Jahrgang 
1 (1865)
Seite
11
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Einige Jahre ſpäter kehrte ich von den Antillen nach Paris zurück; ich ſuchte alte Bekannte auf und erkannte, wie wenig Heine ſich in ſeinen Prophezeiungen getäuſcht hatte. Er war ſeiner furcht⸗ baren Krankheit erlegen.

Frau von Girardin war geſtorben.

0.

Alfred de Muſſet war der ſo lang geſuchte Dod Im ſeinem letzten Glaſe Abſynth geworden. An einem Laternenſpfahl in einer entlegenen Straße hatte man eines Morgens einen Leichnam hängen gefunden. Es war Gerard de Nerval, der ſich ſelbſt die Schlinge um den Hals gelegt hatte.

Norwegiſcher Bauern⸗Zweikampf.

Ein Volksbild von Adolf Tidemand.

Ein Tag der Freude war's, ein Hochzeitsfeſt, zu welchem die Gäſte aus ihren zerſtreuten Gehöften ſich ſammt ihren Familien im Hochzeitshauſe zuſammengefunden hatten. Wir überblicken den weiten Raum der Stube eines alten norwegiſchen Bauernhauſes vom Kellereingang bis zum Dach hinauf. Dieſe Stuben ſind ſo gebaut, daß das Hauptlicht von oben, vom Rauchfang kommt. Der durch die Rauchſchichten des Hintergrundes phantaſtiſch her⸗ vorragende Drachenkopf iſt eine krahnartige Vorrichtung, um den großen eiſernen Topf oder Keſſel über das Heerdfeuer zu halten. Durch hölzerne Klammern an der Hinterwand befeſtigt, kann der⸗ ſelbe hin⸗ und herbewegt werden. Der Drachenkopf ſpielt eine große Rolle bei allen älteren und ſelbſt noch neueren Verzierungen der norwegiſchen Bauernwohnung. Die Feuerſtelle iſt von Stei⸗ nen errichtet und außerhalb mit Holzbohlen bekleidet. Neben ihr hat in der Regel das große Familienbett ſeinen Platz.

Um die feſten Tiſche gereiht ſaß das harte, zähe Völkchen, dem die rauhe Natur der Heimath auch die Sinne gehärtet und den Geiſt geſteift hat; fremd der Beweglichkeit der Menſchen unter milderen Himmeln, geht, wie der Lauf des Blutes, der Strom der Gedanken und der Gefühle nur gemeſſenen Schritt; aber höher als irgend einem Landmann der ſtammverwandten germaniſchen Reiche hebt ihm die Bruſt das Mannesbewußtſein, der Freiheits⸗ ſtolz, ein unantaſtbares, ritterliches Ehrgefühl. Eben weil auf ſeinem Heimathboden kein Adelsſtand den Vorzug der Ritterlich⸗ keit für ſich allein forderte und mit ſeiner Wucht Bürger und Bauern zu unedler Niedrigkeit hinabdrückte, blieb die germaniſche Würde des Freien in Norwegen Eigenthum und Eigenſchaft des ganzen Volks. 8

Je ſtarrer beim Bauern die Lebensſormen und je beſtimmter ſie ausgeprägt ſind, um ſo gewaltiger brauſt die Leidenſchaft auf, wenn das bezaubernde Feuerwaſſer das träge Blut erhitzt und in Wallung gebracht hat und wenn dann ein ſcharfes Wort alten Groll ritzt oder den Stolz der Ehre verwundet. So ritterlich wahrte dieſes Volk die Würde der Freien, daß es ſelbſt von auf⸗ lodernder Feindſchaft nicht zu gemeiner Prügelei hingeriſſen wurde; der Zweikampf entſchied, eine Erbſchaft der Gottesurtheile, über letzie Recht, und ritterlicher als die Ritter, nicht geſchirmt hinter ſtählernem Panzer und Helm, bot der Kämpfer, Aug gegen

Aug, dem Gegner die freie Bruſt, und die Waffe Beider war die Streitart. Dieſe Aexte, die man noch häufig findet, wurden

als Stab und Waffe zugleich geführt; ſie waren zierlich gearbeitet und die Griffe, mit welchen man die Hiebe des Gegners parirte, mit eiſernen Schienen umwunden.

D;ie Zweikämpfe auch dieſer Bauern ſanden nach beſtimmten Regeln und zwar ſo häufig ſtatt, daß man erzählt, die Frauen hätten zu ſolchen Feſtlichkeiten ſtets das Todtenhemd ihrer Gatten mitgenommen, falls ſie's etwa nöthig haben ſollten; daß ſie aber

auf der Stelle und in Gegenwart der ganzen Verſammlung, wo ſie hervorgerufen worden, auch ausgekämpft wurden, iſt bei der einfachen Urſprünglichkeit des Weſens dieſes Volkes nicht anders zu erwarten. So ſehen wir auch auf unſerem Bilde den Kreis der Feſtgenoſſen noch an die Wände der Halle zurückgedrängt, wie ſie für den Kampf Geigenſpieler hatte ſeinen Platz behauptet. Und ſelbſt jetzt, wo

ſtehen noch Alle, vom Schrecken gebannt, 1b Kinder auf den erflohenen höheren Plätzen. Nur drei Männer legen Hand an den Todten und den Todeswunden, aber zwiſchen ſie drängt ſich die alte Mutter und flucht dem unſeligen Sieger, deſſen Scheideblick noch an ſeinem Opfer haftet.

Und wer iſt der Künſtler, dem wir dieſes neue Kleinod der

zwiſchen Heerd und Kellereingang der blutige Streit entſchieden iſt, im Kreiſe und die

freie Bahn gemacht hatten. Nur der alte

das norwegiſche

*

Adolf Tidemand iſt zu Mandal in Norwegen, am 14. Auguſt 1815 geboren. Wie der Lebensgang ſo vieler Männer, deren raſtloſes Schaffen ihren Namen zu einem vielgenannten erhebt, iſt auch der ſeinige bis jetzt ein ſehr einfacher geweſen. Von Kopenhagen, wo er ſeine Jugendzeit den Vorſtudien ſeiner Kunſt gewidmet, wollte er ſich nach München begeben, deſſen Kunſtruf für die Leute im Norden damals den meiſten Reiz hatte, gerieth aber auf ſeiner Reiſe nach Düſſeldorf und fühlte ſich hier und be⸗ ſonders in Hildebrandt's Nähe bald ſo heimiſch wohl, daß er nicht nur hier ſeine Studien vollendete, ſondern, nachdem er Italien geſehen und ſpäter ſeine Heimath wieder beſucht hatte, nach Düſſel⸗ dorf zurückkehrte, um da ſeinen Wanderſtab für immer niederzu⸗ legen. Er gehört, trotzdem er ſeitdem Mitglied der Akademieen zu Chriſtiania, Stockholm, Berlin, Kopenhagen und Amſterdam geworden, deren jede den genialen Mann gern in ihrem Kreiſe ſähe, mit ganzem Herzen dem Düſſeldorfer Künſtlerkreiſe an, wo ihn Liebe und Hochachtung von allen Seiten umgiebt.

Als Künſtler hat Adolf Tidemand für die Malerei ein neues Reich erobert, zu deſſen Beherrſchung ihm gerade die Düſſel⸗ dorfer Schule die rechten Mittel in die Hand gab. Früher der vaterländiſchen(d. h. norwegiſchen) Hiſtorie zugeneigt, fand er ſich bald durch die Nothwendigkeit, für die Darſtellung der Vergangen⸗ heit auch das Leben der Gegenwart ſeines Volks zu ſtudiren, von⸗ der großartigen Charaktereigenthümlichkeit deſſelben ſo angezogen, daß er fortan die Verherrlichung des norwegiſchen Volkslebens in allen ſeinen Aeußerungen von der höchſten Luſt bis zum tiefſten Leid zu ſeiner Berufsaufgabe erhob. Ging er damit, nach der ſchulmäßigen Claſſification, von der Hiſtorie zum Genre über, ſo hat er ſich doch nicht von den gewohnten Regeln deſſelben binden laſſen, ſondern ſowohl hinſichtlich der räumlichen Größe, als hin⸗ ſichtlich der Stoffwahl ſich die Hand frei erhalten. Indem er auch längſt untergegangene Sitten und Gebräuche ſeines Volks in den ſprechendſten Scenen darſtellt, nähert er ſich dadurch eben ſo ſehr der Hiſtorie, als er durch die Dimenſionen, die er für die Darſtel⸗ lung von Sitten und Gebräuchen der lebenden Generation an⸗ wendet, vom gewöhnlichen Maße des Genre abweicht. Aber in allen ſeinen Bildern weiß Adolf Tidemand, wie ſich ſehr tref⸗ fend ein neuerer geiſtreicher Kunſtkritiker ausſpricht, mit bewunde⸗ rungswürdiger Treue und Liebe den Typus des norwegiſchen Bauern zu ſchildern;er hat eine ungemeine Begabung für Aufſaſſung des Charakteriſtiſchen im Volke überhaupt ſowohl, wie in den einzelnen Individuen. Schlicht, natürlich und voll wahrer tiefer Empfindung, beſitzen ſeine Bilder außerdem noch das Verdienſt eines ſorgfältigen Studiums und meiſterhafter Behandlung. Mit Unrecht hat man ihnen den Vorwurf gemacht, daß ſie der Schön⸗ heit entbehrten. Die Köpfe ſeiner norwegiſchen Bauern ſind freilich nicht im gewöhnlichen Sinne ſchön, aber ſie ſind ſchön durch die Wahrheit und Tiefe der Charakteriſtik. In dem mit Hans Gude (dem berühmten Landsmann und Kunſtgenoſſen Tidemand's, dem Verherrlicher der Natur Norwegens, mit welchem derſelbe Vieles gemeinſam ſchuf, indem er mit ſeinen Genrefiguren deſſen Land⸗ ſchaften ausſchmückte) gemaltenLeichenbegängniß am Sognefjord: waltet ein Maß ſeelenvoller Schönheit, das durch hübſche Ge⸗ ſichtere nie und nimmer erreicht worden wäre. Außer den genannten Bildern gehörendie Haugianer(religiöſe dieKatechiſation eines Küſters in einer Laudkirche zu den ganz beſonders hervorzuhebenden Werken. 8

Wir können von unſerm Gegenſtand nicht ſcheiden, oh dringenden Wunſch gegen unſere deutſche ſtler. Iſt unſer deutſches Volk nicht derſelben Verherrlicht

e, oder iſt der ungeheux Stoſſ, den die. N. tämme vom Meer über die C 3

Norwegen

7

Künſt verdanken? Ein treues Kind des Volkes, das er durch

ſeine ſchönſten Werke verherrlicht.

ſchen 8 4 und vchgebi gen des Vaterlands bieten, 5* LS

Seete) und 4