—
127
„Mein Junge, erinnerſt Du Dich genau der Summe,
welche der Verkauf einiger berühmter Keller betragen at?“
„Ja, mein lieber Oheim,“ antwortete Michel. „Der Keller des Herzogs von Suſſer in London iſt um 280,000 Franken verkauft worden; der Keller von Herrn Laffite in Paris iſt, wie ich glaube, um 100 000 Fr. verkauft worden; der von Herrn Lagilliöre, auch in Paris, um 160,000 Fr.“
„Nun, Don Diego,“ ſagte der Doctor zu ſeinem Gaſte, „was denken Sie hievon? Glauben Sie, das ſei ein Gräuel, wie es dieſer liſtige Abbé Ledour ver⸗ ſichert, der uns duckmäuſeriſch beobachtet . . . Glauben Sie, ſie ſei in ſich eines Bannfluches würdig, dieſe Leidenſchaft, welche unter Anderem eine Induſtrie von dieſer ungeheuren Bedeutung begünſtigt? Denken Sie an die Koſten für Arbeitslohn, Transport, Erhallung, auf welche ſich ſolche Keller belaufen müſſen! Wie viel Leute haben von den Kapitalien gelebt, die ſie reprä⸗ ſentirten!“
„Ich denke,“ rief der Domherr, „ich denke, ich war ein Blinder, ein Wahnfinniger, daß ich das ungeheure induſtrielle, politiſche und ſociale Gewicht von dem, was ich that, indem ich mit Auswahl aß und trank, nicht begriffen habe. Ich denke, daß nun das Bewußtſein, ich erfülle eine Sendung von öffentlichem Intereſſe, wenn ich mich einer zügelloſen Schlemmerei hingebe, für mei⸗ nen Appetit ein köſtliches Aperitivum ſein wird, und dieſes Aperitivum, wem verdanke ich es, wenn nicht Ihnen, Doctor? O edler Denker! o großer Philoſoph!“
„Das iſt bis zum Wahnſinn getriebene Gaſtrola⸗ trie *)!“ rief der Abbé Ledoux; „das iſt Neopaganis⸗ mus **)!“
*) Bauchdienerei. **) Neuheidenthum.


