Teil eines Werkes 
5. Band (1844)
Einzelbild herunterladen

— 66

Gemüthszuſtand des Fräuleins von Cardoville ihre Einſper⸗ rung in einem Krankenhaus nöthig gemacht hat.“

„Ja,“ ſagte Adriana mit Schmerz, „ich habe eine lange Unterredung mit meiner Tante gehabt, und dieſe Unterredung ward ohne mein Wiſſen aufgeſchrieben.“

„Ich war alſo mit meinem ſtenographirten Aufſatz allein und fing an, ihn abzuſchreiben. Als ich zehn Zeilen ge— ſchrieben hatte, war ich ganz verblüfft. Ich wußte nicht, wachte ich oder träumte ich. Wie? Wahnſinnig? rief ich. Das Fräulein von Cardoville wahnſinnig? Wahnſinnig ſind die, welche ſolchen Unſinn behaupten! — Mit wachſender Spannung las ich weiter, und bis zu Ende. Was ſoll ich Ihnen ſagen? Das, was ich empfand, läßt ſich nicht aus— drücken. Es war Rührung, Freude, Begeiſterung — —!“

„Von wem ſprechen Sie?“ fragte Adriana geſpannt.

Rodin ſchien einen Augenblick zu ſchwanken und fuhr dann fort: „Nein, es iſt unnöthig, Sie jetzt davon zu unterrichten. Was ich Ihnen ſagen kann, iſt das. Als ich zu Ende ge⸗ leſen hatte, lief ich zum Abbe 6Aigrign und wollte ihn über⸗ zeugen, daß er in Ve ezug auf Sie im Irrthum ſey. Ich fand ihn nicht. Geſtern Morgen ſagte ich ihm lebhaft meine Mei⸗ nung. Er ſchien ſich bloß zu wundern, daß ich überhaupt eine Meinung h e Meine Vorſtellungen wurden mit ver⸗ achtendem en aufgenommen. Ich glaubte er ſey ge⸗ täuſcht. ward dringender; aber vergebens. Er gebot mir, mit in das Haus zu gehen, wo das Teſtament

Ihres Poſfahren eröffnet werden ſollte. Ich war ſo ver⸗ vlendet in Betreff des Abbé Aigrigny, vaß es der Ankunft des Soldaten, ſeines Sohnes und dann des Vaters des Marſchalls Simvn bedurfte, um mir die Augen zu öffnen. Die Aeußerungen ihres Unwillens enthüllten mir die Aus⸗ dehnung eines von langer Zeit her mit erſchrecklicher Ge⸗ ſchicklichkeit angeſponnenen Complotts. Jetzt begriff. ich, warum man Sie für wahnſinnig ausgab. Jetzt ward mir klar, warum die Töchter d des Marſchalls Simon ins Kloſter gebracht wor— den waren. Jetzt kamen mir tauſenderlei Erinnerungen an Stücke von Vriefen, an 2 ufſätz ze, die man mir zu copiren oder zu chiffriren gegeben, und deren Sinn ich ist dahin nicht Pegriffen hatte. Ginnerungen ließen mich die

Le