bunal oder die geſetzliche Penſion angeboten wurde. Hierauf erwiderte Lette mit aller Ehrfurcht, aber auch im Gefühle ſeiner Manneswürde: daß er, ſo ſchmerzlich es ihm auch falle, den von hoher Seite ausgeſprochenen Wunſch nicht erfüllen könne, theils mit Rückſicht auf ſeine Verhältniſſe, hauptſächlich aber wegen ſeiner Ehre, die er ſeinen Kindern unangetaſtet hinterlaſſen wolle, die aber in der allgemeinen Meinung befleckt erſcheinen müſſe, wenn er nach der Art und Weiſe, wie er aus dem Staatsrath und Landes⸗Oekonomie⸗Collegium entfernt ſei, nun freiwillig von ſeinem Amte zurückträte, was einem Geſtändniß ſeiner Schuld gleichkom— men würde. Dieſe offene und entſchiedene Sprache machte ſelbſt auf die reactionären Miniſter von Weſtphalen und Simons einen ſo günſtigen Eindruck, daß ſie von jedem weiteren Schritte abſtanden und dem Könige in dieſem Sinne Bericht erſtatteten. Seit Eintritt der neuen Aera iſt Lette in keiner Weiſe mehr an⸗ gegriffen oder mit Anklagen beläſtigt worden.
Für dieſe Widerwärtigkeiten entſchädigten vielfache Beweiſe der Liebe und Anerkennung von Seiten des Volkes, dem er nach wie vor ſeine Thätigkeit als Abgeordneter und Vorſitzender der meiſten Berliner gemeinnützigen Geſellſchaften widmete. In der Kammer,
in der er ſeit 1858 ununterbrochen ſitzt, hat er an der Mehrzahl
der wichtigeren Geſetze über die ländlichen Verhältniſſe und an den Anträgen wegen der Reform der Kreis⸗Ordnung den größten Antheil, während er im Norddeutſchen Reichstag in allen Fragen mit der national-⸗liberalen Partei ſtimmt. Seine größte und ſegensreichſte Wirkung aber entfaltet er auf dem Gebiete der ſocialen Praxis. Außer den genannten Inſtituten verdanken ihm
noch die bekannte„Peſtalozzi⸗Stiftung“, der große Berliner „Handwerker⸗Verein“, der„Frauen Verein für Fröbel'ſche Kinder⸗ Gärten“, der„Central⸗-Darlehn⸗Caſſenverein“, der„Verein für Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geſchlechts“ und noch viele andere wohlthätige Anſtalten entweder ihre Gründung oder ihr Fortbeſtehen unter ſeiner Leitung. Mit einer Aufopferung ohne Gleichen ver⸗ bindet Lette ein ſeltenes Organiſations⸗Talent, den feinſten Taect, die genaueſte Kenntniß der Perſonen und Zuſtände, ſo daß er in I der That zum Vorſitzenden geſchaffen ſcheint, indem er die Debatte mit Würde zu leiten, die Gegenſätze durch ſeine Milde zu ver⸗ ſöhnen und das Gute durch ſeine unermüdliche Ausdauer zu för⸗ dern weiß. Wenn man in Berlin der Sitzung irgend eines wohlthätigen Vereines für das Gedeihen und die Fortbildung des Volkes bei⸗ wohnt, ſo wird man gewöhnlich auf dem Ehrenſitze des Präſidenten einen älteren, kleinen, elaſtiſch beweglichen Herrn erblicken, deſſen faltenreiches intelligentes Geſicht einen hohen Grad von liebens⸗ 1
würdiger Gutmüthigkeit und herzgewinnender Humanität bekundet. Das iſt der Präſident Lette, unſer Präſident, wie man allgemein in Berlin ihn nennt; denn er iſt geliebt, geachtet und im ſchönſten, beſten Sinne„populär“ bei Hoch und Niedrig, bei Arm und Reich, im Palaſt ſeines Königs und in der Werkſtätte des Arbeiters. Das iſt unſer Präſident Lette, der als Greis noch hält, was
er als Jüngling einſt gelobt hat, für die Einheit des Vaterlandes und das Wohl des Volkes zu leben und zu wirken. Max Ring.
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Das Erkennungszeichen. Von A. Schluß.)
Mit bebender Hand ergriff Helene das Päckchen, welches Schaumberg ihr entgegenbot, riß es auf und durchflog mit glü⸗ hendem Blick die drei Briefe, welche er dem Etui beigelegt hatte. Eine flammende Röthe bedeckte ihr Geſicht.„Und die ſe Briefe,“ rief ſie, kaum des Wortes mächtig,„dieſe Briefe glauben Sie von mir geſchrieben?“
Es lag ein ſolcher Ausdruck empörten Gefühls in ihren Worten, daß Schaumberg betroffen zuſammenzuckte.
Helene bebte an allen Gliedern.„Der Glaube, daß ich dieſe Briefe geſchrieben, war es alſo, der Sie damals zu mir geführt?— nein, mein Herr! ich gebe Ihnen Wort und Eid, daß dieſe Blätter und ihr Inhalt mir fremd ſind und waren— und nun, verlaſſen Sie mich!“
„Vergebung, Helene, Verzeihung für eine Anmaßung, die, ich fühle es, Ihnen unerhört erſcheinen muß, für die ich keine Erklärung, keine Entſchuldigung habe, als— daß einſt—“
„Sprechen Sie es nur aus!“ ſagte die junge Frau, und ihr Auge blitzte vor Leidenſchaft—„ſprechen Sie es aus, daß mein Benehmen gegen Sie mit dieſen Briefen gleichen Schritt gehal⸗ ten! Aber vergeſſen Sie dabei Ihre eigene Haltung nicht! Wenn, ehe ich Sie noch kannte, mein Auge zuweilen zu Ihnen hinüber⸗ irrte, ſo traf es ſtets das Ihrige, und als ich Sie kennen lernte, lag da nicht von der erſten Stunde an in Ihrem Blick, in Ihrem Ton eine Wärme— freilich ſahen Sie in mir ſchon damals die Frau, die Ihnen rlückſichtslos entgegengekommen war! Warum es leugnen,“ rief ſie plötzlich, und ihre ſprechenden Züge ſtrahlten ein inneres Feuer aus—„ich habe Sie geliebt, mit der ganzen Kraft meines bis dahin ſtummen Herzens geliebt, das ſich's nicht träumen ließ, nur der geringgeſchätzte Spielball geſchmeichelter Eitelkeit zu ſein!“
„Nicht weiter, Helene!“ fuhr Otto heftig auf.„Sie dürfen, Sie ſollen mich nicht tiefer demüthigen, als ich verdiene! Daß ich mich, allzu leichtgläubig, einem Irrthum hingab, der Ihr Selbſtbewußtſein tief verletzen muß, empfinde ich ätzend genug, mein Gefühl für Sie laſſe ich aber nicht in den Staub ziehen! Auch ich habe Sie geliebt, habe mit leidenſchaftlicher Gluth an Ihrem Bilde gehangen, und Niemand weiß, was es mich gekoſtet hat, mich von Ihnen loszureißen, nachdem die Ueberzeugung ſich
in mir befeſtigte, daß ich der Mann nicht ſei, Ihr dauerndes
Godin.
Glück zu begründen. Nie, der Himmel ſei mein Zeuge— habe ich gering von Ihnen gedacht; was ich bei einer Andern miß⸗ billigt hätte, das erhielt, von Ihnen ausgegangen, eine Weihe,
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denn ich kenne Ihre große, makelloſe Seele, Ihre weite, von allem Kleinen befreite Auffaſſung des Lebens und ſeiner Güter! Nie habe ich Ihrer anders gedacht, als mit Ehrerbietung und Wärme— laſſen Sie mich nicht jetzt von Ihnen gehen mit dem Bewußtſein, daß Sie mir zürnen, daß Sie ſich von der Erin⸗ nerung an mich unwillig abwenden werden!“ Helene blieb ſtumm. Sie raffte das Etui und die Briefe auf und reichte ſie Schaumberg hinüber, ohne ihn anzublicken. „Muß ich Sie verlaſſen, ohne Ihre Vergebung mit mir zu nehmen?“ ſagte Otto weich, indem er die Hand gegen ſie aus⸗ ſtreckte. Ein heftiger Kampf wogte in Helenens Bruſt, ihr Athem flog, endlich wandte ſie ſich Otto zu und ſah ihn an— es war der alte Blick der Liebe, ſie faßte ſeine Hand und ließ ſie wieder nach leiſem Druck, indem ſie flehend ſagte:„Gehen Sie jetzt— vergeſſen werden wir uns nicht!“. An der Thüre wandte ſich Otto noch einmal nach ihr um; ſie lächelte ihm traurig zu. Am Abend deſſelben Tages umſchloß das Poſtpacket jenen am Morgen geſchriebenen, an den Major von Feldheim adreſſirten Brief. Helene hatte ihn einige Stunden nach Schaumberg's Beſuch geſchloſſen; eine Thräne war auf das heiße Wachs ge⸗ fallen. 4
Als ſich der Wagen dem Poſthauſe näherte, ſah Schaumberg— ſeinen Schwiegervater mit großen Schritten vor demſelben auf und ab gehen. Dies Zuſammentreffen erſchien ihm in ſeiner gegenwärtigen Stimmung nichts weniger als angenehm; er wußte, daß er, von dem wortreichen Manne begrüßt, ſo bald nicht los⸗ kommen werde, und er ſehnte ſich unbeſchreiblich nach Hauſe, nach Eliſabeth.
Als ihn jedoch der alte Herr beim Ausſteigen in Empfang nahm, mußte ſchon das Unvermeidliche mit guter Miene aufg⸗ nommen werden; Andlau ſchob ſeinen Arm unter den des Schwi gerſohnes und ſagte in ſeiner gewöhnlichen polternden Art:„Ich habe hier auf Euch gewartet, ehe ich den Heimweg antrete; Ihr


