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Fünfzehntes Kapitel. —
Nach dem Weggang der ſchwarzen Dame ging die Mayeur nicht ſogleich nach dem Pfandhaus, ſondern begab ſich erſt auf
ihre Kammer, um zu dem ſchweren Pack noch ihre einzige
wollene Decke hinzuzufügen. Am vorhergehenden Tag hatte
ſie vor Unruhe über das Schickſal Agrievla's nichts arbeiten
können, und auch der heutige Tag war vorausſichtlich verloren.
Und doch mußte ſie leben! Der niederſchlagende Kummer,
welcher die Kraft zur Arbeit lähmt, iſt bei dem Armen dop⸗
pelt ſchrecklich, denn dem Aufhören der Arbeit folgt die Noth.
Allein die Mayeux, dies rührende Muſterbild der Chriſten⸗
pflicht, hatte ſich noch weiter aufzuopfern und ſich nützlich zu
machen, und fand die Kraft dazu. Die ſchwächlichſten Geſchöpfe
beſitzen oft eine ungewöhnliche Seelenkraft. Es iſt, als ob
ihr Geiſt den ſchwachen Körper völlig in ſeiner Gewalt hätte
und ihm eine künſtliche Energie mittheilte. Die Mayeur
hatte ſeit vierundzwanzig Stunden nicht gegeſſen und nicht
geſchlafen, hatte die Nacht hindurch gefroren, hatte am frühen
Morgen zwei Mal den weiten Weg durch Paris im naſſen
Schnee gemacht, und dennoch waren ihre Kräfte nicht erſchöpft.
Nachdem ſie nochmals die beiden Mädchen beruhigt, verließ
ſie mit ihrem ſchweren Pack das Haus und kam bald an die
Ecke der Merryſtraße, wo ſeit Entdeckung des Complotts in
1 der Prouvairesſtraße häufiger als ſonſt Polizeidiener und
Stadtſergenten zu ſehen waren. Obwohl gekrümmt unter der
Laſt ihres Packes, lief ſie faſt über das Trottvir hin. In
dddem Augenblick, wo ſie neben einem Stadtſergenten vorbeikam,
fielen hinter ihr zwei Fünffrankenthaler. Eine ſchwarzgeklei⸗
dete dicke Frau, die hinter ihr ging, machte den Sergenten
auf die Geldſtücke aufmerkſam, ſagte ihm raſch ein Paar
Worte, auf die Maheur deutend, und entfernte ſich eilig in
der Richtung nach der Briſe⸗ Miche⸗Gaſſe.
Der Stadtſergent hob das Geld auf, lief der Mayeur nach
und rief: „Heda! Heda! Halt! Halt! Weibsbild!“


