25
ſich mit bitterem Spotte ausdrückte, d. h. für die hiſtoriſch⸗ philoſophiſche Facultät. Der Vater Neſhdanows kam mit ihm nur drei⸗, viermal im Jahre zuſammen — intereſſirte ſich aber für ſein Schickſal — und vermachte ihm bei ſeinem Tobe 6000 Rubel Silber „zur Erinnerung an Naſtenka“ (ſeine Mutter) — ein Capital, deſſen Procente die Fürſten G. ihm unter dem Namen einer Penſion auszahlten.
Paklin nannte ihn nicht unrichtig einen Ariſtokraten; Alles an ihm bekundete ſeine Abkunft: kleine Ohren, Hände, Füße, kleine, aber feine Züge, ſeine zarte Haut, das dichte Haar, ſelbſt die etwas ſchnarrende, aber angenehme Stimme. Er war ſehr nervös, ſehr egoiſtiſch, impreſſionabel und ſogar eigenſinnig; die falſche Stellung, in welcher er ſich von ſeiner Kindheit an befand, bildete in ihm Empfindlichkeit und Reizbarkeit aus; jedoch ſein angeborner Edelmuth ließ ihn nicht argwöhniſch und mißtrauiſch werden.
Dieſelbe falſche Stellung Neſhdanows erklärt auch die Widerſprüche, welche in ſeinem Weſen zuſammenſtießen. Reinlich bis zur Pedanterie, ekel bis zur Uebertreibung, mühte er ſich ab cyniſch und grob in ſeiner Rede zu ſein; Idealiſt von Natur, leidenſchaftlich und keuſch, kühn und ſchüchtern zu gleicher Zeit, ſchämte er ſich ſeiner Schüchtern⸗ heit und ſeiner Keuſchheit wie eines ſchimpflichen Laſters und hielt es für ſeine Pflicht ſeine Ideale zu verſpotten. Er hatte ein zartes Herz und ſcheute die Menſchen; er war leicht erzürnt, — aber niemals nachtragend. Er war un⸗ willig über ſeinen Vater, weil dieſer ihn für die „Aeſthetik“ beſtimmt hatte; offenkundig, und vor den Augen Aller beſchäftigte er ſich ausſchließlich mit politiſchen und ſocialen Fragen — bekannte ſich zu den extremſten Anſichten — (und bei ihm waren ſie keine bloßen Phraſen!) und er⸗ freute ſich im Verborgenen an der Kunſt, der Poeſie, an dem Schönen in jeglicher Form . . . er dichtete ſelbſt. ..
Das Heft, in welches er die Gedichte eintrug, verbarg er ſorgfältig und von ſeinen Petersburger Freunden ver⸗
muthete nur Paklin. vermöge ſeiner feinen Spürnaſe, die
Exiſtenz deſſelben. Nichts kränkte und beleidigte Neſhdanow mehr, als die leiſeſte Anſpielung auf ſein Dichten, dieſe, wie er meinte, unverzeihliche Schwäche.
Durch die Bemühungen ſeines Schweizer⸗Erziehers
beſaß er viel poſitive Kenntniſſe und fürchtete ſich nicht
vor der Arbeit; er arbeitete ſogar gern, — aber fieberhaft und ohne Ausdauer. Seine Kameraden liebten ihn . . . . ſeine innere Wahr⸗ haftigkeit, Güte und Reinheit des Herzens zogen ſie an —


