nicht eher aufgehört als nach dem ſechzehnten. Ich denke, das war nicht übel.“
„Sie ſind alſo betrogen worden?“
„Noch ſchlimmer. Man hat es mir gemacht, wie ſo vie⸗ len andern armen Mädchen, die ſo wenig, wie ich anfangs Luſt hatten, Unrecht zu thun. Meine Geſchichte iſt nicht lang. Meine Eltern ſind Bauersleute aus der Gegend von St. Valéry, ſo arm, daß ſie von uns fünf Kindern mich in meinem achten Jahr nach Paris ſchicken mußten zu meiner Tante, die hier Haushälterin war. Die gute Frau hat mich aus Barmherzigkeit aufgenommen, und das war ſchön von ihr, denn ſie verdiente nicht viel. Als ich elf Jahr alt war, ſchickte ſie mich arbeiten in eine Fabrik der Antonsvorſtadt. Ich will den Fabrikherren nichts Böſes nachſagen; aber es kümmert ſie nicht, daß kleine Mädchen und kleine Knaben mit erwachſenen Mädchen und mit Burſchen von achtzehn bis zwanzig Jahren zuſammen ſind, alles bunt durcheinander. Sie können ſich denken, da gibt es, wie überall, ſchlechte Geſchöpfe, die ſich in Worten und Werken keinen Zwang anthun. Ich
frage Sie nun, was gibt das für ein Beiſpiel für Kinder, die mehr ſehen und hören, als ſie ſich merken laſſen? Man wird größer und gewöhnt ſich täglich, Dinge zu ſehen und zu hören, die einen ſpäter nicht mehr ſcheu machen.“
„Es iſt wahr, — wenigſtens das, was Sie da ſagen, Mamſell Roſe Pompon. Die armen Kinder! Wer beküm⸗ mert ſich um ſie? Weder Vater noch Mutter. Sie ſind bei ihrer täglichen Arbeit.“
„Ja, ja, Arſene. Es iſt leicht, von einem ungerathenen Mädchen zu ſagen: das iſt auch Eine. Wenn man das Warum von den Dingen wüßte, würde man ſie lieber bekla⸗ gen als verurtheilen. — Um auf mich zurückzukommen: mit
fünfzehn Jahren war ich ſehr hübſch. Eines Tages hatte ich
mich beim erſten Commis der Fabrik zu beſchweren. Ich ging in ſeine Stube. Er ſagte, er würde mir Recht ſchaffen
und ſogar mich unter ſeinen Schutz nehmen, wenn ich auf
ihn hören wollte. Er wollte mich ſogleich küſſen. Ich wehrte mich. Da ſagte er mir: Du ſtößt mich zurück? Du bekommſt keine Arbeit mehr; ich jage Dich aus der Fabrik!“
„Der ſchlechte Kerl,“ rief Arſene.
———.—
—
*


