ſenjäger unternimmt,
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herrlichen Landſchaftsbildes zu überlaſſen, „anſehen ließ“.
Es giebt freilich in dem ſchönſten und glücklichſten Lande Eu— ropas viele Ausſichtspunkte, welche umfaſſendere oder auch groß⸗ artigere Blicke darbieten, als der, auf welchem die beiden Freunde ſtanden, unfern der Bank, worauf Brunhild von Hohenauf noch immer ſaß. Aber es dürfte wenig Stellen im Umfange der Alpen geben, wo das Erhabene und Anmuthige in ſo reicher Fülle auf ſo engem Raume ſich beiſammen findet, wie gerade hier. Wendet man ſich ſcharf zur Linken, ſo ſchweift das Auge an einer Berg⸗ wand voll wechſelnder Formen hin, aus deren felſigen Schluchten weißſchäumende Wildwaſſer thalwärts ſpringen und längs deren Fuß da und dort eine Kirchthurmſpitze aus dem Grün üppigen Baum⸗ wuchſes hervorlugt. Geradeaus fällt der Blick zunächſt auf den mehrerwähnten kleinen Hochſee, hinter deſſen dunkler, mit Weiden, Rüſtern und Ahornbäumen beſtandener Muldenwand eine große, ſtahlblau und ſilbern ſchimmernde Spiegelfläche ſich aufthut, die weithin gedehnte Waſſermaſſe eines der ſchönſten Seen des Landes. Gen Oſten und Süden zu iſt dieſer See von Gebirgen eingefaßt, welche ſich in ungeheuren Stufen mählich zu Bergrieſen aufthür⸗ men, deren Bruſt den Gletſcherpanzer und deren Haupt den Firn⸗ ſchneehelm trägt. Wendeſt du dich, an den Rand des Hügels vor⸗ tretend, zur Rechten, ſo ſiehſt du tief unten den Strom aus dem großen See, worin er ſich vom Gletſcherſtaub reingewaſchen, hell⸗ grün hervorkommen und in ſanften Windungen längs eines para⸗ dieſiſchen Thalbodens von mäßig großer Ausweitung hinfließen, um nach etwa dreiviertelſtündigem Laufe abermals in ein Seebecken ſich zu ergießen, in den unteren See, deſſen Gewäſſer fernher duftig zu dir heraufblauen. Das Gelände zwiſchen den beiden durch den Strom alſo verbundenen Seen bildet vielleicht den ſchönſten Park, welchen es auf Erden giebt. Es iſt eine Harmonie in dieſem Landſchaftsbild, welche ſelbſt durch die an der Südſeite des Stroms ſich hinziehenden Gruppen von Hotels und Penſionen eines Cur⸗ orts von Weltberühmtheit nicht geſtört wird. Oder aber, falls deine Landſchaftsäſthetik das Vorhandenſein dieſer Inſtitute als Störung empfinden ſollte, ſo würde dich ein Blick wieder darüber wegheben, der Blick über die Thalebene ſüdweſtwärts dorthin, wo dir aus einer rieſigen Spalte der von der Natur wie eigens zu dieſem Zweck auseinandergeſchobenen Bergwände die Königin der Alpenkoloſſe im Vollglanz ihrer wunderbaren Majeſtät entgegenleuchtet.
Ehrwürden Schwarzdorn— ſo hieß der Herr Paſtor— ſog ſo zu ſagen mit vollen Zügen die vor ſeinen Augen entrollte Schön⸗
welches ſich allerdings
heit in ſeine Seele. Da er aber ganz entſchieden zu jenen Leuten
gehörte, die ſich daran gewöhnt haben, ihren Empfindungen keinen vollen Ausdruck zu geſtatten, ſagte er nach einer Weile:„In der That, recht niedlich.“
„Niedlich? O, Du ſtroherner Philiſter! Schönheit, ein helles, liebes Wunder!“
Ein Wunder von
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„Nun, nun, nur nicht gleich ſe— diſch und was Habe denn doch während der letzten Wocheil rairoene anhe Scenen geſehen, welche—“
„Ach was! Glorios, ſag' ich Dir!“
„Wohl, wohl; aber ich behaupte deſſenungeachtet—“
„Geh', geh'! Es iſt, beim Zupiter, ganz unmöglich, daß Du jemals etwas ſo Herrliches geſehen!“
Schwarzdorn kehrte ſich verwundert um: es war in der Aeußerung ſeines Freundes ein ſo ganz eigener Ton!„Was haſt Du denn?“ wollte er fragen, verſchluckte aber die Frage, ſpitzte ſeinen Mund zu einem leiſen Pfeifen und murmelte dann, während ſeine Mephiſtonaſe ſich ſo weit herunterzog, daß ihre Spitze faſt das Kinn berührt hätte, vor ſich hin:„Ah ſo? da haben wir's! Und der ſchwatzt von Proudhon und Ironie!... Schön iſt ſie allerdings, merkwürdig ſchön, originell, pikant!.. Aber was iſt das? Ich glaube gar, der tolle Menſch will die Schöne im Sturm erobern.“.
Er that einige Schritte gegen die Bank am Fuße des halb⸗ zerfallenen Wartthurms hin und blieb dann ſtehen, um, getheilt zwiſchen Verblüffung und Neugier, die Entwicklung des kleinen Drama's abzuwarten, welches er vor ſich ſah.
Augefaßt von einer jener plötzlichen, unerklärlichen Regungen, welche ſchickſalsmächtig den Menſchen überfallen und überwältigen, war Sigfrid, nachdem er, während ſein Freund in der Schönheit der Ausſicht ſchwelgte, die junge Dame mit ſteigendem Staunen betrachtet hatte, auf ſie zugeſchritten.
Selbſtverſtändlich war es ihr nicht entgangen, daß ſie der Gegenſtand der entzückten Verwunderung des fremden Mannes war; aber ſolcher Huldigungen gewöhnt, fühlte ſie ſich davon weiter nicht berührt. Oder doch? Denn mäglicher Weiſe konnte das blitzende Aufleuchten ihrer Augen, als Sigfrid mit ſeinem Freunde den Hügel heraufgekommen war, bezeugen, daß ſie den Fremden ſchon einmal bemerkt, vielleicht drunten im Curort, und von ſeiner aller⸗ dings imponirenden Erſcheinung einen ungewöhnlichen Eindruck empfangen habe. Wie demi ſei, ſie machte, als ſie ihn jetzt auf ſich zukommen ſah, eine Bewegung, um aufzuſtehen. Allein ſie unterließ es, und als Sigfrid, zwei Schritte vor der Bank ſtehe.d bleibend, ſie mit einer tiefen Verbeugung grüßte ,erhob ſie mit dem Ausdruck kalten und ſtolzen Befremdens ihre Augen zu den ſeinigen.—2
Aber aus dieſen Mannesaugen ſchimmerte ihr ein unbekanntes Etwas entgegen, ein Etwas, von welchem ſie ſich
und beleidigt fühlte und doch zugleich gebannt und bemeiſtert. Sie wollte ihren Blick abwenden, vermochte es jedoch nur mit großer Anſtrengung, und wie ihr Antlitz ein heißes Roth, ſo überflog die Seele ein Geheimnißvolles, von dem ſie um keine Welt zu ſagen gewußt hätte, ob es ſchluchzendes Weh oder jauchzende Wonne..
5(Fortſetzung folgt.)
Sonntag
Um eine Alpenfahrt handelt es ſich alſo wieder, aber nicht um eine rauhe, halsbrecheriſche, wie ſie der wilde Gem⸗ ſondern um eine feine, anmuthige, wie ſie die gebildeten Stände, angeſehene Väter, hochgeachtete Müt⸗ ter, wohlerzogene Jünglinge und ſchöne Fräulein zu Stande bringen, um eine unvergeßliche Erinnerung für's ganze Leben nach Hauſe zu tragen. Die Aufgabe, einen ſolchen monu⸗ mentalen Tag durch den Bleiſtift oder die Feder zu ſchildern, hat
bracht, welche ihm aus den ſchönen Tagen, wo man gen Alm
leicht die Originale, die ihm vorſchwebten, anzugeben
Frage ihre großen Reize und iſt von beiden Seiten mit werthem Eifer unternommen worden, nur ſind der Zeichner er Beſchreiber zu ſehr verſchiedenen Zeiten an die Arbeit ge⸗ Langen und daher auch zu ſehr verſchiedenen Zeiten damit fertig geworden. Der Zeichner nämlich, der noch in der Blüthe ſeiner Jahre ſteht und den letzten Sommer zu Brannenburg am Inn verlebte, hat erſt neulich die bedeutenden Motive geſammelt und auf's Holz ge⸗
fährt, im Gedächtniß haften geblieben. Seine Darſtellung, ſeine Herren, ſeine Damen gehören daher der friſcheſten Gegenwart an, und wer in denſelben Kreiſen mit ihm gelebt hat, der würde auch
wiſſen. Der⸗ jenige dagegen, der den Text verfaßt, gehört nachgerade der reiferen
Von Ludwig Steub.
sälpler.
Hälfte der Menſchheit an und hat ſich mit der Aufgabe, ſeine Almenpartie zu ſchildern, ſchon vor etwelcher Zeit auseinander geſetzt. Seine jungen Herren, die damals„wie Zicklein voraus⸗ hüpften“, ſind jetzt ſchon alle in hohen Würden; ſeine roſigen Mädchen, die damals„wie dienende Engel in der Alpenluft ſtrahl⸗ ten“, ſind mittlerweile alle etwas bräunlich und meiſtens Mütter
etwas erſchreckt
geworden, deren Söhne und Töchter nunmehr ebenſo voll Lieb und Luſt in den Bergen herumklettern, wie weiland die lieben Eltern gethan. Seiner Zeit hat er dann auch, was ihm der Genius in dieſem Betreffe zugeflüſtert, mit mehreren andern Bildern aus der Alpenwelt unter den Druck gegeben; es iſt aber ſelbiges Büchlein, wie es dem Verfaſſer auch in anderen Fällen begegnete, nicht gar viel oder eigentlich' nur von ſehr Wenigen geleſen worden, und darum möchte es wohl nicht indiscret erſcheinen, wenn er hier dieſe Schilderung daraus gewiſſermaßen als etwas Friſches und Neues wieder auf die Tafel bringt, um ſo mehr als ſeine Be⸗ ſchreibung recht wohl zu dem neuen Bilde ſtimmt. In anderer Weiſe hätte der Schilderer ſich nicht zur Sache zu ſteulen gewußt,
denn die ganze Beſchreibung wieder mit neuen Farben und nonen] Bildern herzuſtellen, ſchien ihm faſt unmöglich—
Es iſt ein weſentlicher Beſtandtheil eines Au⸗
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