Teil eines Werkes 
10. bis 12. Bändchen (1845)
Entstehung
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weil Emmas ganzes Weſen bis auf die geringſte Be⸗

wegung hinab eine ernſte, keuſche Grazie athmete, die ich Majeſtät nennen würde, wenn dieſer Ausdruck auf eine junge ſechszehnjährige Dame paßte, in deren gro⸗ ßen blauen Augen und friſchem Lächeln ſich die reine kindliche Offenheit abſpiegelte.

Wie gewöhnlich, ſchenkte Emma den Thee ein. Beim Präſentiren deſſelben bewies ſie einigen Damen beſondere Aufmerkſamkeiten. So nahm Sie den Au⸗ genblick wahr, wo die Fürſtin von Hericourt die Un⸗ tertaſſe ergriff, bog ſich ſanft nieder und küßte die Hand der Fürſtin. So verdünnte ſie den für Frau von Semur beſtimmten Thee, weil ſie nicht vergeſſen hatte, daß jene keinen ſtarken Thee vertragen könne. Ich führe dieſe Kleinigkeiten an, weil Emma ihnen die größte Bedeutung zu geben wußte.

Ewig unvergeßlich bleibt mir das wehmüthige Lächeln, womit Frau von Richeville mich anſah, als Emma ſie mit ihrer klangreichen, lieblichen Stimme fragte; darf ich Ihnen Thee anbieten, Madame? Gott! dies froſtige, gleichgültige Madame fuhr der armen Mutter wie ein Dolch durch die Seele. Doch mußte ſie ſchweigen, denn vor der Welt war ihr die Tochter nur das Fräulein von Loſtange, eine Waiſe und entfernte Verwandte.

Schon nach wenigen Tagen wurden Emma und ich vertraut mit einander. Ihr Herz war ſo offen, ſo bieder, ſo abſtoßend gegen Alles, was mit ihrer edlen Natur nicht in Einklang ſtand, daß Emma ge⸗ wiſſe Laſter und Vergehen nie begriffen hat.

Jede böſe That ſchien ihr eine Wirkung ohne Ur⸗ ſache, ein außerordentliches Ereigniß; die Möglichkeit frevelhafter Abſichten, die Gewalt unlauterer Triebe, die zu Verbrechen oder Niederträchtigkeiten führen, gingen über ihren Verſtand. Emma war eine in ih⸗ rer Art ebenſo ſeltene Ausnahme, als Fräulein von Maran und Urſulg in der ihrigen.