Jahrgang 
48 (1868)
Seite
764
Einzelbild herunterladen

1

o

tenden Auerhuhn am Holzwege bis zum verborgenen Neſte des Zaunkönigs am bewurzelten Raine hin, vom Fiſch und Krebs im Waſſer, dem Froſch im Sumpfe bis zum Heuhüpfer im Graſe oder dem Schmetterling auf der Blume. Jetzt hat ſein reges Geſicht den erſten Vogel über ſich in der Dohne bemerkt. Welch' ein Leben durchzuckt das Thier! DieRuthe bewegt ſich in Schlangen⸗ windungen, das Gehör dreht ſich zuckend vor und zurück, die Naſe arbeitet aufwärts, immer lüſterner reckt ſich Kopf und Hals, und jetzt hebt ſich das Vordertheil den nächſten Buchſtamm hinauf. Fürwahr, der Dieb und Räuber im glänzenden Momente, in ſeiner Glorie, hingezaubert von Meiſter Deiker! Schon haben die Spätherbſtnebel und kalten Nächte ſeinemBalg den charak⸗ teriſtiſchen Reif auf den Haarſpitzen über Rücken und Schultern hin entlockt, ſo wie ſich auch die Ruthe höher und voller mit der weißenBlume geziert hat. Es iſt ein alter, geriebenerBrand⸗ fuchs: das zeigen uns ſeine dunkle Unterfärbung unter dem hellen Rückenreif, der aſchgraue Bauch und die gleichgefärbte Kehle, ſo wie die ungemein ſtarken ſchwarzen Läufe; das kündet der dunkle Schnauzſtreif über den weißen Lippenrändern, die lüſtern geöffnet das Elfenbeingebiß zeigen. Nun hat er die ganzeWit⸗ terung des noch warmen Krammetsvogels, des leckeren Bratens, den er ſchon einige Morgen hintereinander durch meiſterlichen Sprung nach den tiefer hängenden Biegeln hinauf zum Verdruß des Förſters geraubt. Eben iſt er im Begriff, ſich durch eine Wendung des Hintertheils zur Linken, angeſtemmt mit den Vorder⸗ läufen an den Baumſtamm, eine doppelte Schnellkraft mit den vier Läufen zugleich zum Satze nach dem Vogel zu geben: aber warte, Spitzbube! ſo klingt's gleichzeitig im Gemüthe des an⸗ ſtehenden Förſters im Hintergrund auf, der imAnſchlage ſei⸗ nem Rohre ſofort den rächenden Hagel entſendet. Ein Knall durch die echoweckenden Buchenhallen und Meiſter Reinecke endet die vielbewegte Laufbahn ſeines Lebens.

Schildern wir dieſes in ſeinen hervortretendſten Zügen. Und fürwahr, es iſt kein überflüſſiges Beginnen. Iſt doch unſer Fuchs einer der allbekannteſten Unbekannten. Unbekannten, behaupte ich; denn obwohl jede ſogenannte Naturgeſchichte uns ſagt, daß wir im Fuchs den intereſſanteſten Vertreter unſerer heimiſchen Waldthiere vor uns haben: ſo beweiſen doch nur zu viele dieſer Aufzeichnungen über unſeres Thieres Leben, daß man ſein Weſen und ſeinen Wandel noch lange nicht genau kennt.

In die verdeckten, freilich oft mühſamen Pfade der Berg⸗ waldeinſamkeit mußt Du lenken, willſt Du hinter das wahre Hauſen des Raubthieres kommen. Aber es iſt lohnend, dieſes ſtundenlange ſtille Ausharren im grünen Palaſt, jetzt hoch oben auf den Felsgeröllen der Bergkuppen nahe den Wolken, nun tief unten im heimlichen Dämmer der Waldſchlucht am Gerieſel der Felsquelle. Und endlich belohnt ſich doch die unverdroſſene Hin⸗ gebung an den Gegenſtand durch die Gelegenheit, einem geheimen Zug des Thieres zu belauſchen, und alle Mühe und vergeblichen Gänge ſind vergeſſen.

Wir betreten einen Buchwald mit ſeinem Geäſte, das ſich zum mächtigen gothiſchen Domgewölbe den Berghang hinauf ſpannt. Von ſeinem erſten Maigrün umwoben, herrſcht magiſches Zwielicht in ihm. Eine wohlthuende Dämmerung erfüllt ihn, aber unſer Auge durchdringt bald ſeine Räume und erſpäht hier die vom Geſträuch des Hollunders, des Schneeballs, der Faul⸗ und Vogel⸗ beere bewachſene, vielberühmte Feſte Malepartus, den Bau unſeres Fuchſes. Hier an heimlicher Stelle hat ſich der Lumpaci⸗ Vagabundus, getreu ſeiner Neigung, auf anderer Thiere Unkoſten ſich's bequem zu machen, die viel geräumigere und tiefere Woh⸗ nung des Dachſes angeeignet. Aber nicht etwa nach der Fabel, die ſich von Buch zu Buch gleichGeſetz und Rechten fortgeerbt hat wie eine ewige Krankheit, daß Reinecke den vielfach ſtärkeren Grimmbart aus ſeiner Burg hinausbeiße oder gar auf die ver⸗ ſchmitzte Art des abſichtlichen Verpeſtens des Baues durch Ab⸗ ſetzen ſeines Unrathes verjage. Bewahre! Unſer Held iſt für's Erſte viel zu feig, auch zu klug, nutzloſen Kampf zu beginnen; fürs Zweite iſt dem Thiere aber eine Liſt angedichtet worden, die ihm gar nichts helfen würde, weil ſie den Dachs gleichgültig ließe, zum deren Erfindung endlich das Thier den Menſchen wahrlich⸗ nicht zu beneiden braucht. Schon an dieſer Geburtsſtätte des Gehecks oder der jungen Füchſe laſſen alſo die Aufzeichnungen über Reinecke's Lebensgeſchichte die Fabel und den Irrthum thätig

764

ſein, die ſich beide aber gipfeln in der Anſicht über das Ehe⸗ und Familienleben unſeres Helden.

Da finden ſich Fuchs und Füchſin wie zwei liebende Seelen in einem alten Ritterromane zum ehelichen Bunde zuſammen, der nach einigen Schriftſtellern ſogar für das ganze Fuchsdaſein ge⸗ ſchloſſen werden ſoll. Der wahre Kenner unſeres Waldmephiſto weiß aber, daß vornehmlich er der Vielweiberei huldigt; der Kun⸗

dige weiß, daß in den für unſer Thier erregten Tagen des Februar

und März bei den heißen Fuchsturnieren der Sieger allein der Minne Preis erringt; er hat es tief im Walde dem geheimniß⸗ vollen Wandel der Frau Füchſin abgelauſcht, daß ſie ſich ganz insgeheim die Geburtsſtätte für ihre Nachkommenſchaft erwählt, hier einzig und allein für dieſe wacht und ſorgt und hier auch die rührendſten Aeußerungen von Mutterliebe an den Tag legt. Ja, ſie ſteht ſo ſehr unter der Macht jener zärtlichen Regungen, daß ſie, aller ihrer ſonſtigen Vorſicht baar, nicht ſelten ſelbſt den gefürchteten, dem Baue nahenden Dachshund förmlich angreift und ſogar verjagt. In welchen ſtarken Gegenſatz ſetzt ſich dies Bild und Weſen der Fuchsmutter nun mit dem Gebahren des Fuchs⸗ vaters! Für ihn giebt es keine Familie. Das zeigt ſprechend ſchon, gegenüber dem von unabläſſiger Jungenpflege abgenutzten Kleide der Füchſin, ſein tadelloſer Sommerrock, in dem er ſorgenlos Wald, Haide und Feld durchſtreift. Enthüllen wir einige Scenen ſeines Sommerlungerlebens.

Den erſten Tagesſchimmer hat das Feldhuhn in der Flur angerufen. In dunklen, undeutlichen Maſſen ragt der Wald, all⸗ mählich mit dem Frühlicht Form und Geſtaltung gewinnend. Vor dem Morgenzuge her wogt das Getreide in ſanften Wellen dem Walde zu. Dort am äußerſten Ende des Ackers, wo der Steig das Pfädchen, das ſich den Sommer über ein Haſe auf ſeinemWechſel durch die Frucht getreten am Waldrande ausmündet, peitſcht die letzte Halmenwoge ein undeutliches Etwas, welches das Auge vorher nicht gewahrte, das es nun aber beim beginnenden Tage ſchärfer faßt. Sieh! regt ſich der Punkt nicht eben, oder täuſcht das wogende Aehrenmeer über ihm? Dieſes Fernglas, die Waffe unſeres beobachtenden Auges, ſoll uns den Gegenſtand näher bringen. Richtig! Wie das bemalte Geſicht

eines in Laub verſteckten nordamerikaniſchen Wilden auf den

Kriegspfade, ſo lugt dort am Boden der rothe Kopf eines Fuchſes, unbeweglich dem Steig zugewandt. Halmenbedeckt liegt der Rumpf ſammt der verrätheriſchen Ruthe des Lauernden in die Furche gedrückt. So wenig dieſe Stelle ſich dem Kundigen als das eigentliche Lager des Thieres zeigt, ſo gewiß beweiſt die Lage des letzteren, daß der junge Tag mit einer eigenthümlichen That des erfahrenen, erfinderiſchen Wegelagerers beginnen wird. Schau! gilt es dem von derAeßung aus dem Felde jetzt zum Walde kehrenden Haſen? Wahrlich! keinen Anderen; denn da lenkt er ja ſchon in das Pfädchen, ſchnurſtracks auf den fürchterlichen Hinterhalt zuhoppelnd. Immer näher und näherrückt der vertraute Lampe: Für den Aermſten klopft unſer Herz, für den

ſonſt ſo Behutſamen, deſſen feines Gehör das leiſeſte Kniſtern 4

vernimmt, deſſen ewig bewegliche Naſe den geringſten verdächtigen Windzug auffängt. Keiner ſeiner Sinne verräth. ihm heute die furchtbare Nähe. Auch jetzt nicht, wo er den Wechſel fortrückt, nur noch einige Schritte entfernt von dem Erzfeinde, der nun aber urplötzlich wie ein rother Teufel mit hochgeſchwungener Nuthe und Einem Satze das Opfer an der Kehle packt, der ſich nur ein ſchwaches Klagen des Erſtickens entwindet. So iſt er in ſeinem Raube, der geriebene Fuchspracticus, jeden Lärm, jedes Aufſehen ſorgfältig vermeidend und ſich raſch, wie er es auch jetzt, nach einem kurzen Umherſehen, den Haſen im Rachen, thut, vom Schauplatz ſeiner Thaten entfernend.

Wir wollen ſchweigen von dem Frevel, den er berechnend verübt, wenn tief im Walddickicht die alte Rehgeiſe ihr Kälbchen auf Augenblicke verläßt und zur Aeßung auf die ſaftige Waldwieſe zieht; denn ſolcher Streiche einen ſchildern wir vielleicht auf einem anderen Thiergedenkblatte der Gartenlaube. Künden aber wollen wir als Augenzeugen, wie er, der Schlaukopf Fuchs, vom Schla⸗

raffenleben des Sommers faul, ſich's bequem macht und ganz 3

ſeiner verſchlagenen Natur gemäß dem Geheck den von der Mutter mit Gefahr ihres Lebens erbeuteten Raub aus dem Bauernhofe vom Bau wegſtiehlt und hierdurch ſich ſo recht ſchneidend in Gegenſatz bringt mit dem zählebigen Irrthume der Schriftſteller, welche aus ihm den rührendſten Gatten und Kinderpfleger ſtem⸗

*

2

2