum war die glänzende Erſcheinung verſchwunden, ſo ungewohnt in den nüchternen, hausbacknen Umgebungen der klei⸗ nen Stadt.

Unwillkürlich hatte der Anblick der leuchtenden Geſtalten Georgs Aerger etwas abgekühlt, aber ein tiefes Grollen ſtieg wieder in ihm auf, im Gedanken, daß alle Schönheit und Poeſie des Da ſeins denn doch an den Beſitz, den leidigen, materiellen Beſitz ge bunden ſei.Glück und Liebe in der Hütte iſt ein lächerlicher Traum, fuhr er fort in ſeinen bittern Betrachtungen;daſſelbe Ge⸗

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ſetz, das dem Sumpfkraut nicht geſtattet, ſich zur königlichen Höhe der Pappel zu erheben, nach dem ſich der Vogel frei und leicht in den Lüften wiegt, während der Hamſter im Boden wühlt, daſſelbe gilt auch in der Menſchenwelt und hat die Looſe abgegrenzt. Muß ungemein leicht ſein, edel zu ſein und feinfühlend, auch ſanft und heiter, wenn man in einem ſolchen Wagen hinfliegt, murmelte er,es gibt freilich auch eine tugendhafte Zufriedenheit, eine be ſcheidne Art von Vergnügen für den Wurm, wenn er ſich ringelt im Sonnenſchein, und für den Froſch, wenn er quakt im Sumpfe, ich bin dazu nicht organiſirt.

In vollem Galopp ſprengte ein Reiter gegen ihn. Es war der Reitknecht von vorhin.Iſt nicht ein Doktor von der Stadt dieſen Weg gefahren? rief er in höchſter Eile.Dort, gegen den Hof zu; ſagte Georg lakoniſch und deutete nach der Richtung.Kann ich ihn nicht verfehlen? rief der Diener angſtvoll,unſre Komteß iſt ge⸗

ſtürzt und liegt im Sterben.Führt mich raſch hin, ſagte Georg, im natürlichen Drang zu helfen alles andre vergeſſend,ich bin ſelbſt Arzt, Ihr könnt den andern doch noch holen.Können Sie reiten? fragte der bedrängte Diener.Will's meinen. Der Diener ſtieg ab und half ihm aufs Pferd,grade aus auf der Land⸗ ſtraße, kann nicht fehlen; ich komme nach.

Georg hatte ſeine erſten Reitſtudien vor Zeiten in der Mühle gemacht und als Student nicht vernachläſſigt. Er durfte nicht zu weit reiten, an der Stelle, wo der Weg ſich gegen die neue Villa wandte, da lag die Feengeſtalt, die er ſo eben bewundert und beneidet, den blu⸗ tenden Kopf, der auf einen Steinhaufen geſchleudert worden war, auf dem Schoß der Kammerfrau, das lange Reitkleid im Staub der Straße, das Hütchen mit der hochrothen Feder weit weggeſchleudert, das ſchöne, junge Antlitz todtenbleich, die Augen geſchloſſen, das Pferd war fortgerannt, zur Seite hielt der Wagen, die Mutter war ausgeſtiegen und geberdete ſich wie unſinnig,hebt um Gottes willen das Kind in den Wagen und fahrt dem Schloſſe zu! ſchrie ſie, damit ihr Hilfe werde! denn der Kutſcher und die Kammerfrau hatten verſucht, die Blutende aufzuheben; ſie ſtöhnte ſchwer;Ihr bringt ſie um! rief die Gräfin wieder,laßt das Kind ruhig, ganz ruhig!

Und kein Arzt in dieſem verfluchten Lande! ſchrie ſie auf franzöſiſch, als zu unendlicher Erleichterung der rathloſen Diener⸗ ſchaft Georg angeſprengt kam und raſch abſtieg.

Die Noth des Augenblicks hatte alle nie geweckte Energie in ſeiner Seele wach gerufen.Sie eilen zum Schloß, befahl er der Kammerfrau,richten ein Bett ein und ſenden mehr Leute, die Kranke muß getragen werden! Sie, Frau Gräfin, ſetzen ſich hier an den Rain, ganz ruhig! daß ich den Kopf der Kranken an Sie anlehnen kann! Eine entſchiedne Stimme im Augenblick ſchwerer Noth iſt immer ein Segen. Willenlos folgte die Gräfin, ſachte ſorgfältig wurde das blutende Haupt au die Bruſt der Mutter gelehnt, die auf den ernſten Wink des juͤngen Arztes unbeweglich ſtille hielt.

1 EGlück, daß Georg mit der Sorgfalt junger Doktoren voll⸗ ſtändiges Berbandzeug bei ſich trug, und daß er es nicht vorhin in ſeinem Unmuth in den Bach geſchleudert hatte. Die Gräfin zuckte nur, als er mit ſcharfer Scheere die prächtigen langen Haare ab⸗ ſchnitt, um die Wunde blos zu legen; ſie ſchien ruhiger zu werden, als ſie ſah, mit er mit geſchickter Hand mit der Leinwand und Charpie in ſeinem Verbandzeug, mit ſeinem Tuch und dem Battiſttuch der Kranken für den Augenblick das Blut ſtillte und die Wunde verband. Mit eben der Sicherheit, die ſo plötzlich über ihn gekommen, kom⸗ mandirte er die Leute, die die Kammerfrau herbeigebracht; es lag noch Baumaterial nicht allzuweit entfernt, aus dem eine Trage ge⸗ fügt werden konnte, aus Kiſſen vom Wagen und aus dem türkiſchen Shawl der Gräfin wurde ein möglichſt bequemes Lager gebildet, die Bewußtloſe darauf gelegt, und vorſichtig unter der Leitung des Dok⸗ tors dem Schloſſe zu getragen. Zum erſtenmal ſeit ſie das neue dhan nun Tbeſinn ienſeah dir junge Herrin heute ausgeritten,

1 ensfroh, und ſo ſtill, nur von dem Jam⸗

mertönen der Mutter begleitet, hielt ſie ihren Einzug.

(Fortſetzung folgt.)

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