Pweites Rapitel. 6 Valentine von Infreville zählte drei Jahre
mehr als Frau von Luceval, und bildete mit dieſer einen auffallenden Contraſt, obgleich auch ſie ſehr hübſch war; groß, ſehr brünett, ſehr ſchlank, ohne mager zu ſein, hatte ſie ſchöne Augen, voll Feuer und ſo ſchwarz als ihre langen, dichten Haare; ihre rothen, von einem leichten Flaum gezeichneten Lippen, ihre roſigen, bei der geringſten Aufregung zitternden Naſenflügel, der ein wenig männliche Klang ihrer Altſtimme, alles ver⸗ kündigte bei dieſer Frau einen glühenden, leidenſchaft⸗ lichen Charakter; ſie hatte Florence im Kloſter zum Heiligen Herzen, wo ſie eine innige Verbindung ſchloßen, kennen gelernt. Valentine verließ dieſe Zu⸗ fluchtsſtätte, um ſich zu verheirathen, ein Jahr vor ihrer Freundin, die ſie jedoch manchmal im Kloſter beſuchte; aber kurze Zeit vor ihrer Verbindung mit Herrn von Luceval ſah Florence zu ihrem großen Erſtaunen Va⸗ lentine nicht mehr, und ihr Zuſammenhang beſchränkte ſich von da an auf einen von Seiten von Frau von In⸗ freville, die, wie ſie ſagte, von Familienſorgen in Anſpruch genommen, ziemlich ſpärlichen Briefwechſel; die zwei Freundinnen fanden ſich alſo wieder nach einem Zwiſchenraum von ungefähr ſechs Monaten.
Frau von Luceval bemerkte, nachdem ſie ihre
Freundin zärtlich umarmt hatte, ihre Bläſſe, ihre Auf⸗
regung und fragte voll Unruhe: „Mein Gott, Valentine, was haſt Du denn? meine
Kammerfrau ſagte mir zuerſt, Du wünſcheſt mich zu
ſprechen, aber Du wolleſt nicht zu mir heraufkommen.“ „Höre, Florence, ich habe den Kopf verloren, ich
bin toll!“
„Ich bitte, erkläre Dich, Du erſchreckſt mich⸗“


