Teil eines Werkes 
9. Band (1844)
Einzelbild herunterladen

— 120 —

Blanea's vorſtellen, als ſie ihre Schweſter die Worte aus⸗ ſprechen hörte, in welchen ſich ihre gemeinſchaftliche Lage zuſam⸗ menfaſſen ließ: „Ich denke an die Goldſtadt unſerer Träume.“ —

Sie trocknete die Thränen ihrer Schweſter und ſagte: „Wer weiß? vielleicht kommt uns das Glück ſpäter.“

„Ach!“ entgegnete Roſa, „wenn wir trotz der Anweſenheit unſeres Vaters nicht glücklich ſind, werden wir dann jemals glücklich werden?“ .

„Ja, wenn wir beiunſerer Mutter ſind,“ ſagte Blanca, gen † Himmel blickend.

„Unſer neulicher Traum iſt vielleicht eine Andeutung, wie der in Deutſchland,“ bemerkte Roſa. 3

„Der Unterſchied iſt nur, daß damals der Engel Gabriel

om Himmel zu uns herab ſtieg, und daß er dies Mal uns . von der Erde hinauf zu unſerer Mutter geführt hat.“

„Vielleicht wird dieſer Traum in Erfüllung gehen, wie der andere. Wir hatten geträumt, der Engel Gabriel würde uns beſchützen, und er hat uns aus dem Schiffbruch gerettet.“

„Warum ſollte er uns nicht auch in den Himmel führen, 6. wie wir dies Mal geträumt haben?“ Roſa beſann ſich einen Augenblick und entgegnete: „Da 3

müßte ja unſer Gabriel, der uns aus dem Schiffbruch geret⸗ tet hat, gleichfalls ſterben. Nein! das ſoll nicht geſchehen. Laß uns beten, daß es nicht geſchehe.“

„Ei nein,“ ſagte Blanca. „Wir haben ja nicht unſern Retter Gabriel, ſondern den Engel Gabriel, der ihm gleicht, im Traum geſehen.“

„Ein ſeltſamer Traum! Auch dies Mal, wie in Deutſch⸗ land, haben wir beide drei Mal denſelben Traum gehabt.“

„Der Engel Gabriel hat ſich zu uns geneigt und mit

4 ſanfter trauriger Miene geſagt: Kommt, Kinder! kommt, Schweſtern! eure Mutter erwartet euch. Ihr armen Kinder ſeid ſo weit hergekommen, ſeid über die Erde gegangen un⸗ ſchuldig und ſanft wie zwei Tauben, um auf immer Ruhe

zu finden in dem mütterlichen Neſte.“

„Gerade ſo habe auch ich den Engel ſprechen hören,“ ſagte Roſa. „Die Wahrheit iſt, wir haben nie Jemand et⸗ was zu Leid gethan, wir haben diejenigen geliebt, welche uns

liebten. Warum ſollten wir uns fürchten zu ſterben?“