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Vorſpielers und Hofconcertmeiſters der Kaiſerin geſellte. Ein eigen⸗ thümlicher Zufall zwang ihn, ſeine vielen früher theils entworfenen, theils ausgeführten Werke von Neuem zu componiren. Auf der Reiſe nach Petersburg nämlich mußte er die Kiſte, welche ſeine ſämmtlichen Manuſcripte enthielt, an der Grenze zurücklaſſen, weil man in den Noten eine geheime revolutionäre Chiffreſchrift argwöhnte, wie denn dergleichen geheime Correſpondenzen damals wirklich vorgekommen ſein ſollen. Man hielt ihn für einen Emiſſär und er war nahe daran, nach Sibirien transportirt zu werden. So mußte er ſich längere Zeit in Petersburg verborgen halten, bis es ihm gelang, ſeine kritiſche Lage durch den Grafen Wielhorsky, ſeinen Gönner, zur Kenntniß der Großfürſtin gelangen zu laſſen, wodurch von weiterem Vor⸗ gehen gegen ihn abgelaſſen wurde. Aber ſeine Manuſeripte waren trotz aller Nachforſchungen nicht wieder zu erlangen, und er hat ſie niemals wieder geſehen. Und ſo ſah ſich Rubinſtein genöthigt, an die Wiedergeburt des Verlorenen zu gehen, was ihm auch mit Hülfe ſeines eminenten Gedächtniſſes größtentheils gelang. Dieſe Thätigkeit, verbunden mit neuen Schöpfungen, die jetzt in un⸗ unterbrochener Folge hervorquollen, hielt ihn bis zum Jahre 1851 in Petersburg gefeſſelt.
Nun erachtete es Rubinſtein an der Zeit, mit ſeinen Werken vor die Welt zu treten. Von ſeinen beiden Gönnern mit Mitteln großmüthig verſehen(der Graf allein machte ihm ein Reiſegeſchenk von zweitauſend Silberrubeln), trat er drei Jahre ſpäter ſelbſt⸗ ſtändig ſeine erſte Rundreiſe als Virtuos und Componiſt nach Deutſch⸗ land, Frankreich und England an. Als Virtuos feierte er überall Triumphe, während mit ſeltener Ausnahme die Kritik ſich ſeinen Compoſitionen, zumal im Beginn, gegneriſch, um nicht zu ſagen erbittert feindlich zeigte. Indeſſen hatten die Leipziger Verleger eine geſundere Anſicht, ſie veröffentlichten ſeine Werke und honorirten ſie gut. Jetzt erſchienen Rubinſtein's Compoſitionen aller Art maſſen⸗ haft auf dem Muſikmarkte, was ihm von mancher Seite den Vor⸗ wurf des Vielſchreibers zuzog. Bedenkt man indeſſen, daß dieſe Werke in einer längeren Reihe von Jahren entſtanden und nur die Verhältniſſe eine Herausgabe auf einmal mit ſich brachten, ſo erſchien dieſer Vorwurf grundlos. Der uns vergönnte Raum er⸗ laubt nicht, allen ſeinen Hin⸗ und Herfahrten ausführlich zu folgen. Wir wollen nur einige Hauptmomente kurz berühren. 1856 war er zu den Feierlichkeiten der Krönung des Kaiſers nach Petersburg zurückgerufen worden. Hier componirte er ſeine Jubel⸗ ouverture, für deren Widmung er vom Kaiſer mit einem koſt⸗ baren Juwel belohnt wurde. Im Gefolge der Großfürſtin ging er mit nach Nizza, machte dann wieder eine größere Kunſtreiſe, wobei er immer fleißig componirte, meiſt große Werke, z. B. ein Oratorium,„das verlorene Paradies“, eine große Oper,„die Kin⸗ der der Haide“, für Wien.
Nubinſtein's Stellung in Petersburg, ſowie auch ſonſtige Ver⸗ hältniſſe daſelbſt hatten ſich inzwiſchen derart geſtaltet, daß er es unternehmen konnte, einen lange gehegten Plan mit Ausſicht auf Erfolg in's Werk. zu ſetzen. Von mächtigen Gönnern unterſtützt, ſtand binnen Jahresfriſt die„Ruſſiſche Muſikgeſellſchaft“ als eine mit künſtleriſchen Kräften und Geldmitteln reich dotirte Anſtalt vollſtändig in's Leben gerufen da, und ein Jahr ſpäter war auch das alle Fächer der Tonkunſt umfaſſende Conſervatorium in Wirk⸗ ſamkeit geſetzt. Für beide Inſtitute hat er eine aufopfernde und für die dortigen Zuſtände heilſame Thätigkeit entwickelt. Als Leiter des Conſervatoriums z. B. oblag ihm nicht nur das Ge⸗ ſammte der Verwaltung, ſondern auch die Organiſation und Ueberwachung des Unterrichtes, die Abhaltung der Zöglings⸗ übungen, endlich die Ertheilung des Compoſitionsunterrichts.
Bei dieſer erdrückenden Beſchäftigungsfülle gab er noch Privat⸗ unterricht und fand Zeit für's Componiren. Es entſtanden in dieſer Epoche die lyriſche Oper„fera mors“(in Dresden gegeben,
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zwei Clavierconcerte, eine große zwei⸗ und eine gleich große vier⸗ händige Clavierphantaſie, Kammermuſik, Chöre, Lieder, Clavier⸗ ſtücke, die Symphonien in A- und C dur(„Ocean“) ꝛc. Eine ſo aufreibende Thätigleit konnte nur aus der hingebendſten Liebe zu den von ihm geſchaffenen und zu ſo hoher Blüthe gebrachten Anſtalten hervorgehen, und ſie macht es zugleich erklärlich, daß ein Eingreifen anderweitiger, mit ſeinen Tendenzen im Widerſpruch ſtehender Einflüſſe ihn beſtimmen mußte, dieſe Schöpfungen zu⸗ nächſt ſich ſelbſt zu überlaſſen.
Es erübrigt nur noch, von dem Componiſten Rubinſtein, wie er heute vor uns hintritt, ein gedrängtes Bild zu entwerfen.
Bei der ungeheueren productiven Kraft, die in dieſem Künſtler lebt und wirkt, kann man den Culminationspunkt ſeiner Entwicke⸗ lung, ſo bedeutend und ausgeprägt ſeine Individualität bereits erſcheint, noch nicht abſehen; ſicher ſteht er aber, auf gewiſſen Gebieten, jetzt ſchon nicht unter den Epigonen, ſondern als ein Unicum da.
Seine Erfindung iſt von vollſter Urſprünglichkeit, ſchwunghaft, nicht angekränkelt von des Gedankens Bläſſe, männlich, geſund, tief und warm, groß und gewaltig. Er beherrſcht alle Formen und Mittel mit Leichtigkeit, ſein Geſchmack iſt von ausgeſuchter Feinheit, ſeine Richtung durchaus edel. Faſſen wir den allge⸗ meinen Charakter der Rubenſtein'ſchen Muſik, ſeine Art und Weiſe in Tönen zu denken und zu fühlen, in's Auge, ſo müſſen wir dieſe als eine der Entwickelung des modernen Bewußtſeins vollkommen angemeſſene, ja gewiſſermaßen als den Ausdruck dieſer Entwickelung ſelbſt erkennen. Die Breitzügigkeit ſeiner Melodie, der Reichthum und die Feinheit ſeines harmoniſchen Gebahrens ſtempeln ihn im edelſten Sinne zum modernen Künſtler, der vor⸗ zugsweiſe auf abſolut muſikaliſchem Boden ſteht.
In ſeinen Geſangcompoſitionen ſucht er nicht die ſogenannte Melodie der Sprache, ſondern die Melodie des Gefühls. Zu der Höhe, philoſophiſche Ideen in ſeinen Inſtrumentalcompe⸗ ſitionen auszudrücken, vermag oder will er ſich nicht erheben; hin⸗ gegen analogiſirt er die mannigfaltigſten Stimmungen des Ge⸗ müths in prägnanten Weiſen. Am nächſten ſchließt er ſich der Richtung Mendelsſohn's und Schumann's an, inſoweit als bei einem originellen Talent von einem Anſchluß die Rede ſein kann. Als Melodiker iſt Rubinſtein weniger elegiſch-ſentimental als Mendelsſohn, weniger verdüſtert als Schumann, kraftvoller als Beide. Seine Muſik iſt vorwiegend wohlgelaunt; manchmal wird ſie verdroſſen, jammernder Weltſchmerz iſt ihr aber fremd. Jenes gewiſſe ſtrengmarkirte, entſchieden auftretende, ſcharfgeſchnittene Relief ſeiner Themen und die phantaſiereiche, immer neu erſchei⸗ nende Umwandlung derſelben erinnern an Beethoven's Geiſt und Kunſt,— der natürliche Zauber ſeines Geſanges an Schubert's tiefgemüthvoll hervorſtrömenden Melodienquell.
Daß Rubinſtein einen bedeutenden Fond gediegener literariſcher, wiſſenſchaftlicher und ſocialer Weltbildung, daß er im Umgange den Mann der feinſten Weltbildung und umfaſſende Beleſenheit zeigt, wird Jeder wiſſen, der in näheren Verkehr mit ihm zu treten Ge⸗ legenheit hatte und hat. Als Menſch iſt Rubinſtein ein offener, gerader Charakter, im Umgange von gewinnender Liebenswürdig⸗ keit, beſcheiden, ohne ſeinem Werthe etwas zu vergeben, im Geſpräche geiſtreich, mitunter witzig, wohlwollend im Urtheil, gegen Freunde mittheilſam, im Allgemeinen mehr ernſt als heiter. Vor zwei Jahren hat er ſich mit einer jungen Nuſſin aus vornehmer Familie verheirathet.
Als Clavierſpieler iſt Rubinſtein ſo oft beſprochen worden, daß nur Wiederholung möglich wäre. Er ſteht, ſeit Liszt in dieſer Richtung der Oeffentlichkeit entſagte, ohne Rivalen da. Wer ihn auf ſeiner jetzigen großen Rundreiſe zu hören Gelegenheit hat, wird dieſes Urtheil beſtätigen.
Im December 1830 brach, vorzüglich durch die Bemühungen des trefflichen Munzinger, im Kanton Solothurn das Regiment der Geſchlechter zuſammen und mit ihm die alte„gute“ Zeit der Ausbeutung des Volkes durch Einzelne, der Rechtspflege, die mehr Unrechtspflege war, der vernachläſſigten Verkehrsmittel, der ver⸗
Eines deutſchen Mannes Vild.
2. Grenchen.
kommenen Schulen. liberale Partei ihr Reformwerk an, mit Zäbhigkeit widerſtand demſelben die beſiegte, indem ſie dabei von der Geiſtlichkeit unter⸗ ſtützt wurde, die nichts verſäumte, um das Volk gegen die neue Ordnung der Dinge aufzureizen. Namentlich mußten mehrere Ge⸗
Mit energiſcher Hand griff die ſiegreiche
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