2
könnt das ja anders wo leſen; wir wollen ihn hier ſelbſt ſprechen laſſen.
Die letztgeſprochenen Worte hatte beide in ſchweigen⸗ des Sinnen Lerfallen laſſen, welches der Prieſter unter⸗ brach, indem er mit leiſem Lächeln eine abgelaufene Sand⸗ uhr umwandte.
„Es iſt in der That drei Uhr Morgens, ſo haben wir uns in's Sprechen vertieft und ihr ſeid von dem ſchnellen Zuge gewiß ermüdet, mein Bruder.“
„Es thut nichts, wenn ich auch ein wenig ſpäter zur Ruhe gehe,“ ſprach Paul; „ich benutze gern den Augenblick, der noch mein iſt. Wie können wir Sterbliche mit Ge⸗ wißheit auf morgen rechnen.“
„Ganz wie ihr es wünſcht, denn wahrlich, ſie ſind mir unſchätzbar, die Stunden, welche ich mit Euch in der ſüßen Einſamkeit hier verbringen kannz ehe wir aber fort⸗ fahren, trinkt einmal und ſtärkt Euch mit einem Zuge dieſes guten Weines. Ich bin doch ein recht ungeſchickter Wirth, vergeſſe meiſt, Euch zu nothigen und erbaue Euch wenig durch mein böſes Beiſpiel.“
Und während er dem Gaſte perlenden Wein in den Becher goß, nahm er aus dem ſeinen nur einen Zug Waſſer, doch ohne prahlende Geſuchtheit.
„Ihr trinkt nie Wein?“ frug Paul.
„Noch irgend etwas, was das Blut aufregen und die Sinnlichkeit reizen könnte,“ ſprach der Andre, düſter vor ſich hinſchauend, wie wenn er ſich dieſer Enthaltſamkeit ſchäme; doch gleich darauf fuhr er ſeufzend fort;
„Bruder, ich faſte und martere mein Fleiſch fort⸗ während, um dem Geiſte die Oberhand über daſſelbe zu ſichern, denn meine Natur neigt ſich ſehr den Genüſſen und Freuden des Lebens zu.“
Man ſah ihm an, daß dieß keine Lüge war. Die Natur hatte Leidenſchaften in dieſen Mann gelegt, die ſprachen aus jedem ſeiner Züge, aus all ſeinen Bewegun⸗ gen, ſelbſt aus ſeinem kurzen und ſchnellen Athemholenz


