271
Neſhdanow blickte unter den krummen Zweigen des Baumes, unter welchem er ſtand, zum niedrigen, grauen, theilnahmlos⸗blinden und naſſen Himmel empor, gähnte, ſchauderte und dachte: „Es bleibt mir nichts Anderes übrig! Ich kann doch nicht zurück nach Petersburg ins Ge⸗ fängniß;“ — dann ſchleuderte er die Mütze fort und ſetzte — ein gewiſſes, häßlich⸗herbes, beklemmendes Dehnen vor⸗
ausempfindend — den Revolver an die Bruſt Es war, als ob ihn Etwas ſtieße nicht einmal ſeh heſtih aber er lag ſchon auf dem Rücken und
ſuchte zu begreifen was ihm war und wie es zuging daß er eben Tatjana geſehen? Er wollte ſie ſogar an⸗ rufen und ihr ſagen: „Ach, es iſt nicht nöthig!“ — Aber⸗ ſchon war er ganz ſtarr geworden und über ſeinem Geſicht, ſeinen Augen, ſeiner Stirn und im Gehirn flimmerte ein trüber, grauer Wirbel — und Etwas furchtbar Schweres und Flaches drückte ihn für immer zur Erde nieder.
Neſhdanow hatte nicht ohne Grund Tatjana zu ſehen gemeint; gerade in dem Augenblicke, als er den Hahn des Revolvers abdrücken wollte, war ſie an ein Fenſter getreten und hatte ihn unter dem Apfelbaume erblickt. Sie hatte kaum Zeit gehabt zu denken: „Was ſteht er doch, bei dieſem Wetter, dort ohne Mütze unter dem Apfelbaum?“ als er auch ſchon hinſank, wie eine Garbe. Einen Schuß hatte ſie nicht gehört — er war ſehr ſchwach geweſen; — aber ihr ahnte Schlimmes, und ſie ſtürzte ſofort in das Gärtchen hinunter.. ..
Sie lief zu Neſhdanow hin . . . „Alexei Dmitrie⸗ witſch, was iſt Ihnen?“ Allein die Sinne waren ihm ſchon geſchwunden. Tatjana beugte ſich über ihn und ſah das Blut . . . — „Paul!“ ſchrie ſie mit ganz entſtellter Stimme: „Paul!“ —
Einige Minuten ſpäter waren — Marianne, Sſolomin, Paul und zwei Fabrikleute in dem Gärtchen. Neſhdanow wurde aufgehoben, in's Haus gebracht und auf daſſelbe Sopha gelegt, auf welchem er ſeine letzte Nacht zugebracht hatte.
Er lag mit halbgeſchloſſenen, ſtarren Augen und blau
ewordenem Geſichte auf dem Rücken — und röchelte angſam und ſchwer; zuweilen ſchluchzte er auf, als ſticke er. Das Leben hatte ihn noch nicht verlaſſen.
Marianne und Sſolomin ſtanden zu beiden Seiten des Sopha's — Beide faſt eben ſo bleich wie Neſhdanow ſelbſt. Sie waren Beide niedergeſchlagen, erſchüttert, ver⸗


