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Geſchick die Rollen, ſchrieben ſie aus und machten ſich an's Aus⸗ wendiglernen. Den Winter hindurch gab es häufige Proben, die von Mathy geleitet wurden und Manche, beſonders aber die Dar⸗ ſteller der Hauptſiguren, ganz erheblich förderten, ſo daß ſie ſpäter das höchſte Lob ernteten. Daneben aber hatte dieſer künſtleriſche Eiſer noch anderen guten Erfolg. Mit ſrohem Erſtaunen berich⸗ teten die Gemeinderäthe, daß im Orte, was ſeit Menſchengedenken unerhört, nicht eine einzige Schlägerei vorkomme. Die Burſchen ſaßen eben nicht in den Wirthshäuſern, ſondern zu Hauſe, um ihre Rollen einzuüben, oder ſie waren bei der Einrichtung des Theaters beſchäftigt.
Das letztere entſtand in einem Flügel des Badehauſes. Den Plan zur Bühne erdachte der Maler Diſteli in Solothurn, der auch die Zeichnungen zu den Coſtümen lieferte. Das nöthige Holz wies der Gemeinderath im Walde an, wo es die Burſchen fällten, um es zur Verarbeitung in Bretter nach der Sägemühle zu ſchleppen. Zu Decorationen verhalf das Unglück eines Schauſpiel⸗ directors, der in Biel vor ſeinen Gläubigern mit Hinterlaſſung ſeiner Theatergeräthſchaften flüchtig geworden. Die höhere Kunſt⸗ fertigkeit erfordernden Coſtüme baute der Dorfſchneider mit ſeinen Geſellen, die übrigen wurden von den Mädchen und Frauen Gren⸗ chens beſchafft. Die Helme und Harniſche, Schwerter, Spieße und Hellebarden lieferte der reiche Schatz des Solothurner Zeughauſes, ja die Regierung lieh aus demſelben ſogar eine alte Feldſchlange aus den Burgunderkriegen.
Im Februar war man ſo weit, daß man die Theaterzettel austragen konnte. Endlich kam der Tag der erſten der drei Auf⸗ führungen, zu denen man ſich theils aus dem Wunſche, ſich recht vielen Menſchen zu zeigen, theils um die Einnahme zu mehren, entſchloſſen hatte.„Es war Sonntag, der 15. März 1840. Schon am Mittag war das Dorf in Bewegung. Um zwei Uhr ordneten ſich die Schauſpieler zum Zuge, welcher ſich dann auf der alten Landſtraße, die ſich von Grenchen nach dem Bade, in deſſen Gebäude die Aufführung ſtattfand, an der Höhe hinaufzieht, in Marſch ſetzte. Noch bedeckte Schnee den Boden, aber die Sonne ſchien hell. Voran ein Wagen mit einer Blech⸗ muſikbande aus Fulda, welche gerade die weſtliche Schweiz be⸗ reiſte und jetzt einen feierlichen Marſch ſpielte. Dann die Ritter und Reiſigen, Zwei und Zwei in glänzenden Burgunderharniſchen, wohl an die vierzig Pferde. Dann wieder Wagen, geſchmückt mit Tannenzweigen und Bändern, beſetzt mit den Frauen und Jung⸗ frauen aus Adel und Volk. Den Schluß des Zuges bildete das Fußvolk mit ſeiner Kanone. Es war kein ſchlechtes Bild aus alter Zeit. Die Waffen erglänzten im Sonnenſchein, und die Geſtalten hoben ſich ſcharf von der blendenden Schneedecke.“
Die Aufſührung begann gegen drei Uhr und währte etwa vier Stunden. Der Erfolg war ein außerordentlicher. Das ge⸗ füllte Haus ſpendete lauten Beifall. Der Dirigent, Lehrer Mathy, verlebte hinter den Couliſſen ängſtliche Augenblicke, wenn die kämpfenden Recken trotz aller Ermahnungen mit den langen, ſcharfen Schwertern aufeinander losſchlugen, daß die Funken ſtoben, indeß lief Alles gut ab. Auf das Spiel folgte ein Abendeſſen der Acteurs und der Dorfhonoratioren, dann ein Ball. Noch um Mitternacht tanzten die Ritter in ihren ſchweren Rüſtungen, die ſie zu Mittag angelegt hatten— ein glänzender Beweis, daß dieſes Geſchlecht den Vätern, die bei Murten und Granſon ge⸗ fochten, an Körperkraft nicht nachſtand.
Glücklich, wie dieſe erſte Vorſtellung des„Hans Waldmann“, verliefen auch die beiden folgenden. Das ganze Unternehmen aber hatte die Folge, daß der neue Schulmeiſter auch in die fröhlichen Erinnerungen des Schweizerdorfes hineinwuchs. Das Haus, in dem er wohnte, ſtand an der alten Landſtraße, dahinter befand ſich ein kleiner Obſtgarten, hinter dieſem eine Wieſe, die Futter für zwei Ziegen lieferte. Zu ebener Erde war Mathy's Wohn⸗ ſtube, im erſten Stock der Schulraum und ein Fremdenzimmer. Der nähere Umgang des Lehrers mit den Männern des Dorfes kam auch der Schule zu Gute, für deren Bedürfniſſe jetzt reich⸗ licher geſorgt wurde. Die Schüler wetteiferten in Aufmerkſam⸗ keiten gegen die Kinder ihres Lehrers. Sie beſtellten ſeinen Gar⸗ ten, mähten ihm ſein Heu und brachten es ein, von ihnen erhielt er die früheſten Erdbeeren und, wenn der Bach gefiſcht wurde, die ſchönſten Forellen. Ihr Eifer im Lernen wuchs fortwährend.„Die deutſchen und franzöſiſchen Aufſätze der Fähigeren,“ ſchreibt Mathy
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in den Erinnerungen, die hier ausgezogen ſind,„durften ſich ſehen laſſen. Sie löſten Gleichungen zweiten Grades mit Leichtigkeit, erklärten die Einrichtung der Uhr, der Mühle und der Dampf⸗ maſchine, wie die Geſetze, auf denen ihre Wirkung beruht, und laſen im Cornelius Nepos und Cäſar. Der Unterricht in der vaterländiſchen Geſchichte wird in der Schweiz überall ſorgfältig betrieben, doch nur in den glänzenderen Partien. Die Schlachten bei Morgarten, Sempach und Murten kennt jedes Kind. Aber
die Unterthänigkeit ihrer Regenten, die franzöſiſchen Penſionen und
Gnadenketten werden gewöhnlich mit Stillſchweigen übergangen. Mir ſchien es zweckmäßig, das Licht nicht ohne den Schatten zu geben.“
Mathy hielt es für Pflicht, ſeinen begabteren Schülern weiter zu helfen. Schon vor dem Schluſſe des zweijährigen Curſus ſeiner Anſtalt zeigten ſich zwei derſelben reif für die Cantonsſchule in Solothurn, die neben der gelehrten Abtheilung auch eine techniſche beſaß. Da die jungen Leute unbemittelt waren, ſo mußte auch für ihren Unterhalt geſorgt werden. Mathy ſprach deshalb mit dem Landammann und dem Rath für das Erziehungsweſen und hatte die Freude, zu ſehen, daß dieſelben ſich zur Unterſtützung der Betreffenden bereit zeigten. Auch ein zweites und ein drittes Paar wurde auf dieſe Weiſe untergebracht und weiter gefördert. Für die ſpäter für die höhere Lehranſtalt Gereiften mußte Mathy ſich nach andern Mitteln umſehen. Er rieth ihnen, ſich an die Capuziner in Solothurn zu wenden, welche durch ihre Vorſchriften verbunden waren, armen Studirenden Wohnung und Koſt zu geben. Sie folgten dem Rath und hatten es nicht zu bereuen. Aber Landammann Munzinger empfand das übel. Als der Lehrer ihn das nächſte Mal in ſeinem Laden beſuchte— der erſte Be⸗ amte des Cantons, der ſpätere Bundespräſident der Schweiz, war nämlich Kaufmann—, fragte er verdrießlich, ob Mathy nicht wiſſe, daß den Knaben bei den Capuzinern Grundſätze eingeprägt würden, die nicht die ſeinigen ſeien.„Das weiß ich wohl,“ wurde ihm erwidert,„aber ich weiß noch mehr. Einmal, daß Schüler leben müſſen, wenn ſie lernen ſollen, dann, daß Knaben, welche zwei Jahre bei mir geweſen, ſo verdorben ſind, daß ihnen kein Capuziner mehr hilft.“—„Dann bin ich auch zufrieden,“ ſagte Munzinger.
Das Jahr 1840 brachte Deutſchland und der Schweiz den Franzoſenlärm. Das Wetter verzog ſich, die Kriegswolken ſchwan⸗ den, aber ſie hinterließen in Deutſchland eine Bewegung in den Gemüthern, welche den nationalen Gedanken in den Vordergrund treten ließ und der eine Reihe folitiſch erregter Jahre folgte. Dieſe Zeit führte auch Mathy in das Vaterland zurück. Freunde riefen ihn; im Gefühl, nützen zu können, entſprach er dem Rufe. Aber„es koſtete längeren innern Kampf“. Zu Weihnachten ging er. Die Trennung von den Schülern machte er kurz ab. Er ſchenkte jedem ein Buch, ſagte ihnen Lebewohl und entfernte ſich ſchnell.
„Es war em kalter dunkler Wintermorgen,“ ſo erzählt Mathy das Ende dieſer charakteriſtiſchen Epiſode ſeines Lebens, „als wir vom Wirthshauſe, in welchem wir die letzte Nacht zu⸗ gebracht, abfuhren. Groß war unſere Ueberraſchung, als wir in der frühen Stunde und der grimmigen Kälte die Bevölkerung, Männer, Weiber und Kinder, gedrängt vor dem Hauſe und längs der Landſtraße ſtehen ſahen. Sie wollten uns noch einmal die Hand drücken, ſie riefen Lebewohl zu, und noch andere Rufe ver⸗
nahm ich: ‚Es iſt gefehlt, daß Ihr von uns fortgeht.— ‚Ihr müßt wiederkommen.“— ‚Ihr ſollt das Bürgerrecht haben. Sie
hoben die Kinder in die Höhe: ‚ſeht ihn noch einmal, ſeht ihn noch einmal!' Die Peitſche knallte und der Wagen fuhr davon.“
Mathy iſt wiedergekommen zu ſeinen Grenchnern, mehr als ein Mal, auch von Leipzig aus. Das Solothurner Dorf gehörte zu ſeinen liebſten Zielpunkten in den Sommerferien. Ob man ihm noch das Bürgerrecht in der Gemeinde verliehen, weiß ich nicht. Er bedurfte ſeiner nicht, er hatte ſich das Bürgerrecht in den Herzen erworben, hier wie allenthalben, wo er gelebt.„Es iſt gefehlt, daß Ihr fortgeht,“ ſagten ihm auch in Leipzig die trüben Blicke der Freunde in der Scheideſtunde, als er in den Wagen geſtiegen, der ihn der Heimath zuführen ſollte.„Es iſt gefehlt, daß Ihr fortgeht,“ werden alle Guten in Baden gegen das Schickſal geklagt haben, als er die letzte Reiſe antrat in das unbekannte Land, das ſie die ewige Heimath nennen.
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