Jahrgang 
48 (1868)
Seite
754
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Verſuche, ſie in ein Geſpräch zu ziehen,

Otto war zu dem jungen Mädchen getreten und ſagte ihr ein paar artige Worte des Willkomms in der Heimath. Sie ſahr nicht auf, erröthete aber von Neubm und antwortete ſo undeutlich und befangen, daß der junge Mann, von ihrer Schüchternheit angeſteckt, ſich es zum Vorwurf machte, in die für Fremde gewiß nicht berechnete Scene hineingerathen zu ſein.

In dieſem unbehaglichen Gefühl wollte er ſich nach ein paar Minuten empfehlen, Andlau erhob aber dagegen energiſchen Ein. ſpruch, und der Gaſt fand ſich wider Willen in das Zimmer des Oberförſters entführt und dort etablirt, ehe er ſich recht beſonnen hatte.

Laſſen wir das Kind drunten mit ihren Rotznäschen wirth ſchaften, ſagte er, die gewaltigen Glieder ſtreckend,und plaudern wir hier, bis der Rehziemer gar iſt. Ich laſſe Sie heut nicht fort, Doctor! Mein Mädel hat mir nun anchal weis gemacht, Weih nachtsabend ſei etwas Abſonderliches, da wollen wir Zwei ein paar Flaſchen Würzburger Leiſten mit einander ausſtechen. Was ſagen Sie zu der Kleinen? Iſt wirklich ein Prachtmädel gewor den in dem Jahr, ſeit ich ſie nicht mehr geſehen. Und einen Trotzkopf hat ſie, ſag' ich Ihnen! Mit der Li iſett' iſt's nichts, Eliſabeth muß ich ſie rufen, das hat ſie ſchon durchgeſetzt in den

acht Tagen, und ihren Chriſtbaum auch! Was denken Sie, Doctor hat mir das Kind wirklich zugemuthet, ich ſolle mir heute von ihr beſcheeren laſſen, wie ein kleiner Junge in Pump

höschen, und wie ich mich auf ſolchen Schnickſchnack nicht einlaſſe, beſchwätzt ſie den Gehülfen, daß er ihr den ſchönſten Tannenbaum im Revier ſchlägt, geht hin, lieſt ſich ein halb Dutzend Bettel kinder zuſammen, und richtet ihren ganzen Kram drunten ſo ſchmuck her, daß es mir ſelbſt Spaß gemacht hat und ich mich jetzt ärgere, der Kleinen kein Präſent gemacht zu haben. Aber nun ſagen Sie mir, Doctor, die ganze Zeit weggeblieben? Bſcht brauchen gar nichts zu antworten, ich weiß ſchon, daß Sie allen Unterröcken aus dem Wege gehen! Vor meinem Mädel brauchen Sie ſich aber nicht zu ſcheuen, die iſt kein ſolches Kräutchen Rührmichnichtan, wie ich mir vorſtellte, lachen kann ſie, daß Einem ſelber das Herz im Leibe lacht, in Wind und Wetter geht ſie mit mir hinaus, und kann Einem den Stuhl und die Pantoffeln ſo gut zurechtrücken, daß es

was Teufels ſind Sier

Einem ordentlich wohl dabei wird. Und ein Leben iſt in dem Mädel, ſag' ich Ihnen! Das trillert den ganzen Tag wie eine Lerche, Trepp auf, Trepß ab, das ſpringt wie ein Eichhorn, und

kann ſchmeicheln wie ein Kätzchen!

Ergötzt hörte Schaumberg der Suada des alten Herrn zu, deſſen herzinnige Freude an der Tochter, im Gegenſatze zu dem Mißvergnügen, mit dem er ſie erwartet hatte, im Stillen ſeine Heiterkeit hervorrief.

Als zum Eſſen gerufen ward, ſchöne Geſicht wiederzuſehen, welches ihn wirklich von Neuem frappirte. Die lebhafte Färbung, die es vorhin gezeigt, war nun verſchwunden, kaum ein Anflug von Röthe deckte die Wangen, nur die friſchrothen Lippen erhöhten den warmen Ton ihres Teints. Eliſabeth's größter Reiz war ein eigenthümlich raſcher Aufſchlag der dunkeln, von langen, etwas gebogenen Wimpern beſchatteten Augen. Unwillkürlich wandten Ottos Blicke ſich, magnetiſch an gezogen, ihr immer von Neuem zu, ohgleich ſeine wiederholten wenig Erfolg hatten. Eliſabeth gab ſich ſehr ſchweigſam, von der heiteren Lebhaftigkeit, die ihr Vater ſo laut gerühmt, zeigte ſich keine Spur, ſie erſchien dem Gaſt ſogar auffallend befangen.

Dennoch, ſo wenig des Mädchens überaus melodiſches Organ in das Ohr. Schaumberg' 8 erklungen war, begleitete es ihn auf dem Heimwege wie das Ccho des angene hmſten Eindrucks, und er geſtand ſich, ſelten eine wohlthuendere Gaſtlichkeit genoſſen zu haben.

Von da ab kehrte Schaumberg oft und öfter im Forſthauſe ein, und er konnte und wollte ſich nach einiger Zeit ſelbſt nicht mehr verleugnen, welcher Magnet ihn dahin zog. Täglich ward ihm klarer, daß er in Eliſabeth einer Natur begegnete, die zu der ſeinen ſeaadte. wie ein Doppel Accord. Sie waren einander ſo ſympathiſch, daß Alles, was ſie in der Unterhaltung berührten, ein Licht über die Dinge auszuſtrömen ſchien. In Eliſabeth's Nähe wurde jede Fähigkeit des jungen Mannes erhöht, geſteigerte Lebensfriſche brachte er von ihr in ſein Haus, zu ſeiner Berufs thätigkeit zurück; ihr ſtrahlendes Bild begleitete ihn überall hin und war nirgend zu viel, nirgend ſtörend. Ein lebhafter, ja

freute er ſich darauf, das

feuriger Geiſt verrieth ſich in jeder Aeußerung, jedem Thun des Mädchens, und während Otto ſie von Herzen liebte, gefiel ſie ihm auch in Allem, was ſie ſprach und vornahm. Der Einfluß, den ſein Urtheil, ſeine Anſichten unverkennbar auf ſie übten, that dabei⸗ ſeinem Selbſtgefühl ſehr wohl. Während Eliſabeth im Verkehr mit den wenigen jungen Männern Bernecks, die ſich eifrig um das ſchöne Mädchen bemühten, die harmloſeſte Heiterkeit zeigte, trat die Befangenheit, welche Schaumberg ſchon bei dem erſten Zuſammentreffen an ihr aufgefallen, ihm gegenüber noch oft her⸗ vor und gab der glänzenden Erſcheinung einen veilchenſüßen Reiz. Wenn er ins Forſthaus kam, war ihr Empfang ſtets freudig und zutraulich, im Geſpräch kam es aber oft plötzlich über ſie, wie ein Hauch von Verſchüchterung; dann wechſelte ſie ohne ſichtlichen Grund mit einem Mal die Farbe, ſtockte und verſtummte, und jedesmal bedurfte es in ſolchen Augenblicken einiger Zeit, bis ſie ihre Unbefangenheit und Munterkeit wieder gewann. Schaumberg ſamn oft über dieſe Eigenthümlichkeit nach, er konnte nicht heraus⸗ finden, was ſie, offenbar im Zuſammenhang mit einem von ihm geſprochenen, ihm gänzlich unweſentlichen Worte, wieder beun⸗ ruhigt hatte.

Unmerklich war es Frühling geworden. Schon deckte ſich der ganze Abhang des Sch loß berges mit weiß und blauen Fliederſträußen, die ihre Düfte weithin in die junge Welt hinaus hauchten. Auch in den Bergen begann es ſich zu regen; ſind gleich die Stollen und Schachte, in denen man hier früher nach Gold, Alaun und Kupfer gegraben, nun zerfallen und unzugänglich, ſo werden doch heute noch Erze aus beutereichen Gruben an's Licht gehoben. An Sonntagen fehlen die Bergknappen in ihrer originellen Tracht ſelten unter dem fröhlichen Völkchen, das ſich im Tanze ſchwennt, meiſt im Freien, und am liebſteu vor der beſuchten Schenke des Dorfes Goldmühl. Dies hübſche Dörfchen iſt zugleich das Lieblingsziel der auswär⸗ tigen Gäſte, die ſich mit den erſten Primeln und Schneeglöckchen in Berneck einzufinden beginnen, und der Mittelpunkt für ein reges induſtrielles Leben und Treiben. In dem lieblichen Gold⸗ mühlthale ſind zwiſchen üppigen Wieſen und Feldern, neben wohlhabenden Benernäͤlteane zahlreiche Mühlen und Hammerwerke angelegt, die viel rührige Hände in Bewegung ſetzen.

Auch die Perlenmuſcheln werden nun aus ihrer Winterruhe aufgeſtört und müſſen Rechenſchaft ablegen, was ſie in der langen Ruhezeit gefördert. Schaumberg, der ſich für dieſe in unſeren deutſchen Gauen immerhin ſeltene Induſtrie intereſſirte, hatte den Revierförſter gebeten, ihn zu benachrichtigen, ſobald der Perlen⸗ ſiſcher den Bach zum erſten Mal begehen würde. Da auch Eliſa⸗ beth wünſchte, dieſe Erinnerung ihrer Kinderzeit aufzufriſchen, ſo ward eine gemeinſchaftliche Partie verabredet. An einem warmen, ſchönen Maitage fanden ſich die drei heiter geſtimmten Menſchen in Neidhard's Mühle zuſammen, um dort erſt den Kaffee einzu⸗ nehmen, dann den Perlenbach zu begehen und gegen Abend nach Amt Stein zu wandern, wohin ein Geſchäft den Revierförſter vief.

Während der Perlenfiſcher in das klare, ſchwach ſtrömender Waſſer des Baches hinabſtieg, eine der rauhen unſcheinbaren Muſcheln nach der andern aus dem Kies grub und mit ſeiner kleinen Zange die Schale vorſichtig öffnete, um zu unterſuchen, ob ſie Perlen umſchloſſen, berichtete Andlau ſeinem jungen Freunde, in welcher Weiſe der Fiseus die Per lenſiſcherei organiſirt hätte, und durch welchen Zufall im vorigen Dorfrichter dieſer Hort des Baches entdeckt worden ſei.

Eliſabeth hörte lächelnd zu.Glauben Sie kein Wort dar von! ſagte ſie lebhaft zu Schaumberg.Die Geſchichte war ganz anders, der Perleninſpector weiß auch nicht Alles! Das Muſchelweibchen war dabei im Spiel, mir hat's die alte Frau⸗ drüben in der Mühle erzählt, deren Urgroßmutter zu der ganzen Sache den Anlaß gab!

Freundlich ſah Otto in das leuchtende Geſicht des Mädchens. Erzählen Sie mir Das! bat er.Die Naturgeſchichte der Perlen kenne ich jetzt zur Genüge; ich weiß, daß ſie, wie wir Menſchenkinder auch, in der Jugend roſig ausſehen. Da iſts weit intereſſanter, zu Muſchelweibchen war. Was meinen Sie, dürfen wir langſan vorausgehen, nach Stein 31 d4

Meinetwegen, brummte Andlau,ich brauch Eu nicht, und die dummen Ammenmärchen mit anz zahöden, fehlte migerade noch. Uebrigens komm' ich bald nach, es giebt heute nit vie Rares zu inſpieiren..

Jahrhundert von einem

und im Alter grau erfahren, we. 8 Herr Revie örſter,