Teil eines Werkes 
3. Band (1844)
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Fünfzehntes Kapitel. —

Nach dem Weggang der ſchwarzen Dame ging die Mayeur nicht ſogleich nach dem Pfandhaus, ſondern begab ſich erſt auf

ihre Kammer, um zu dem ſchweren Pack noch ihre einzige

wollene Decke hinzuzufügen. Am vorhergehenden Tag hatte

ſie vor Unruhe über das Schickſal Agrievla's nichts arbeiten

können, und auch der heutige Tag war vorausſichtlich verloren.

Und doch mußte ſie leben! Der niederſchlagende Kummer,

welcher die Kraft zur Arbeit lähmt, iſt bei dem Armen dop⸗

pelt ſchrecklich, denn dem Aufhören der Arbeit folgt die Noth.

Allein die Mayeux, dies rührende Muſterbild der Chriſten⸗

pflicht, hatte ſich noch weiter aufzuopfern und ſich nützlich zu

machen, und fand die Kraft dazu. Die ſchwächlichſten Geſchöpfe

beſitzen oft eine ungewöhnliche Seelenkraft. Es iſt, als ob

ihr Geiſt den ſchwachen Körper völlig in ſeiner Gewalt hätte

und ihm eine künſtliche Energie mittheilte. Die Mayeur

hatte ſeit vierundzwanzig Stunden nicht gegeſſen und nicht

geſchlafen, hatte die Nacht hindurch gefroren, hatte am frühen

Morgen zwei Mal den weiten Weg durch Paris im naſſen

Schnee gemacht, und dennoch waren ihre Kräfte nicht erſchöpft.

Nachdem ſie nochmals die beiden Mädchen beruhigt, verließ

ſie mit ihrem ſchweren Pack das Haus und kam bald an die

Ecke der Merryſtraße, wo ſeit Entdeckung des Complotts in

1 der Prouvairesſtraße häufiger als ſonſt Polizeidiener und

Stadtſergenten zu ſehen waren. Obwohl gekrümmt unter der

Laſt ihres Packes, lief ſie faſt über das Trottvir hin. In

dddem Augenblick, wo ſie neben einem Stadtſergenten vorbeikam,

fielen hinter ihr zwei Fünffrankenthaler. Eine ſchwarzgeklei⸗

dete dicke Frau, die hinter ihr ging, machte den Sergenten

auf die Geldſtücke aufmerkſam, ſagte ihm raſch ein Paar

Worte, auf die Maheur deutend, und entfernte ſich eilig in

der Richtung nach der Briſe⸗ Miche⸗Gaſſe.

Der Stadtſergent hob das Geld auf, lief der Mayeur nach

und rief: „Heda! Heda! Halt! Halt! Weibsbild!“