Zweifelsohne wurde Gontrans Eigenliebe durch dieſen Spott verletzt, denn meine Nähe außer Acht laſ⸗ ſend, rief er faſt bekümmert aus:
„Wie, Ihr Schweigen war Reſignation und Gleich⸗ gültigkeit, Couſine?“
„So ſehr, lieber Vetter, daß ich mich auf die klein ſten Einzelnheiten der traurigen Folgen Ihrer Kühnhe g erinnere.“
„Wie ſo?“ 3
„Gewiß, mein rechte Hand lag auf dem Gitter des Balkons und indem ich ſie zurückzog, zerriß ich die Spitzen an meinem Taſchentuche.“
„Das beweiſt Ihr treffliches Gedächtniß,“ ſagte Gontran ungeduldig.
„Das beweiſt durchaus Nichts für mein Gedächt⸗ niß, aber es beweiſt die himmliſche Reinheit meiner Gefühle Ihnen gegenüber.“
„Madame“
„Nun, laſſen Sie doch ſehen, betrachten Sie die Sache einmal ernſt. Wäre mein Schweigen Verlegen⸗ beit geweſen, hätte ich Sie geliebt, würde ich dann dieſes Alles bemerkt haben? Hätte ich, um von einem jener plötzlichen, ſtummen, tiefen Gefühle, die uns be⸗ rauſchen und verführen, ergriffen zu werden, gewartet, bis Ihre Lippen meine Wange geſtreift, bis Ihr Arm mich umſchlungen? O mein Gott, kaum hätte Ihre Hand die meinige berührt, ſo würde ein elektriſcher Funke, ſchnell wie der Blitz, meine Vernunft, meine Sinne verwirrt haben! Faſt unbewußt, ohne daran zu denken, gegen meinen Willen ſogar würde ich in Ihre Arme geſtürzt ſein, und in ihnen wäre ich erwacht ohne irgend eine Erinnerung, aber noch zitternd von den berauſchenden, unbekannten Gefühlen, welche kein Aus⸗ druck zu beſchreiben vermag.“
Wehe! Wehe! niemals werde ich den bewegten, leidenſchaftlichen Ton vergeſſen, mit dem Urſula dieſe letzten Worte ſprach. Nie werde ich die Röthe ver⸗


