767 Kleines Roman⸗Magazin.
fort. Zum Abſchluß der Feierlichkeit geht jeder Hausvater um 2 Uhr des Morgens am fünſten Tage mit einem Korbe, in dem Aſche, ein Kerzchen und ein Räncherkerzchen enthalten ſind, vor die Hausthür auf die Straße, kniet dort nieder und ſchüttet den Inhalt aus, wor⸗ anf er in ſein Haus zurückkehrt, ohne einen einzigen Blick nach rüdwärts zu wenden, was ihm ſicher Unglück bringen würde, wie man denn überhaupt mit ängſtlicher Genauigkeit auf die Erfüllung aller vorgeſchriebenen Gebräuche hält, in deren Vernachläſſigung man ein böſes Omen ſehen würde.
Daha, die Troglodytenſtadt. Seit dem Jahre 1810, in welchem Morrcroft dieſe Tibetaniſche Stadt beſuchte, iſt ſie von keinem Europäer betreten worden. Erſt im Anguſt 1865 gelang es dem Kapitän Bennet auf einer Jagdexkurſion, bis zur Hauptſtadt Daba vorzudringen. Als der Reiſende auf den ihm als Daba be⸗ zeichneten Punkt von der Höhe herabblickte, ſah er zuerſt den mit ganz blutrothen Färben überſtrichenen Lama⸗Platz. Er erhielt den Eindruck einer großen Stadt mit Thürmen und Zinnen, aber als er näher kam, überzeugte er ſich, daß dies natürliche Felſen ſeien, durch Maſſengewalt in ſrüheren Zeiten ausgewaſchen und unterwühlt, und nun von Menſchenhänden ausgehöhlt und zu Wohnungen ein⸗ gerichtet. Eine Stelle, wo die Klippen nahe an einander treten, zeigte ſich als Thor oder Eingang der Stadt und Bennet ſah von ſeiuem Standpunkt aus enge und gekrümmte Straßen, in denen einige niedrige ausgehöhlte Felsblöcke das Anſehen von Kramladen hatten und weiß übertüncht waren. Kein Bau aus Backſteinen oder anderen Steinen war zu ſehen, alle Wohnungen waren von unten her in den Fels gegraben und erhielten ihr Licht durch künſtlich durch die äußern Felswände getriebene Oeffnungen. Bennet be⸗ ſchreibt die Gegend als höchſt unfruchtbar. Es friert das ganze Jahr hindurch allnächtlich und ſtets weht ein kalter Wind; auffal⸗ lend iſt der gänzliche Mangel an Schnee, der nur die höchſten Bergreihen bedeckt.
Die Anſarier. Es iſt dies eine wenig bekannte Sekte in Syrien, deren Urſprung aus Perſien hergeleitet wird, in den Ge⸗ genden zwiſchen Tripoli und Adana. Sie ſind ſämmtlich Ackerbauer
rund würden ohne Zweifel ihre Berge verlaſſen und ſich in den
Ebenen anbauen, wenn ſie nicht fortwährend den Verfolgungen ſei⸗ tens der Mohammedaner ausgeſetzt wären. Von ihrer Religion weiß man nur, daß ſie durchweg myſteriös iſt. Mit dem 18. Jahr werden die jungen Männer in dieſe Myſterien eingeweiht, nachdem ſie von den Scheiks dazu vorbereitet ſind. Die Frauen ſind von jedem Religionsunterricht ausgeſchloſſen. Nie hat ein Anſarier ſelbſt unter den härteſten Martern die Geheimniſſe ſeines Glaubens verrathen. Dreimal täglich verrichten ſie, den Blick nach Oſten ge⸗ wandt, unter freiem Himmel ihr Gebet, und wenn ſie in ſolchen Augenblicken ein unreines Thier erblicken, ſo wird das Gebet un⸗ gültig. Polygamie und Ehebruch ſind erlaubt; Heirathen werden durch Vermittlung und Genehmigung des Mokkaddem, des Civil⸗ oberhaupts des Bezirks, geſchloſſen, welcher ſich die Einwilligung, je nach den Vermögensumſtänden der zu Trauenden höher oder niedriger, bezahlen läßt. Die Zahl der Anſarier wird auf etwa 64,000 beſtimmt.
Afrika.
Afrikaniſche Ameiſen auf St. Helena. Der neueſte Band der Londoner„Verhandlungen der Entomologiſchen Geſellſchaft“ enthält einen Bericht über die beunruhigenden Verheerungen einer kleinen Ameiſen⸗Art, welche vor ungefähr zwanzig Jahren von der Weſtküſte Afrika's in St. Helena eingeſchleppt wurde. James⸗Town wird als von dieſem verheerenden Inſect„verwüſtet“ geſchildert; alles Holzwerk der Kathedrale, der Bibliothek und in der That der
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ganzen Stadt iſt verzehrt worden. Was die von dieſen Inſecten angegriffenen Bücher betrifft, ſo machte man die Beobachtung, daß ſie zuerſt die theologiſchen Werke anfielen, wahrſcheinlich weil dieſe ſeltener benutzt werden, als Werke leichter Literatur. Das einzige Holz, das ſie nicht verzehren, iſt Teak, ſie durchbohren es aber, um zu einem andern, ihrem Geſchmack zuſagenden Holze zu gelangen, wenn ſich zufälligerweiſe ein ſolches hinter demſelben befindet. Selbſt Zinn⸗Capſeln gewähren keinen Schutz, wenn ſie Roſtflecken haben, denn die Ameiſen erzwingen ſich an den Flecken ſogleich einen Ein⸗ gang und verzehren den Inhalt. Bis jetzt beſchränken ſich ihre Verheerungen noch auf James⸗Town; thut man ihnen aber nicht Einhalt, ſo wird es nicht mehr lange dauern, bis ſie ſich über die ganze Inſel verbreitet haben. Die Statthalterſchaft, die ſich der Sache ſehr annimmt, weiß nicht, wie man dieſer Verheerung Schran⸗ ken ſetzen kann, die bereits einen Verluſt von einigen tauſend Pfd. Sterl. veranlaßt hat; ſollte daher jemand ein Mittel angeben kön⸗ nen, ſo würde damit den Bewohnern St. Helena's eine weſentliche Wohlthat erwieſen werden.
Kohlen in Natal. Die Geologen haben Südafrika oftmals eine Art urzeitlichen Landes genannt, das weniger Beweiſe von Veränderung, Erhebung und Senkung zeige, als andere Theile des Erdballs, und dem es an Steinkohlen und Kalkſtein mangele. Allein innerhalb der letzten zwei Jahre hat man in Natal Kohlen in be⸗ trächtlicher Menge entdeckt, auf einer weiten Bodenfläche, von wel⸗ cher ein Theil 120 engliſche Meilen von dem Meere entfernt iſt. Auf ihre Beſchaffenheit läßt ſich ans dem Umſtande ſchließen, daß die Hufſchmiede in den benachbarten Theilen der Colonie ſie be⸗ nutzen. Ferner hat erſt kürzlich auch Dr. Mann an verſchiedenen Oertlichkeiten Kalkfelſen entdeckt, und zwar am Buſchmann⸗Fluß, dann in der Nähe des Meeres au der Südgrenze der Colonie; letztere enthalten Foſſilien, die mit den in Europa gefundenen Arten identiſch ſind. Eine der Ablagerungen, ungefähr zwanzig engliſche Quadratmeilen, wurde von Dr. Sutherland, dem General⸗Inſpector, entdeckt, welcher ſie als metamorphiſchen Kalkſtein ſchildert, der ſtellenweiſe dem von Carrara gleiche.
Auſtralien.
Der größte Krater der Erde. Das iſt der Kilauea auf der Inſel Havaii im Sandwichs⸗Archipel. Seine Tiefe wechſelt zwi⸗ ſchen 600 und 1200 engl. Fuß, je nachdem er mehr oder weniger mit flüſſiger Lava gefüllt iſt. Sein Umfang überſteigt ſieben und eine halbe engl. Meile. Ein Reiter kann mehrere Meilen weit am Krater hinreiten und ſeine Blicke in den theils ſchwarzen, theils glühenden Abgrund verſenken, während er zugleich ein Aechzen, Pfeifen und dumpfes Donnern hört, verbunden mit dem Knattern und Krachen zerreißender Lavaſchichten und dem ſurchtbaren Knall zerſpringender Felſen und entweichender Gaſe. Er ſieht zugleich Springbrunnen von Feuer, rauchende Kegel, Stöme von glühenden Stoffen, erleuchtete Höhlen, weiß glühende Oefen, kochende Teiche, Seen von geſchmolzenem Metall, und das Alles tauſend Fuß tieſ. Aus dem Mittelpunkte des Kraters und aus unzähligen Oeffnungen, Riſſen und Spalten erheben ſich ſtoßweiſe Dämpfe, Gaſe und Rauch und enthüllen die Exiſtenz eines ungeheuren unterirdiſchen Feuers. Der erſte Ausbruch des Kilauea, der beobachtet wurde, war der von 1823. Der großartigſte fand 1840 ſtatt. Bis auf zehn engl. Meilen vom Meer floß die Lava unterirdiſch, dann trat ſie als Feuerſtrom zu Tage, verbreitete ſich gleich einer Ueberſchwemmung über das Land, verbrannte die Wälder, ſührte große Felsblöcke und Erdmaſſen mit ſich fort und ſtürzte ſich endlich als ein Feuerſturz von der Breite einer engl. Meile 30 Fuß hoch in's Meer hinab.
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Verantwortlicher Herausgeber: Otto Janke in Berlin.
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