—
— 9
üher Mittelgröße. Um ihr feingeſchnittenes Antlitz, das jenes zarte Roth färbte, welches die Seemuſchel in ihren Schalen birgt, floſſen in natürlichen Wellen tief nußbraune glänzende Locken; die klaren blauen Augen ſtrahlten von Luſt und Glück, blickten groß, frei und offen in das noch ſo licht und glatt vor ihr liegende Leben und zeigten nur ſehr ſelten ihre bedeutendere Schönheit, wenn die etwas geſenkten Lider mit den dunkeln Wimpern durchſichtige Schatten warfen auf das faſt zu hell, zu leuchtend ſtrahlende Blau. Mit dem blitzenden Schein dieſer offenen Kinderaugen ſtand in vollſtem Einklang das herzliche Lachen, das immer und immer wieder von den vollen Lippen tönte, und„ſchön Ingeborg“ war reizend bei dieſem Ausbruch ungetrübten Frohſinns, friſcher, ungebrochener Jugendkraft.
So heiter und froh, ſo voll Luſt und Leben dieſe Gruppe ſo ernſt, ſtill, faſt düſter jene andere, die ihr aus demn Hauſe folgte. Sie war gleichſam der Schatten zum vollen Sonnenlicht des Glücks, war gewiſſermaßen ein trauriges Symbol des Lebens, wo ja auch der raſch dahineilenden Freude der ſchwere Ernſt auf demn Fuße folgt. Dieſe zweite Gruppe umfaßte nur drei Perſonen, zwei ältere vLeute und einen jungen Mann von kaum zweiundzwanzig Jah⸗ wen. Die eine der beiden ältern Geſtalten, ein Mann nahe den Fünfzigern, war von hohem, muskulöſem Wuchſe, eine ernſte, Achtung gebietende, äußerſt vornehme Erſcheinung. Sein Haar war aber ſchon völlig gebleicht und ſeine Züge waren durchfurcht, wie die eines Greiſes. Ruhe und Kälte drückten jetzt faſt einzig die ſtrengen Linien ſeines Geſichtes aus, in denen aber einſt die verheerende Gewalt des Schmerzes und wilder Leidenſchaft gewühlt haben mußten, um derartige Spuren von Kampf und Leiden zu hinterlaſſen.
Seitwärts von dieſem Herrn wandelte langſamen Schrittes, gebeugten Hauptes eine zarte Frauengeſtalt in langem, ſchwarzſei denem Gewande. Sie mußte einſt ſehr ſchön geweſen ſein, denn das marmorblaſſe Geſicht, das eine weiße Haube umſchloß, wies Züge auf, die nach der Antike gemeißelt ſchienen. In dieſen herr lichen Linien lag aber ein herzerſchütternder Ausdruck von Kum⸗ muer und Leid, wie ihn nur die herbſten Schickſale hervorgerufen haben konnten. Ueber die feſtgeſchloſſenen Lippen des ernſten Mun⸗ des ſchien nie ein Lächeln geglitten zu ſein, aus den dunleln me⸗ lancholiſchen Augen nie ein Strahl der Freude geleuchtet zu haben! Obſchon ſie das vierzigſte Jahr noch nicht erreicht, war auch ihr Haar gebleicht und ſchien ſie überhaupt in Allem gleichen Schritt mit dem Manne gehalten zu haben, in deſſen ganzer Erſcheinung ſich deutlich ausprägte, wie dornenvoll die Bahn geweſen, welche er im Leben durchwandelt hatte.
Zwiſchen dieſen Beiden war„ſchön Ingeborg“ herangewachſen. Jener ernſte Mann, Baron Fordenſtiöld, war ihr Vater, die Dame, Gräſin Alma Adlerſparre, ihre Tante, die Schweſter ihrer Mutter, welche, wie man ihr geſagt hatte, bald nach ihrer Geburt geſtorben war. Faſt achtzehn Jahre waren's, als ein Schiff die Familie von Helgoland nach der Inſel Sylt gebracht, wo ſie ſich angeſiedelt und ſeitdem gelebt hatte. Kein Diener, keine Dienerin hatte ſie begleitet, mit ihnen war nur der alte Schiffscapitain Knud Lars⸗ ſon gekommen, der in einem der größern Dörfer Sylts anſäſſig war und vort mit ſeiner verwittweten Schwiegertochter und deren einzigem Sohne Erich lebte.
Knud Larsſon war aber ein ſehr ſchweigſamer Mann, der kaum mit ſeiner Schwiegertochter ein Wort wechſelte und, wie es hieß, nur mitunter mit ſeinem Enkelſohn redete; ſein Haus wurde nuch ſtets gemieden, wenn er, der gewöhnlich auf der See umher ſuhr, einmal daheim war. So kam es denn, daß die Fremden, welche er mit nach Sylt gebracht, nachdem ſie die Schwelle ſeines Hauſes überſchritten hatten, gewiſſermaßen wie begraben waren und Niemand etwas Näheres von ihnen erfuhr. Man hielt ſie für Geſtrandete und nannte ſie auch nur„die Geſtrandeten“. Zwar war Knud Larsſon's Enkel Erich zur Zeit, da ſein Großvater dieſe Gäſte in ſein ſtilles Haus führte, kaum ſechs Jahre alt, allein noch hatte er den Eindruck nicht vergeſſen, den es auf die Fremden gemacht, als ſie in den Tagen, wo ſie ihr neues Haus bezogen, das ſie unweit der Meeresküſte hatten bauen laſſen, zum erſten Male den Namen erfuhren, mit dem es der Mund des Volkes belegt. Wie Wetterleuchten hatte es im Antlitz des Man⸗ nes gezudt, als Erich ihm auf ſeine Frage nach den„Geſtran⸗ deten“ mit Kinderoffenheit geſagt, daß der Fragende ſelbſt ſo heiße; zum unausſprechlichſten Staunen des Knaben waren Thränen
n den Augen des ernſten Mannes aufgeſtiegen und er hatte ge⸗
.—
weint wie ein Kind. Die ſchöne Frau aber, die der kleine Erich wie ein Weſen aus andern Welten betrachtet, war bei den Thränen des Mannes ohnmächtig geworden, und als man ſie zum Leben erweckt, hatte ſie ſich den Herrn zu Füßen geworfen und ſchluch⸗ zend ausgerufen:„Gott ſei Dank, die Starrheit Deines Schmerzes iſt gebrochen, Du wirſt geneſen, wirſt vergeben und vergeſſen!“ „Nie!“ hatte er finſter entgegnet, und von Neuem war ſie leblos hingeſunken.
Wie oft auch der Herr ſpäter den Knaben voll Wehmuth gefragt hatte:„Wie heiß ich?“ das unglückliche Wort war nie wie⸗ der über des Kindes Lippen gekommen. Es hatte weder die Thränen, noch jene bedeutungsvollen Ausrufe vergeſſen, hatte trotz ſeiner Jugend tactvoll herausgefühlt, welchen Sturm er in der Seele jener Beiden heraufbeſchworen, die man in Ermangelung andern Namens ſo benannt.
Die wirklichen Namen der Fremden, ihr verwandtſchaftliches Verhältniß, das Alles hatte ſich den Bewohnern von Sylt erſt in ſpätern Jahren kundgegeben, erſt da, als eines Tages ein Herr mit einem Knaben nach der Inſel gekommen und nach dem Hauſe des Baron Fordenſktiöld aus Schweden gefragt. Es war, wie mian hörte, der Bruder des Fremden, der auch von jetzt an alljährlich wiederkehrte und mit ſeinem Sohne einige Wochen in dem ein⸗ ſamen Hauſe verlebte.
Erich Larsſon, inzwiſchen zu einem Burſchen von fünſzehn Jahren herangewachſen, hatte die nach Baron Fordenſkiöld ſouchen⸗ den Fremden zu der einſamen Wohnung geleiten müſſen. Selt ſamer Weiſe hatte er ſie Stunden lang in der Irre herumgeführt, ſie endlich, als ſchon die Dämmerung eingebrochen, unter dem nichtigen Vorwande:„den richtigen Weg verfehlt zu haben“, in eins der kleinen Dünenthäler geführt, das unweit der Beſitzung des„Geſtrandeten“ lag, hatte ſie gebeten, dort zu warlen, bis er ſich ſelbſt zurecht gefunden, und war dann wie ein Pfeil nach dem Haͤuſe geſchnellt, über deſſen Thorbogen man eben das laltenre Licht entzündete. 3
In Erich's Seele war nämlich, wie er ſich ſpäterhin klar bewußt wurde, der dunkle Gedanke aufgetaucht, ſein alter Freund und Gönner würde die Fremden nicht empfangen und vor ihnen vielleicht entfliehen wollen. Darum hatte er jene merkwürdigen Vorkey rungen getroffen. Es war anders gekommen. Er hatte die An kömmlinge dennoch zu dem ſtillen Hauſe geleiten müſſen, ſie waren wiedergekehrt und der Knabe, den er einſt lieber in’'s Meer ge⸗ ſchleudert, als zu„ſchön Ingeborg“ geführt, er war jetzt ſeiner Jugendgeſpielin Verlobter.
Erich Larsſon, obſchon aus einer Seemannsfamilie ſtanmend und mit dem Meere vertraut ſeit der früheſten Kindheit, war auf Wunſch und Bitte ſeiner Mutter, die Vater, Gatten und drei Brüder auf der See verloren hatte, bewogen worden, dies tückiiſche, furchtbare Element nicht als eigentliche Lebensheimath zu erwählen. Ein Bruder von Erich's Vater war Handelsherr in Hamburg und ihn, der kinderlos, hatte Frau Larsſon gebete:, ſich ihres Sohnes anzunehmen, als Erich in ſeinem achtzehnten Jahre von der erſten größern Seefahrt glücklich zurückgekommen war. Wer weiß, aber ob Erich ihren Bitten allein nachgegeben, ſich durch die Schil⸗ derung ihrer Angſt allein hätte bewegen laſſen, den ihm ſo lieben Beruf aufzugeben und Kaufmann zu werden. Ingeborg, ſeine kleine Freundin, war's, die ihr Flehen mit dem ſeiner Mutter ver⸗ einte und ihm unter Thränen verſicherte, daß ſie während ſeiner Ab⸗ weſenheit keinen ruhigen Tag gehabt und ſterben würde vor Sorge, ginge er wieder zur See!—
Ingeborg Fordenſſiold's Geburtstag war auch der von Frau Larsſon. War darum Erich alljährlich zu dieſem Tage nach Sylt gekommen, es war Niemand aufgeſallen und Jeder in dem einſa⸗ men Hauſe hatte es ſogar natürlich gefunden, daß er am Morgen ſchon Ingeborg ſeine Glückwünſche brachte und darauf den Tag, wie ehedem, mit der verlebte, die ſeit früher Kindheit ſeine Geſpielin und Freundin geweſen war und ſich ſelbſt ſeine„Schweſter“ nannte.
Als Erich am Morgen von Ingeborg's ſiebzehntem Geburts⸗ tage dem jungen Mädchen ſeine kleinen Gaben überreichte und nur wenige Worte fand, um ſeine heißen Wünſche für ſie auszur⸗ drücken, da erzählte ſie ihm unter Lächeln und Erröthen, daß ſie die Braut ihres Vetters ſei und über's Jahr ſchon Frau
ſein werde. Wohl ſiel ihr die Todesbläſſe auf, die ſein blühend Antlitz bei der Nachricht deckte; doch als er haſtig ſagte, wie das n Tagen
vem raſchen Gehen komme und daß er ſchon ſeit mehre 1


