Erſtes Kapitel. Der Brief.
Mißtrauiſch gehe ich an die Erzählung dieſes neuen Abſchnittes aus meinem Leben.
Als ich die Ereigniſſe, welche zwiſchen meiner Kindheit und meiner Heirat, und zwiſchen meine Heirat und den Augenblick fallen, wo Herr von Lan⸗ ery mich ſo grauſam verließ, um Urſula in Paris aufzuſuchen, durfte ich allen meinen Erinnerungen und allen Gefühlen derſelben vertrauensvoll mich hingeben. Ich brauchte mir Nichts zu verſchweigen, Nichts zu be⸗ mänteln. Offenheit war kein Verdienſt.
Nur die Uebertreibung einiger lobenswerthen Eigenſchaften konnte ich nicht leugnen. Hatte ich doch Herrn von Lanery geſagt, ich ſelbſt fühlte recht wohl, daß meine überſtandenen Leiden, wären ſie zur Kennt⸗ niß der Menſchen gelangt, nicht die leiſeſte Theilnahme zu erregen vermocht hätten, weil ich es an Entſchieden⸗ heit und an Würde in meinem Benehmen gegen ihn habe fehlen laſſen.
Tag ein, Tag aus Richts als blinde Unterwürfig⸗ keit, feige Ergebung; Nichts als Weinen und Dulden. .. auch Dulden iſt um nichts mehr eine Tugend, als Thränen eine Sprache ſind.
Für eine edle Sache dulden, iſt groß und ſchön.


