Jahrgang 
1865
Seite
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freute ſich an dem Gehämmer, Geklipper und Geklapper in der Mühle und er verſchmähte auch die ſchmalzgebacknen Küchlein und Fiſche nicht, mit denen die Müllerin werthe Gäſte bewirthete. Aber mit Marie wußte er nicht viel anzufangen, er kam ſich ſo viel geſcheidter vor, als das Schulmädchen, das in eine Dorfſchule ging, nur hie und da ließ er ſich noch herab, in ihrem eignen Gärtchen mitzuarbeiten, er brachte ihr einen Epheuzweig vom Wald, um ihn an ihrer Manei hinaufzuziehen und machte mit ihr Verſuche, durch ſorgfältige Ver⸗ pflegung gemeine Gänſeblümchen zu gefüllten zu machen, was zu großem Vergnügen der Kinder gelang. Marie hatte denn doch eine heimliche Freude, wenn der hochaufgeſchoſſene Schuljunge ſich mit ihr befaßte, obgleich ſie mit unbewußter Mädchenliſt ſich höchſt unbeküm⸗ merlich anſtellte; wenn die Mutter ſagte:heut kommen wohl Raus, wollen ſehen, ob ſie den Georg mitbringen, ſo meinte ſie ganz gleich⸗ giltig:iſt mir eins, ob der wilde Bub kommt, er verſcheucht nur allemal unſre Hühner und Enten.

Der Verkehr mit dem Tannenhof war aber nicht ſo gemüthlich

mehr als er geweſen, ein ſchlimmer Wurm hatte ſich in dem harm⸗ loſen Leben dort eingeniſtet: ein Familienprozeß. Ein dereinſt durch⸗ gegangener Bruder der Frau Rau war wieder aufgetaucht und machte

Anſprüche an das Gut geltend, die Raus nicht geneigt waren ihm

zuzugeſtehen. Das gab nun wöchentliche Reiſen in die Stadt zum

Advocaten, täglichen Aerger und Verdruß. So oft Rau wieder auf

die Mühle kam, war ſeine Stimmung reizbarer, ſeine Haltung ſchlaffer,

ſelbſt ſein ſonſt ſo wohlgepflegter Schnurrbart verwahrloſter. Seine

Frau gab alle vornehmere Haltung auf und weinte bitterlich im Ober⸗ ſtübchen bei der Müllerin über das viele Geld, das der Prozeß koſte, und den ſchweren Aerger und Verdruß, den ihr Mann dafür eintauſche.

Vergleichen, Gevatter, vergleichen, rieth der Müller,werft dem

Kerl in die Ribben, was er haben will, eh' euch der verfluchte Prozeß

das Herz abfrißt und Haus und Hof ruinirt, und Frau Rau nickte

ihm beifällig zu.

Soweit ſind wir noch lange nicht, ſagte Rau,wollen ſehen, wer's länger aushält, er oder ich, wo ich recht habe, da geh' ich keinen Vergleich ein.Gevatter,'s reut euch, warnte der Müller.Iſt mir eins, ſagte der Gutsbeſitzer.Selig ſind die Friedfertigen, ſprach in ihrer ruhigen Weiſe die Müllerin dazwiſchen,denn ſie werden Gottes Kinder heißen.Alles zu ſeiner Zeit, Frau Gevat⸗ terin, meinte der Gutsbeſitzer,habe gar nichts gegen die Religion, im Gegentheil, ich wollte, mein Schwager hätte mehr, ſo hätte er den Uufug nicht aufgebracht. Der ſoll friedfertig ſein, der hat's nöthig. Ich habe keine Händel angefangen, ich will mein Recht; es ſteht auch in der Bibel, daß Recht und Gerechtigkeit ſein ſoll auf Erden. Meinem Buben muß der Hof bleiben. Punktum! 5

Und Du wirſt ſehen, es frißt ihm noch das Herz ab, ſagte der Müller, als er am Abend nach einem ſolchen Geſpräch mit ſeiner Frau noch im Hof ſtand und der abfahrenden Kaleſche nachblickte, das hab' ich meinem Vater ſelig zu danken, daß ich mich in keinen Prozeß einlaſſe, der hat geſagt:An dem Tag, wo du zuerſt vor Amt

gehſt, um einen Prozeß anzufangen, da kauf' auf dem Heimweg beim ſten Seiler, einen Strick und häng dich dran, ſo iſt's mit Einem Verdruß abgemacht.

. Der Mülledin war dies eigenthümliche Rezept gegen Prozeßärger nicht eben einleuchtend; ihr Rezept aber war Schweigen, ſo ſagte ſie nur:Mit dem Rau kannſt Du recht haben, und ging nachdenklich in das Haus zurück.

Georg war heute mit da geweſen, er hatte ſich verabſchiedet, da er nun auf das Gymnaſium einer größern Stadt kommen ſollte; er und Marie hatten wenig Notiz von einander genommen; er fühlte ſich bedeutend als angehender Gymnaſiaſt, und der Abſchied war ziem⸗ lich kühl und verlegen geweſen. Des Vaters bedenkliche Worte über Georg's Vater fielen Marie aber ſchwer aufs Herz, ſie hatte bei dem Schulmeiſter einmal eine Abbildung des gefeſſelten Prometheus ge⸗ ſehen, und ſie mußte ſich nun, ſo lang ſie ihn nicht ſah, den Gutsbeſitzer fortwährend vorſtellen, mit ſo einem großen, ſchwarzen Vogel, der ihm auf dem Herzen ſaß und daran fraß.

Der Müller hatte nicht Unrecht gehabt. Es war drei Jahre nach dieſem Beſuch, da kam das blaue Wägelein langſam und traurig heimgefahren, der Müller und ſeine Frau, ganz ſchwarz gekleidet,

ſtiegen langſam ab und wurden von Marie mit Thränen empfan⸗ gen, ſie kamen vom Leichenbegängniß des Gutsbeſitzers auf dem Tannenhof.

Traurig und ſtill ſaßen ſie mit einander oben in der innern Stube um den Tiſch, an dem der Freund ſo oft mit ihnen geſeſſen. Der Müller wußte vielleicht kaum, was ihn denn eigentlich mit dem Gutsbeſitzer verbunden, und doch war's ihm, als ſei ein Stück von ſeinem Leben mit ihm gegangen; ſie hatten doch ſo lange Jahre Freud und Leid mit einander getheilt!

Und ich ſag' doch, es hat ihm das Herz abgefreſſen! ſag' ich, ſagte der Müller, ohne daß jemand zuvor etwas anderes behauptet hätte,man hat's ja all die drei Jahre her geſehen, wie er zuſehends abgenommen, ſein Rock iſt nur ſo an ihm herumgeſchlottert,und ſein Haar war nie mehr gekämmt, ſagte Marie,und der ſchöne Schnauzbart, fiel Kathrine, die langjährige Hausmagd, ein, die eben die Abendſuppe auftrug, nnd die ſich ſchon erlaubte, ein Wörtchen drein zu reden.Dummes Ding, zankte der Müller durch all ſeine Wehmuth,was Schnauzbart! das iſt das Unnöthigſte an ihm ge⸗ weſen, um den wär's auch nicht Schade geweſen, wenn er zu Grund gegangen. Da ſagen ſie nun, er habe das Gallenſieber in Weilburg geerbt; ja, geerbt! das Gallenfieber kommt von innen heraus.... Freilich, mein Vater ſelig hat ſchon zu uns g'ſagt: über euch krieg' ich's Gallenfieber, warf die unermüdliche Kathrine dazwiſchen. Kathrine, ſei ſie ſo gut und halt ſie's Maul! rief der Müller ärgerlich und in ſeiner Trauerandacht geſtört.

Die Müllerin war ſtill; ſie hatte die letzten Tage ganz auf dem Tannenhof zugebracht, hatte Pflege und Nachtwachen mit der armen Frau getheilt, die der Jammer ganz unfähig zu allem gemacht, ſie hatte den Ernſt des Todes wieder in furchtbarer Nähe geſehen. Der Kranke hatte ſie gern um ſich gehabt. Früher hatte er oft gemeint: Wär' mir ja alles recht an der Müllerin, nur das Frommſein nicht! Obwohl ſie Einem nicht beſchwerlich damit fällt, ſo ſieht man's doch ihren Augen an, was ſie denkt, wenn man's einmal ein Bischen nicht genau nimmt im Reden und Thun. Jetzt aber war ihm nicht nur ihre leichte Hand lieb und ihre ruhige, aufmerkſame Pflege, auch die ſtillen Augen und die wenigen ſanften, tröſtenden Worte, die ſie ſprach; er fühlte, daß ſie es ſo recht von Herzen gut mit ihm meinte, und wenn er nun mit leiſem Grauen fühlte, daß es gewagt iſt, ſich auf den Dieu des bonnes gens zu verlaſſen, auf den bequemen Glauben: wenn Einer ein ehrlicher Kerl iſt, ſo kann ihm Tod und Teufel nichts zu Leide thun, dann lauſchte er gerne den einfachen Sprüchen und Liederverſen, die ihr faſt unbewußt auf die Lippen traten.

Es war zu ſpät zu Beſprechungen und Erörterungen, zu ſpät, um eine Bekehrung in Form herbeizuführen, wie ſie fromme Ge⸗ ſchichten melden; wie lange die Pforte der Heimath offen bleibt für den Sohn, der ſein Gut ferne vom Vater verzehren wollte, wenn auch nicht in ſündigem Praſſen ob ihm der Vater entgegengeht, auch wenn er ſelbſt die Kraft nicht mehr hat, den Rückweg einzuſchlagen, das iſt das Geheimniß, das zwiſchen Gott und der Seele bleibt.

Einmal als die Müllerin dem Kranken eines der ſeligen Ver⸗ heißungsworte geleſen, das den Ueberwindern die Krone des Lebens verheißt, da ſchüttelte er leiſe ſein müdes Haupt und ſagte mit einem Anflug ſeines alten Humors:Gevatterin, von Kronen wollen wir ja nicht ſprechen, wollen froh ſein, wenn ich droben in einem Ecklein, unterkomme. Das war das letzte Wort, das er geſprochen, und daran hielt ſich die ſtille Hoffnung der Müllerin, während eine glänzende Leichenrede die vielfachen, häuslichen und bürgerlichen Tugenden des Vollendeten rühmte und die Frau Schultheißin die troſtloſe Wittwe mit dem baldigen, ſeligen Wiederſehen tröſtete,und was nur mein Mann ſelig für eine Freude haben wird, wenn er den Herrn R ſelig ſo bald wieder ſieht! Er hat immer ſo viel auf ihn gehalt Viel durchgemacht hat Ihr lieber Mann ſelig in der letzten Zeit,'s i wahr, viel Aerger und Verdruß mit dem Prozeß da, aber der Herr wird's ihm reichlich vergelten in der Ewigkeit; die mit Thränen ſäen, die werden mit Frenden ernten. Wie wird ſich nur mein Mann ſelig verwundern, wenn der Herr Rau ſelig ihm alles erzählt, wie Ihr Bruder, mit Reſpekt zu melden, es ihm ſo wüſt gemacht hat. Aberalsdann wird der Gerechte ſtehen mit großer Freudigkeit! Es wäre komiſch, wenn es nicht ſo traurig wäre, wie ſo gar leicht, manche Menſchen ſich die Verheißungen der Schrift zu eigen machen.

(Fortſetzung folgt.)

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