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Sein oder Nichtſein. Roman von Marie Sophie Schwartz.
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kunft, wenn das Unternehmen, wie ſich mit Gewißheit anneh⸗ men läßt, nicht rentirt.“ 1 „Wir dürfen nichts annehmen oder vorausſetzen!“ rief Florence. Wir müſſen das Grundſtück ſogleich kaufen.“— Wieder folgte ein Thränenſtrom, Krämpfe und Ohn⸗ machten.
zu können, mit ihren Ohnmachten aufhörte.
Der Banquier paßte die Gelegenheit ab, zog ſich aus dem Spiele und ließ den für die Gefühlsausbrüche ſeiner Mama nicht ſehr empfänglichen Sohn ihre Klagelieder ge⸗ nießen. Wir folgen dem Beiſpiel des Banquiers und gehen, um einen Beſuch auf Stenvik zu machen.
Es war am Morgen nach der Ankunft des Banquiers in Nygard..
Die Webſtühle waren in vollem Gang. Thätigkeit und Leben herrſchten in dem Fabrikgebäude, an welchem wir jedoch vorbeigehen, um einen Beſuch in der Wohnung des Beſitzers zu machen. Das Haus, in welchem dieſelbe ſich befindet, iſt nur ein Stockwerk hoch, und enthält fünf Zimmer mit Küche, nebſt zwei Bodengiebelzimmern. ie fünf Zimmer werden von Mr. Richſon und deſſen Gattin bewohnt. In dem einen Giebelzimmer wohnt Rich⸗ ſon's Sohn Folke, und in dem andern ſein Compagnon William Hondern.
Letzterer iſt geborener Engländer, und Onkel von Rich⸗ ſon's Frau. Er iſt einige fünfzig Jahre alt, lang, mager und von echt britiſchem Aeußern. Er ſprach wenig und arbeitete fleißig ſechs Stunden täglich. Er begnügte ſich mit ſeinem Zimmer, hatte wenig Bedürfniſſe, aber verſchiedene Gewohn⸗ heiten, von welchen er nicht abging.
Zu dieſen Gewohnheiten gehörte auch die, daß er den anzen Vormittag arbeitete, des Nachmittags aber ruhte und in Geſellſchaft einer Flaſche Sherry ſich die Zeit mit Tabak⸗ rauchen und Lectüre vertrieb.
Richſon war das Gegenſtück zu ihm. Zehn Jahre jünger, lebhaft und energiſch, gönnte er ſich keine Ruhe. Er arbei⸗ tete Tag und Nacht, an Werkel⸗ wie an Feſttagen, und fand ſeine Befriedigung nur in der Arbeit. Da er ſelbſt ſoviel leiſtete, ſo forderte er auch viel von Andern und war daher ein ſtrenger Haus- und Arbeitsherr, dabei aber auch gerecht und, wenn es galt, hülfreich.
Einen müßigen Augenblick gab es bei ihm gar nicht. Des Morgens am zeitigſten auf, ging er Abends zuletzt zur Ruhe. Während Hondern ſeine Cigarre rauchte und ſeinen Sherry ſchlürfte, fuhr Richſon fort, zu arbeiten und den ein⸗ undzwanzigjährigen Sohn zu gleicher, raſtloſer Thätigkeit an⸗ zuhalten. Zuweilen, wenn der Vater den Sahn allzuſehr antrieb, pflegte Hondern zu ſagen:
„Aber Richſon, gönne doch dem Knaben einige Ruhe. Du ſtrengſt ihn allzuſehr an und ſeine Kräfte werden er⸗ ſchöpft ſein, 5 er noch richtig in die Mannesjahre eintritt.“
Richſon antwortete daun:
EEr iſt das Kind eines Arbeiters und die Arbeit muß ihm Vergnügen, Ruhe und Glück ſein.“.
Der junge Richſon ſchien ſich auch vollkommen in dieſe Anſicht eingelebt zu haben.
„Er war ſtark und kräftig gebaut, ſchlank und muskulös mit einem ſchönen, männlichen und ernſten Geſicht und ſcharf und hell blickenden Augen.
Seeine Lippen wurden ſelten von einem Lächeln gekräuſelt; die Stirn hatte ein gedankenvolles Gepräge und der Ausdruck jugendlicher Heiterkeit, Lebhaftigkeit und überwallender Lebens⸗ luſt fehlte vollſtändig. Man ſah, daß er ſich zu einem Mann von eiſernem Charakter entwickeln würde. Stolz und un⸗ beugſam war er der Sklave ſeiner eigenen Unbeugſamkeit. Welche Macht die Gefühle und Leidenſchaften einmal auf ihn ausüben würden, dies war unmöglich im voraus zu beſtimmen.
Jetzt war er gleichgültig gegen die Freuden der Jugend. Er verſtand nicht die Lockungen des Lebens; er verſtand blos den
Werth der Arbeit. Alter, mit dem nicht darnach zu
Auch hatte er Niemanden von gleichem er hätte umgehen können, und er ſchien auch
ſuchen. ℳ
So trieb es die Frau des reichen Mannes fort, bis Arthur wieder nach Hauſe kam, wo ſie, um ſich beklagen
Seit ſeinem elften Jahre zu ſtrenger Arbeit angehalten, und in puritaniſcher Einfachheit erzogen, kannte der junge Richſon nur einen Zeitvertreib, nur einen Troſt— die Arbeit. Das Leben war ihm zur Arbeit gegeben und wie war es ihm da möglich, eine einzige Stunde in Unthätigkeit zuzubringen?
Wenn dieſe Erziehung in ihm eine innige Liebe zur Thätigkeit erweckte, ſo war ſie doch auch geeignet, ihn einſeitig zu machen und Fehler zu nähren, welche auf ſehr verhängniß⸗ volle Weiſe in ſein Leben eingreifen mußten.
„Durch Arbeit kannſt Du Dir Reichthum, durch Reich⸗ thum Macht und Ehre ſchaffen.“
Dies war es, was er von ſeinem Vater gelernt hatte. Die Arbeit war ſonach Geld, und Geld war wiederum Frei⸗ heit und Glück.
Eigenliebe, Selbſtvertraten und Unduldſamkeit gegen Alle, die nicht ſo dachten, wie er, waren Fehler, die zeitig bei ihm zu Tage traten.
Er hatte eine geringe Meinung von allen Kenntniſſen und jeder andern Ausbildung als der induſtriellen, weil man ſich durch dieſe Vermögen erwerben konnte. Wiſſenſchaftliche Bildung, literariſches Verdienſt, geiſtige Ueberlegenheit, was war dies Alles? In ſeinen Augen nichts. Das Praktiſche war Alles.
Folke Richſon hatte auch ſelbſt eine in intellectueller Hinſicht mangelhafte Erziehung genoſſen. Allerdings hatte er drei Sprachen gelernt, aber blos, um ſich bei Geſchäftsver⸗ bindungen derſelben bedienen zu können. Er war ein geübter Rechner, ſchrieb eine zierliche Hand und war geſchickt im Maſchinenzeichnen; damit aber war auch der Vorrath ſeiner Kenntniſſe erſchöpft.
In der Geſchichte und Geographie war er ſo unwiſſend wie ein Kind, ehe es in die Schule kommt. Seine ganze Lectüre beſtand darin, daß er einige techniſche Journale ſtuͤdirte und die Zeitungen las.
Er kannte alle neueren Erfindungen und wußte, wie die größeren Fabriken eingerichtet waren. Er kannte die Stellung der Arbeiter und das Reſultat der verſchiedenen Behandlungs⸗ weiſen. Er wußte, welche Webereien und Spinnereien mit dem geringſten Arbeitsperſonal am meiſten produzirten u. ſ. w. u. ſ. w.
Sein Vater hatte während ſeiner Knabenjahre ſtets ge⸗ ſagt:
„Du brauchſt nichts weiter zu lernen, als was das Fach betrifft, welchem Du Dich widmen wirſt. Wie die Welt vor Deiner Zeit ausgeſehen, und was die Menſchen damals ge⸗ macht, welche Könige regiert, was für Kriege die Erde ver⸗ heert haben, dies zu wiſſen, iſt für einen Gewerbtreibenden unnütz und Du darfſt damit keine Zeit vergeuden.“
Folke that dies auch nicht.
Es iſt Sonntag. 4
Die Fabrik ſteht ſtill. Hondern ſitzt in ſeinem kleinen Giebelzimmer an dem geöffneten Fenſter, raucht ſeine Cigarre und ſtudirt die Zeitungen. In dem Comptoir ſitzt Richſon und arbeitet.
In einem kleinen hellen und ſchönen Zimmer, rechts von dem Salon, finden wir Frau Richſon und Folke. Jane Richſon hat ein engliſches Geſicht, bleich, ſanft und ernſt. Sie iſt einige dreißig Jahre alt. 1 Ddiie noch ſchöne Frau ſitzt in einem Rollſtuhl, der mit einem Mechanismus verſehen iſt, ſo daß ſie ſich und den Stuhl von einem Theil des Zimmers nach dem andern ver⸗ ſetzen kann. Jane iſt nämlich ſeit einigen Jahren gelähmt und kann nicht gehen. 1
Sie trägt ihr Schickſal mit ruhiger Ergebung, denn ſie i*ſt, wie die meiſten Engländer, im höchſten Grade religiös.
Mit einem Manne vermählt, der über den weltlichen Intereſſen die höheren vergaß, hatte Jane tiefen Kummer empfunden, daß ſie nicht im Stande geweſen war, ſein Herz zu Gott zu lenken. In demſelben Grade aber, wie dieſe
Bemühungen mißglückten, ward ihre eigne Gottesfurcht wär⸗* 8
mer und inniger. Sie liebte ihren Gatten aufrichtig, und ebenſo liebte ſie
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