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Der Hänfling. Roman von Marie Sophie Schwartz.
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„Damit vehrte ich ihm den Rücken und ging.
„Am nächſtfolgenden Sonntag begleitete ich Dich und Eduard nach Korsväg.
„Ich hatte mir vorgenommen, nicht mehr an Patrick zu denken, ſondern die unwürdigen Gefühle, welche mich an dieſe in meinen Augen nur ſchlichte Perſönlichkeit feſſelten, auszu⸗ rotten.
„Ich wollte Eduard lieben und ſeine Gegenliebe erwerben.
„Letzteres war nicht ſchwer.
„Ich war ſchön und die Männer ſind körperlicher An⸗ muth gegenüber bekanntlich ſehr ſchwach.
„Euard verliebte ſich leidenſchaftlich in mich, mein Herz aber blieb kalt.
„Ich konnte trotz aller Anſtrengungen ihn nicht lieben. Je mehr Mühe ich mir zu dieſem Zwecke gab, deſto unmög⸗ licher ward es mir.
„Eine Laune des Schickſals war es, daß in demſelben Grade, wie Eduards Liebe zu mir ſtieg, meine Abneigung gegen Patrick ſich minderte.
„Ich erſchrak darüber und um mich vor einer Neigung zu retten, die ich verabſcheute, verlobte ich mich mit Eduard.
„Patrick kam nach einjähriger Abweſenheit ſchöner, ſtatt⸗ licher und männlicher, als er zuvor geweſen, wieder zurück.
„Von dieſem Tage an brannte mir der Verlobungsring am Finger und meine Stellung als Eduards Braut ward mir unerträglich.
„Ich war ſehr unglücklich bis zu dem Augenblick, wo Eduard durch ſeinen Schuß nach Patricks Hand alle Bande ſprengte, die mich an ihn feſſelten. Nun war ich frei, ſo glaubte ich, eigentlich aber ward ich dies erſt, als Eduard ver⸗ mählt war.
„Ich hoffte und erwartete, daß Patrick, nachdem er von der zuſgihobenen Verlobung Kenntniß erlangt, mich aufſuchen würde.
„Er mußte doch den Grund, welcher mich zu jenem Schritte bewogen, geahnt haben, gleichwohl hoffte und wartete ich vergebens.
„Endlich führte uns der Zufall zuſammen. Er ward Lehrer an der Schule in Sundſtadt und nahm ſeine Wohnung bei dem Rector Bodgren, wo ich Gouvernante bin.
„Wir trafen uns nun täglich, aber er hielt ſich entfernt. Den erſten Schritt konnte ich unmöglich thun.
„Es war eine bittere Zeit, wo wir zuſammen waren, ohne daß die Entfernung zwiſchen uns ſich minderte. Jeder Verſuch meinerſeits, unſere Stellung zu verändern, blieb zweck⸗ los. Als ich die Einladungskarte zu Deiner Hochzeit erhielt, reichte ich ihm dieſelbe.
„Er ſchien dadurch überraſcht zu werden und ſagte ganz ernſthaft:
„So bald! Eva iſt noch ſehr jung. Möge ſie recht verſtehen, Eduard glücklich zu machen, wie er verdient, es zu werden. Er beſitzt einen ſo edeln Charakter, daß er wehr als irgend Einer würdig iſt, von einem edeln Weibe geliebt
u werden. Eva iſt gut, aber ſie iſt noch ein Kind und kann ſich in der Gemüthsart ihres Gatten leicht irren.““
Er lobte Eduard!
„In dieſem Lobe lag für mich ein entſchiedener Tadel. So meinte ich und ich irrte mich auch nicht.
„Es giebt Augenblicke, wo er unbemerkt zu ſein glaubt und wo ſeine Augen mir mit einem Ausdruck folgen, welcher ſagt, daß er mich ſehr lieb hat. Was aber iſt es dann, was ihn fern hält? Es ſollte ihn doch nun Alles darüber aufge⸗ klärt haben, daß ich ihn von ganzer Seele liebe, daß er es iſt, der meinen Stolz gedämpft und mich gelehrt, daß wir für den Werth des Menſchen nur einen Gradmeſſer haben, nämlich die Bildung.
„Du, die Du glücklich, die du mit dem Mann vermählt biſt, welchen Du vergötterſt, ſage mir, wie ich Patrick dahin bringer kann, daß er das Wort:„Ich liebe Dich“ zu mir pricht!
„Armuth und Entbehrungen wären mir willkommen, da⸗ fern ich ſie nur um ſeinetwillen ertragen müßte.
„Das Leben laſtet ſchwer auf mir. Ich fühle mich feind⸗ ſelig und erbittert gegen die ganze Welt, beſonders gegen Alle, welche glücklich ſind.
„Leb wohl, meine liebe, kleine Eva. Bald ſehen wir uns, dafern Tante Marianne meine Anfrage, ob ich einige Wochen bei Euch zubringen darf, mit Ja beantwortet.
„Grüße Eduard und bitte ihn, wenn ich nach Antons⸗ berg komme, mich ohne Groll wiederzuſehen.
„Er hat ja durch die Auflöſung unſers frühern Verhält⸗ niſſes gewonnen, mit mir dagegen iſt dies nicht der Fall.
„Wie immer Deine Freundin Ella.“
Eben war ich mit der Lectüre dieſes Briefs fertig, als Jemand an ⸗die Thür des Cabinets pochte.
„Mach' auf, Eva!“ rief Eduard.
Wie angelegen ließ er es ſich ſein, Kenntniß von dem Inhalt des Briefes zu gewinnen.
„Ich wünſche noch eine Weile allein zu ſein,“ antwortete ich, indem ich mich, wiewohl vergeblich, bemühte, meiner Stimme den Ausdruck der Ruhe zu geben.
„Nein, nein, das wünſcheſt Du nicht! Es iſt das nur eine Laune von Dir. Laß mich hinein, ſonſt reite ich aus.“
Alle meine Gedanken und Gefühle waren auf den Ver⸗ druß gerichtet, den Eduards Ungeduld, Kenntniß von Ella's Brief zu erlangen, in mir erweckte, ebenſo wie auf den Aerger darüber, daß ſie nach Antonsberg kommen wollte.
Ich gab auf Eduards Aufforderung keine Antwort. Meine Abſicht war, ihn wohl einzulaſſen, aber nicht ſogleich jetzt, ſondern ſpäter. Er ſollte ſich gedulden und ſeine Bitte erſt mehrmals wiederholen.. 3
Ich irrte aber in meinen Vorausſetzungen. Eduard wie⸗ derholte ſeinen Wunſch nicht, ſondern entfernte ſich..
That er es, um auszureiten? Sofort zog ich den Riegel Prick und eilte hinaus in den Salon. Er war ſchon an der
hür des Vorhauſes.
„Eduard!“ rief ich.
Er blieb ſtehen.—
„Willſt Du etwas von mir?“ fragte ich.
„Ja, ich wollte Dir einen gemeinſchaftlichen Spajierritt vorſchlagen; Du wünſcheſt aber allein zu ſein und ich werde deshalb auch allein ausreiten.“—..
Er drehete den Schlüſſel um. Mit meinem Wunſche ſtimmte es jedoch nicht überein, daß er ſich entfernte, und ich hielt ih daher noch auf, indem ich fragte:.
„War es nichts Anderes, was Dich bewog, mich aufzu⸗ uchen?“ d„Meine kleine Eva, Du weißt, es iſt nicht meine Art, das Eine zu ſagen und etwas Anderes zu meinen,“ antwortete Eduard. fu „Alſo um mich zu einem Spazierritt abzuholen, kamſt Du?“ hob ich mißtrauiſch wieder an, indem ich zu ihm auf⸗ blickte. Sein Geſicht war ernſt und er betrachtete mich mit miß⸗ biligenden Büd dir ſo ge hab.
3, aube es Dir ſchon geſagt zu haben,“ entgegnete er, Ffuüih he Thür und verließ mich. Ich rief ihn noch⸗ mals, aber er ging die Treppe 1.
„Eile ihm nach und bitte ihn um Verzeihung,“ flüſterte das Herz, aber die einmal in Unordnung gerathenen Elemente meiner Seele riefen:„Nein, thue das nicht!“ und ich blieb, bis Hufſchläge mir verkündeten, daß er wirklich fortritt.
Nun ſprang ich, von Reue erfilllt, die Treppe hinunter.
Unter den Kaſtanien ſaßen Tante Marianne, Frau Brun und Stjernſkjöld. Letzterer las den beiden Damen vor.
Was ſollte ich da?—.
K Ich ging wieder hinauf, nahm meinen Hut und ging nach orsväg.
„Anders ſpricht ganz gewiß ſo, daß wieder Ruhe und Friede in meine Seele einziehen,“ dachte ich, kehrte aber wie⸗ der nach Hauſe zurück, ohne daß es mir gelungen war, mit Anders allein zu ſprechen.——
Eduard war noch nicht wieder da und wir ſoupirten, ohne daß er zum Vorſchein gekommen wäre..
Es war dies etwas ganz Neues. Er pflegte ſonſt nie ohne mich wegzubleiben, ausgenommen wenn ſeine Geſchäfte ihn dazu nöthigten.
Auf Antonsberg war dies noch nie ein einziges Mal ge⸗
ehen. ) h. ährend wir aßen, ſagte Tante Marianne zu mir:


