Jahrgang 
11 (1865)
Seite
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zu rühren, und der Gedanke an die Möglichkeit, durch ſchnell er⸗ worbene Reichthümer ſich und die Seinen im fernen Vaterlande unabhängig zu machen, hatte ſo viel Lockendes für ihn, daß er kaum die Zeit abwarten konnte, die Tawanka feſtgeſetzt hatte, um die myſteriöſe Expedition zu unternehmen. Jedenfalls aber ſah er ein, daß er allein nicht im Stande ſei, die zu erwartenden Schätze auszubeuten, und daß er zu dieſem Zwecke ſich mit einem Com⸗ pagnon aſſociiren müſſe, der die ihm ſelbſt fehlenden Geldmittel vorſtrecken könne, um die Mine mit Erfolg zu bearbeiten, denn er erkannte die Wahrheit des ſpaniſchen Sprüchworts zu gut,daß man in ein Silberbergwerk eine Goldquelle leiten müſſe, um einträglich zu machen. Unwillkürlich fiel ihm bei dieſen Reflexio⸗ nen Mr. Jones ein, der ihm ja ſchon manchen guten Rath ge⸗ geben und das größte Intereſſe für ihn zur Schau getragen hatte. Disſen wollte er, falls derſelbe wieder nach Ontonagon käme, trotz des eindringlichen Verbots des Indianers in das Geheimniß ziehen, um mit ſeiner Hülfe und Geſchäftskenntniß das Unternehmen zu beginnen. Freilich warnte ihn eine innere Stimme vor dem auf⸗ dringlichen Amerikaner, deſſen lauernde Phyſiognomie gleich bei dem erſten Anblick einen unangenehmen Eindruck auf ihn gemacht hatte, indeſſen kannte Werner Niemanden anders, dem er ſich hätte anvertrauen mögen, und Jones hatte ja durch den Umſtand, daß

den Deutſchen von dem gefährdeten Theile des Schiffes bei Gelegenheit jenes Sturmes fortgeriſſen hatte, hinlänglich bewieſen, daß er dem unerfahrenen Ausländer wohlwollte.

Das Frühjahr war gekommen und mit ihm die erſehnte Zeit der Expedition. Werner hatte von ſeiner Compagnie auf einige Wochen Urlaub erhalten, und Tawanka wartete an einer kleinen Bucht nicht weit von Ontonagon mit ſechs ſeiner Krieger auf die Ankunft ſeines weißen Freundes. Sie hatten ein großes, feſtes Canoe, ein ſogenanntes Mackinawboot, conſtruirt und mit den nöthigen Vorräthen verſehen, da der Ertrag der Jagd und Fi⸗ ſcherei an den wüſten Küſten des Oberen Sees im Voraus nicht

es

zu berechnen iſt. Unmittelbar nach der Ankunft des Deutſchen, der ſich mit Pickaxt und Steinhammer verſehen hatte, ſtießen ſie ab, obgleich der Anblick des Himmels und des Maſdeus drohend

genug war, gerade, als wenn der Winter noch einmal ſein Recht wahren wollte. Aber es war jetzt zu ſpät, um einen andern Ent⸗ ſchluß zu faſſen und die Reiſe aufzuſchieben, und die Odſchibbewas kämpften nun gegen Wellen und Wind mit demſelben Muthe, mit welchem ihre Väter einſt den Kriegspf ad betreten hatten. Ehe die Sonne üfſtisg, lagen ſie ſchon auf ihren Rudern, und keine See war ſo rauh, daß ſie ihr nicht getrotzt hätten, obgleich die kurzen, ſich überſtürzenden Wellen rings um ſie kochten und ihre Geſichter

mit blendendem Schaum überſpritzten, den der bitter kalte Nord⸗ wind in ſcharfe Eistheilchen verwandelte.

Es war der fünfte Morgen nach ihrer Abreiſe, als ſie beinden matten Strahlen des untergehenden Mondes noch vor Tagesanbruch die ſüdliche Küſte des obern Sees im Nebel verſinken ſahen und noch vor Abend den Ort ihrer Be⸗

ſtimmung zu erreichen hofften, weil hier am Weſtende des Sees die Ufer ſich ſchon einander nähern. Die Luft war außerordent⸗ lich kalt, denn der Wind, welcher die Hände, die das Ruder führ⸗ ten, faſt erſtarren machte, kam direct von den Eisfeldern des Nord⸗ pols. Aber furchtlos fuhren ſie weiter und ſetzten mit dem ſcharf⸗ gebauten Canoe wie auf einem Rennpferde über die zerriſſenen Kämme der Wellen, ſo daß das Kielwaſſer hoch aufſchäumte. Mit der zunehmenden Tageshelle nahm auch der Wind zu, bis er ge⸗ gen Mittag zu einer gewaltigen Böe anwuchs, in deren Gefolge ſich dicke Schneewolken entluden und die Flocken ſo dicht herunter⸗ fielen, daß ſich die Rudernden kaum mehr erkennen konnten. Sie waren jetzt mitten auf dem See, hatten keine Landmarken mehr in Sicht und würden bei dem furchtbaren Aufruhr und Tumult

Elemente gewiß die Richtung verloren haben, wenn nicht wanka, der vorn wie ein zweiter Frithjof im Buge ſtand, aus der eiſigen Kälte des Windes die Richtung deſſelben beurtheilend, mit ausgeſtreckter Rechten den einzuſchlagenden Curs angegeben hätte.

Vorwärts ging es trotz Sturmwind und Wellen, und eine

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Meile nach der andern wurde zurückgelegt, bis der Schnee, der immer dichter fiel und ihnen alle Ausſicht nahm, jede Falte ihrer Kleider ausfüllte und ſich hoch am Boden des Bootes anhäufte, während der Orkan von Zeit zu Zeit mit heftigern Stößen ein⸗ ſetzte, welche die Wellen des Sees ſo in Aufruhr brachten, daß ſie jeden Augenblick über dem ſchwachen Canoe zuſammenzubrechen

drohten. Schweigſam und ſtetig, wie bronzefarbige Automaten, ruderten die Indianer weiter, ihren Häuptling unverwandt in das Auge faſſend, deſſen herculiſche Figur wie ein rieſenhafter Schatten im Vordertheil hervorragte, als ein plötzlicher Stoß ſie von ihren Sitzen warf und eine gewaltige Welle, vom Bug nach dem Sterne durch das Boot ſtürzend, daſſelbe gewiſſermaßen unter ihren Füßen wegriß und die ganze Bemannung nebſt Werner mit unwiderſteh⸗ licher Gewalt in die kochende Brandung ſtürzte.

Die Kataſtrophe kam ſo plötzlich und das Wirbeln der Schnee⸗ maſſen, das Heulen des Windes und das Brauſen der Wogen wirkten ſo betäubend, daß Werner im erſten Augenblick kaum ſeine

gefährliche Lage inne wurde, allein inſtinetmäßig begann er zu ſchwimmen, ehe die nächſte Welle ihn niederdrücken konnte. Rings

Ottern auf, aber er konnte Schneeflocken nicht ſehen. Auch Odſchibbewaſprache, wie ſie in raſcher aber das Brüllen der Brandung und die mangelhafte Kenntniß des Idioms erlaubten ihm nicht, dieſe Worte zu verſtehen. Halb erſtarrt in dem eiſigen Waſſer, geblen⸗ det durch den um ſein Haupt wirbelnden Schnee, wußte er nicht, in welcher Richtung er ſchwimmen ſollte, um das Ufer zu errei⸗ chen. Schon gab er die Hoffnung auf, daß ſein ſchwacher Hülfe⸗ ruf gehört würde, und ſchon ſchwebten die trüben Bilder der Ver⸗ gangenheit, ein kurzer Abriß ſeines ganzen Lebens, wie das bei Ertrinkenden der Fall zu ſein pflegt, vor ſeinem geiſtigen Auge, als er auf einmal die Stimmen der Indianer deutlicher zu hören glaubte. Sie ſchienen einander zuzurufen, um nicht auseinander zu kommen, und dieſe rauhen Kehllaute hatten etwas ſo wunder bar Ermuthigendes für den faſt den Kampf mit den Wellen auf⸗

um ihn her tauchten die Indianer wie ſie vor den dicht niederfallenden hörte er laute Ausrufe in der Folge einander zuſchrieen,

gebenden Werner, daß er ſeine letzten Kräfte zuſammenraffte und einen hellen, weithin tönenden Verzweiflungsſchrei ausſtieß. Augen⸗

blicklich wurde dieſer durch eine Menge Stimmen beantwortet und wenige Minuten nachher ſchon viel näher durch einen zweiten ein⸗ ſtimmigen Zuruf, der dem Deutſchen wie himmliſche Muſik erklang Unmittelbar darauf ſchwamm Tawanka bereits an ſeiner Seite, 9 ihm jede mögliche Unterſtützung gewährte, bis noch ein paar ſeis ner Leute herzukamen, mit deren Hülfe es nun nicht mehr ſchwer fiel, den erſtarrten und abgematteten Werner auf dem Felſen, an welchem vor einer Viertelſtunde das Canoe geſtrandet war und wohin die falkenäugigen Indianer ſich ſofort zu retten gewußt hatten, in Sicherheit zu bringen.

Nichts kann die erhabene Schönheit eines hellen Frühlings⸗ tages an den Geſtaden des Oberen Sees übertreffen, wenn der warme Südwind, der über den mexicaniſchen Golf wegſtreichend tropiſche Gluth eingeſogen, die Eisfelder von den Küſten abgelöſt hat. Der See iſt dann ruhig und glatt wie ein Spiegel und mit einer Menge von größern und kleinern, in allen Farben des Prisma ſchimmernden Eisbergen bedeckt, welche die wunderbarſten

und pikanteſten Formen zeigen. Die tiefſte Stille herrſch über den ſchweigenden, leicht gekräuſelten Gewäſſern, nur dann und

wann unterbrochen von dem donnerähnlichen Krachen der Gletſcher, mit welchen die höchſten Berge des Ufers gekrönt ſind, von dem rauhen Geſchrei des weißköpfigen Adlers, der in Spiralen gegin den blauen Aether aufſteigt, und von den heiſern Rufen delr Kraniche und ſchwarzen Schwäne, welche auf den niedrigern Klippen ihre alten Neſter ſuchen. Dieſe Seenerie und dieſe Eindrücke einer wilden Natur ſind einzig ſchön in ihrer Art, ſodaß Niemand, der ſie einmal empfunden, ſie vergeſſen wird. Aber es exiſtirt auch eine Kehrſeite dieſes ſchönen Gemäldes, eines Bildes, wie es der genialſte Maler nicht ſchaffen kann. Eine kurze Spanne Zeit ge⸗ nügt, um den Anblick der ganzen Gegend umzugeſtalten. Eiſige Windſtöße fahren jählings von den ewigen Schneefeldern des Nordpols hinunter, dicker, undurchdringlicher Nebel mit ſeinem Gefolge durcheinander wirbelnder weißer Flocken ſteigt auf, die in purpurnen Tinten ſchimmernden Gletſcher verbergen ſich im dunkeln, drohenden Gewölk, und von dem eben noch ſo pracht⸗ vollen Panorama bleibt Nichts zurück, als ein beſchränkter Ge⸗ ſichtskreis von ein paar Quadratruthen, der nur ſchwarze, aufge⸗ regte Wellen und phantaſtiſche Nebel gebild de zeigt.

Dieſelbe Erfahrung hatten die Odſchibbewas bei ihrer ge⸗ wagten Canoefahrt gemacht. Unmittelbar vor ihrem Aufbruch herrſchte das ſchönſte Frühlingswetter, gleich nach ihrer Abfahrt aber hatte der nordiſche Winter noch einmal ſeine ganze Tücke gezeigt, indeſſen ſie wären keine Indianer geweſen, wenn ſie ſich