In gewöhnlichen Zeiten würde man einen ſolchen Mann drav nennen, jetzt wird er mehr, als ein gewöhnlicher Sterblicher; in gewöhnlichen Zeiten würde jeder ihm voll Achtung die Hand drücken, nun kniet man ſtaunend zu ſeinen Füßen. Solch' ein Mann war Boudewijn Gerardz *) van Herte, Generalvicar des Bisthums Utrecht, und was mehr war als dieß, was ſeinem Amte noch mehr Einfluß gab, der Freund, der innig vertraute Freund des Biſchofs. Er hatte das geiſtliche Gewand aus voller freier Wahl genommen; ihn zwang keine Armuth dazu; es lockte ihn keine Luſt am Müſſiggang zum bequemen Mönchs⸗ leben; es trieb ihn kein Stolz zu einem Stande, der in gewiſſer Beziehung doch ſtets Herrſchaft verlieh. Als einziger Sohn eines reichen Bürgers von Utrecht wäre ſeiner Ehrſucht ein weites Feld in der Vaterſtadt offen geweſen und auch ohne die Einſamkeit des Kloſters hätte ſein Leben ein bequemes ſein können; er hatte aber ſchon in ſeiner Jugend dieß ſtille Aſyl geſucht, um da, fern allem irdiſchen Gewühl ſich frei und ganz ſeiner Liebe für die Wiſſenſchaft hin⸗ geben zu können. Aber er hatte im Kloſter nicht das ge⸗ funden, was er darin geſucht; wohl Ruhe genug, aber keine Spur von gemeinſamem Streben nach einem großen Ziel. Die plumpe Unwiſſenheit der Moͤnche ſeiner Zeit, ihre Theilnahmloſigkeit gegen Dasjenige, wofür er in warmer Begeiſterung glühte, ihr ſtlaviſches Kleben an leeren Re⸗ ligionsformen bei gänzlichem Mangel an wahrem reli⸗ giöſem Sein würden ihm bald unausſtehlich geworden ſein, wäre es nicht eine große Wahrheit, daß der Wei⸗ ſeſte ſtets auch der Zugebendſte iſt. Er beklagte ſie, er vergab ihnen; wo er ein ernſtlich Wort über Beſſerung ſprechen konnte, da ſprach er es, ohne darum zu viel von einem guten Eindruck zu erwarten; da er aber wohl wußte, daß das Beiſpiel der überzeugendſte Prediger iſt,
»(Dasz hinter dem holländiſchen Vornamen bedeutet zoon, Sohn, alſo hier Baldnin Gerhards Sohn.


