bürger und Nachbarn in der allgemeinen Noth zu verlaſſen, viel⸗ mehr, wo er konnte, Hülfe geleiſtet und ſich ſelbſt und ſeine Frau durch ein mäßiges und vorſichtiges Leben lange Zeit jeder An⸗ fechtung erwehrt. Seit ſechs Tagen aber waren die Briefe der Mutter ausgeblieben, und in der Unruhe, was das zu bedeuten habe, hatte der Sohn ſich plötzlich entſchloſſen, ſelbſt hinzureiſen und ſeinen Eltern, wenn es zum Schlimmſten kommen ſollte, nach Kräften beizuſtehen. Der Hausknecht in der Poſt, den er ſogleich befragte, war erſt ſeit wenigen Tagen in der Stadt und kannte nicht einmal den Namen des alten Meiſters; und während der Jüngling durch die finſteren Gaſſen hinſchritt, begegnete ihm keine Menſchenſeele, die ihm im Vorbeigehn hätte Auskunft geben können, wie es im Hauſe ſtehe. Immer haſtiger wurde ſein Schritt, der Schweiß trat ihm in großen Tropfen vor die Stirn; dann und wann hörte er aus einem offenen Fenſter das Stöhnen eines Kranken oder das Weinen eines armen Weibes, das neben ihrem hingerafften Manne oder Kinde die Leichenwache hielt, und in all' den Jammer ſahen die Sterne der Sommernacht ſo fun⸗ kelnd herein, daß der Gegenſatz himmliſcher Ruhe und irdiſcher Noth dem einſamen Wanderer nur noch ſchwerer das Herz be⸗ klemmte.
Nun ſtand er vor dem alten hochgiebeligen Hauſe, drin ſeine Eltern wohnten, und that einen tiefen Athemzug, als er ſah, daß alle Fenſter geſchloſſen waren. Licht brannte hinter keinem, alſo wurde auch keine Krankenwache gehalten. Jetzt fiel ihm erſt ein, daß die alten Leute erſchrecken würden, wenn er ſo ſpät in der Nacht unangemeldet— einen Brief vorauszuſchicken war nicht Zeit geweſen— ihnen in's Haus fiele. Aber wieder fortgehen, in einem Gaſthofsbette ſchlafen und ſich bis morgen gedulden, brachte er nicht über's Herz. Alſo zog er ſacht an der Haus⸗ glocke, die unter einem zierlich aus Sandſtein gemeißelten Dächlein zugleich als Handwerkszeichen neben der Thür angebracht war. Sie klang ganz ſo tief und rein, wie in den beſten Tagen, aber ſie ſchien die Kraft verloren zu haben, einen gaſtfreundlichen Wiederhall drinnen im Hauſe zu erwecken. Auch auf das zweite
LLäuten blieb Alles ſtill—„todtenſtill?“ dachte der ſpäte Gaſt,
und die Hand am Glockenzug bebte ihm. Zum dritten Mal, jetzt mit ſolcher Gewalt, die ganze Straße weithin davon erſchallte, ließ er die eher gge die angſtvolle Frage thun, ob denn kein Lebendiger mehr ldieſen dunklen Fenſtern athme. Der ſchrille Klang hatte noch nicht ausgeſchwungen, da hörte er oben im zweiten Stock, nicht ſeines Elternhauſes, ſondern ihm gerade gegenüber, ein Fenſter klappen und eine Stimme rufen:„Wer läutet da noch ſo ſpät? Wenn es der Todtengräber iſt, da drüben iſt Nichts zu holen. Er ſoll morgen wiederkommen und an dieſes Haus klopfen. Habt Ihr wohl verſtanden, Meiſter Schwarz?“
—„Biſt Du's, Lorchen?“ rief der junge Mann.„Nun, Gott ſei Dank, daß Du noch wach biſt und mir ſagen kannſt—“
„Herrgott!“ unterbrach ihm die Stimme,„Sie ſind es, Lorenz? Und was wollen Sie hier? Und warum kommen Sie nun gerade dazu, wenn Alle ſterben müſſen?“
„Komm herunter, Lorchen,“ bat er,„und öffne mir das Haus und ſage mir—“
Sie ließ ihn nicht ausreden.„Was denken Sie nur, Lorenz?“ ſagte ſie.„Was haben Sie in dieſem Todtenhaus zu ſchaffen? Machen Sie, daß Sie aus der Stadt kommen, eh' es Sie auch befällt. Sterben iſt kein Spaß, wenn man noch ſo jung iſt. Die Tante iſt geſtorben und mein kleiner Chriſtel und zuerſt der buck⸗ lige Schneider, der parterre wohnte, und nun kommt die Reihe an mich, aber bei mir braucht kein Menſch zuzuſehen; denn es ſieht ſehr garſtig aus, und helfen kann einem doch Keiner. Machen Sie alſo, daß Sie fortkommen, hören Sie wohl, und leben Sie noch recht lange und glücklich, und es freut mich, daß ich Ihnen noch einmal Gute Nacht habe ſagen können, lieber Lorenz, und wenn Sis die Sophie ſehen—“
„Um des Himmels willen, Lorchen,“ unterbrach ſie der junge Mann,„was iſt aus meinen Eltern geworden? Warum wird mir hier die Thür nicht aufgemacht? Und wenn es das Aergſte wäre, ich muß es wiſſen, oder die Angſt bringt mich auf der der Stelle um.“.
„Sein Sie nur ruhig!“ erwiderte die Stimme.„Die Eltern ſind ſeit drei Tagen fort, zu der Sophie, der Pfarrerin, die hat nicht nachgelaſſen mit Bitten, und wie der Vater immer noch nicht wollte, hat die Mutter gethan, als fange es auch bei ihr an, und
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Das Haus hier kannte er ſo genau, wie ſein eigenes Elternhaus;
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da iſt er endlich dazu gebracht worden. Mich haben ſie auch mitnehmen wollen, aber ich konnte die Tante doch nicht verlaſſen, die iſt erſt geſtern begraben worden. Es geht jetzt in Einem hin. Wiſſen Sie denn das Alles nicht, und Ihre Mutter hat es Ihnen doch in einem langen Brief geſchrieben und Sie gebeten, ganz ruhig zu ſein, es gehe ihnen Beiden wohl?“
„Nicht eine Zeile hab' ich bekommen ſeit vorigem Samstag. Wer weiß, wo der Brief ein Ende genommen hat, da jetzt Alles drunter und drüber geht. Nun, Gott ſei Dank, daß es nichts Schlimmeres iſt. Du aber, Lorchen, was iſt mit Dir? Alſo wirklich die Tante und Dein kleiner Bruder—? Was mußt Du ausgeſtanden haben!“
„Ja wohl,“ antwortete das Mädchen mit einer Gelaſſenheit, die ihm jetzt erſt ſeltſam auffiel,„es war auch ſehr ſchauderhaft, aber man wird es gewohnt. Daß ich jetzt an die Reihe komme, macht mir gar keinen Schrecken mehr. Ich bin ordentlich froh, bald an einen Ort zu kommen, wo ich ſchlafen kann und nicht mehr den Eſſig zu riechen brauche und immer das Weinen und Jammern hören muß. Und da Niemand übrig iſt, der ſich mei⸗ nen Tod zu Herzen nehmen könnte, ſo iſt ja auch nichts daran verloren, ob ich ſchon mit achtzehn Jahren aus der Welt gehe, oder erſt mit achtzig. Sie noch einmal wiederzuſehen, das hatt, ich freilich gewünſcht. Nun iſt es zwar ſo dunkel, daß ich nur Ihren grauen Hut erkennen kann, aber ich höre doch Ihre Stimme. Wiſſen Sie noch, wie wir auf dem Polterabend der Sophie das Liedchen zuſammen ſangen? Das war noch eine gute Zeit. Jetzt ſingen wir nie wieder. Der liebe Gott wird wohl ſeine Gründe haben. Leben Sie alſo recht wohl, lieber Lorenz, und vergeſſen
Sie nicht ganz—“
„Höre einmal auf mit all dem confuſen Zeug, Lorchen!“ rief der junge Mann, halb unmuthig, halb mitleidig.„Statt mich hier ſtehn zu laſſen und vom Sterben zu faſeln, hätteſt Du mir längſt das Haus aufmachen und mich als einen alten Jugend⸗ freund willkommen heißen ſollen. In meine eigene Thür kann ich nicht hinein. In der Poſt ſchlafen ſie längſt, und ich mag mich auch in kein Bette legen, worin vielleicht geſtern erſt ein Menſch geſtorben iſt. ſoll, wozu ich gar keine Luſt habe, ſo mußt Du mir Herberg
geben, Lorchen, und auch einen Biſſen zu eſſen; denn die Unruhe
und Ungewißheit, wie ich's„hier finden würde, hat mir unterwegs allen Hunger vertrieben. Mach auf, Kind, eh' wir die Nachbarn aus ihren Betten ſchwatzen!“— Droben am Fenſter ſchwieg es eine Weile.„Es geht nicht, Lorenz,“ ſagte dann wieder die Stimme.„Ich bin ganz allein hier im Haus und da ſchickt es ſich nicht, weißt Du, und auch davon abgeſehen: wer weiß, ob ich nicht ſchon dieſe Nacht ſterbe, und das möcht' ich gern allein abmachen. Alſo gehen Sie m. Gott und ſuchen Sie ſich ein anderes Nachtquartier, vielleicht beim Herrn Stadtpfarrer, wo im ganzen Haus noch Niemand geſtor⸗ ben iſt.“ 8 „Ich beſtehe darauf, daß Du mir aufmachſt,“ ſagte er jetzt mit leiſerer Stimme, aber ſehr nachdrücklich.„Es wird hoffen lich mit dem Sterben bei Dix noch gute Wege haben, wenn Du Dich nicht ſelbſt zu Tode ängſtigſt in der grauligen Einſamkeit. Ob ſich's ſchickt oder nicht, danach fragt in ſolcher Zeit der Noth, die viel zu ernſthaft iſt für Zimperlichkeiten, kein Menſch, u es braucht auch kein Menſch darum zu wiſſen. Wenn Du nicht Luſt zum Schlafen haſt, ich bin gar nicht müde, da können wir bis an den frühen Morgen bei einander ſitzen, und Du erzähl mir, was Du erlebt haſt, und dann vor Thau und Tage ge ich wieder und hole Dich ſpäter in einem Wägelchen ab, daß D nur aus der Moderluft herauskommſt, und bringe Dich zu me nen Eltern. Das iſt geſcheidter und dem lieben Gott ſicher we wohlgefälliger, als wenn ich jetzt irgendwo eine Herberge ſuche und Dich mit allem Nachtſpuk allein laſſe.“ „Gut,“ ſagte ſie darauf.„Sie haben ganz Recht, Lorenz; es iſt auch Alles gleichgültig, und man fragt den Menſchen nichts nach, wenn man vielleicht morgen ſchon zu ſeinem himnliſch Vater kommt. Der alte Schneider ſagte immer:„Wer begraben. i*ſt, den ſticht keine Nadel mehr.: Warten Sie, ich will Ihnen aufſchließen; aber erſt muß ich Licht machen.“ Das Fenſter oben wurde zugeklappt und Lorenz blieb einige Minuten unten auf der Gaſſe allein in der ſeltſamſten Stimmun
Wenn ich alſo nicht im Freien übernachten


